Nyck de Vries - Formel E - 2021 Mercedes

Nyck de Vries Interview zur Formel-E-Saison 2022

FE-Meister Nyck de Vries im Interview „Driving Standards nicht immer korrekt“

Formel-E-Meister Nyck de Vries spricht im Interview mit auto motor und sport über eine Saison mit Höhen und Tiefen, den Ausblick auf das Unternehmen Titelverteidigung und den bevorstehenden Ausstieg seines Arbeitgebers Mercedes aus der Elektroserie.

Nach Ihrem Titelgewinn in Berlin sagten Sie, es fühle sich wie der Sieg nach einer Lotterie an. Denken Sie noch immer so darüber?

De Vries: Ich bin sehr dankbar für die Meisterschaft und beschreibe es gerne damit, dass das Glück am Ende auf unserer Seite war. Wenn man allerdings auf die gesamte Saison zurückblickt, glaube ich, dass unser Titel verdient ist. Es war eine hart umkämpfte Saison mit vielen Höhe- und Tiefpunkten für alle im Feld. Wir standen trotzdem die meiste Zeit über an der Spitze der Meisterschaft.

In der Formel E wechseln sich Erfolg und Misserfolg selbst bei Top-Piloten wie Ihnen schnell ab. Wie geht man als Fahrer damit um?

De Vries: Nach dem starken Saisonauftakt in Saudi-Arabien habe ich mir natürlich einen Jahresverlauf gewünscht, der mit vielen Punkten und Top-5-Ergebnissen darauf aufbaut. Im Motorsport ist aber nichts planbar. Vor allem zur Jahresmitte hatten wir aus verschiedenen Gründen größere Probleme. Als Fahrer gewöhnt man sich dann aber fast an die schwierigen Phasen. Schließlich durchläuft sie jeder im Feld der Formel E, was sie quasi zu einem Teil dieser Rennserie macht. Wie im Leben selbst muss man die Situation akzeptieren und nach vorne schauen.

Das kontroverse Qualifikationssystem hat auch Sie in der vergangenen Saison häufig benachteiligt. Freuen Sie sich deshalb auf das überarbeitete Format mit K.O.-Phasen?

De Vries: Auf den ersten Blick sieht das neue System viel fairer aus. Ich bin gespannt, wie es in echt ablaufen wird. Natürlich wird es seine Zeit brauchen, bis man versteht, wie es funktioniert. Aber grundsätzlich sehe ich es sehr positiv. Denn das, was wir bis zu diesem Jahr hatten, war keine wirkliche Lösung für so eine bedeutende Meisterschaft.

Nyck de Vries - Formel E - 2021
Motorsport Images
Nyck de Vries erlebte 2021 eine Saison wie eine Achterbahnfahrt. Am Ende stand der Meistertitel.

Wurden die Fahrer in die Planungen für das neue System miteinbezogen oder entscheiden die Regelhüter allein darüber?

De Vries: Es ist eine schöne Vorstellung, dass Piloten einen echten Einfluss auf die Regeln nehmen können. Wir machen aber nur unseren Job und können im Zuge dessen auf potenzielle Probleme hinweisen.

Das Racing in der Formel E wird häufig als sehr aggressiv beschrieben. Sie gelten eher als kontrollierter und bedachter Fahrer. Wie lange dauerte Ihre Anpassung?

De Vries: Als ich in die Serie kam, dachten sogar erst alle, ich wäre ein besonders aggressiver Fahrer! Ich glaube, jeder Pilot hat seine eigene Persönlichkeit und seinen eigenen Charakter. Und viele übertragen dies instinktiv auf die Art, wie sie Rennen fahren. Trotzdem passt man sich auch daran an, wie sich die Kollegen auf der Strecke verhalten. Ich habe das Gefühl, dass in der Formel E das Grundlevel bereits recht aggressiv ist: Abwartende und vorausdenkende Fahrer werden vor allem im Mittelfeld von der Konkurrenz aufgefressen. In anderen Serien würde ich wahrscheinlich eine konservativere und kontrolliertere Herangehensweise wählen, aber man muss sich dem jeweiligen Umfeld angleichen. Meiner Meinung nach sind die Driving Standards nicht immer korrekt, und auch ich schieße manchmal über das Ziel hinaus.

Wie erklären Sie sich das?

De Vries: Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Zum einen sind die Strecken sehr eng und nicht gerade überholfreundlich. Zum anderen sind die Autos sehr herausfordernd und rutschen sehr viel. Wenn man beispielsweise am Ende eines Rennens mehr Energie als die Konkurrenten gespart hat, steigt der Druck, sie zu überholen, um sich mit dem strategischen Vorteil nach vorne zu kämpfen. Wenn man zusätzliche Unterstützung durch den Attack Mode hat, steht man noch stärker unter Zugzwang. Im Mittelfeld und dahinter geht es dann häufig ordentlich zur Sache, während die Fahrer an der Spitze lieber ihre gute Ausgangslage konsolidieren. Das Problem: Man hat meist keine andere Wahl, denn warten macht alles schlimmer.

Nyck de Vries - Formel E - 2021
Mercedes
In der Formel E muss man aggressiv zu Werke gehen, um nach vorne zu kommen.

Wie kann man sich auf solche Szenarien vorbereiten?

De Vries: Nichts bereitet einen darauf vor, hier Rennen zu fahren. Wir verbringen zwar viel Zeit im Simulator und machen unsere Hausaufgaben. Doch wenn man andere Autos um sich herum hat und die Scharmützel ausbrechen, muss man immer ganz bewusst entscheiden, ob man lieber mitkämpft oder geduldig Energie spart. Es braucht dann eine Mischung aus Vorbereitung, Erfahrung und Instinkt.

Hat man da als Fahrer noch Spaß oder ist es schon Dauerstress im Cockpit?

De Vries: Ich mag Racing mit solchen herausfordernden Elementen, da sie für etwas Abwechslung sorgen. Vor allem das Energie-Management finde ich spannend, weil es auf der einen Seite ein strategisches Element ist, auf der anderen Seite aber auch die Brücke zu normalen Elektroautos schlägt.

Zusätzlich zur Formel E treten Sie auch bei Langstreckenrennen an – zum Beispiel bei den 24 Stunden von Le Mans. Erkennen Sie Schnittmengen?

De Vries: Ironischerweise geht es in allen großen Formel-Serien heutzutage ums Sparen – von Reifen, Sprit oder eben Energie. Während man im Langstreckensport hingegen immer Vollgas fahren kann – also ganz im Gegensatz zum Klischee. Bestimmte Fahrtechniken wie "Lift and Coast", also das Segeln kurz vor einer Bremszone, kommen aber tatsächlich in beiden Disziplinen zum Einsatz. Für mich als Fahrer ist es deshalb wichtig, mich durch die Teilnahme an unterschiedlichen Rennen weiterzuentwickeln. Testfahrten und Simulatorarbeit sind zwar wichtig, aber nur durch echtes Racing wird man ein besserer Rennfahrer.

Nyck de Vries - Formel E - 2021
Motorsport Images
Nach der Saison 2022 muss sich Nyck de Vries einen neuen Arbeitgeber suchen.

Zu Beginn wurde die Formel E noch als Ort für ausklingende oder gescheiterte Karrieren belächelt. Nun lässt sich die Qualität im Feld mit der in der Formel 1 vergleichen. Ist die Formel E ein gleichwertiger Ersatz?

De Vries: Grundsätzlich hat sich die Formel E als Rennserie etabliert. Sie wird in unserer Motorsport-Szene akzeptiert und geschätzt. Viele vergleichen sie aber immer noch mit der Formel 1, was ihr in meinen Augen nicht gerecht wird. Für mich sind es verschiedene Meisterschaften mit ganz verschiedenen Anforderungen. Wir sollten die Formel E eher als eine eigenständige Meisterschaft sehen. Ich bin glücklich, ein Teil von ihr zu sein und um Siege kämpfen zu können – deswegen bin ich ja schließlich Rennfahrer geworden.

Mit Audi und BMW haben zwei große Hersteller die Formel E verlassen. Ihr aktueller Arbeitgeber Mercedes wird nach der anstehenden Saison das Projekt beenden. Gibt das Ihrem Titel 2021 einen größeren Wert?

De Vries: Ich sehe es nicht so, aber ich kann verstehen, dass man diese Perspektive einnimmt. Es ist sehr schade, dass am Ende der kommenden Saison drei große Hersteller die Serie verlassen haben werden. Das hat die Formel E aus meiner Sicht nicht verdient, denn sie hat alle Zutaten, die es braucht, um auch zukünftig relevant zu sein. Wenn man Messen wie die IAA besucht, sieht man nur noch Elektroautos, und die Hersteller kündigen immer weiter neue E-Modelle an. Natürlich haben ihre Ein- und Ausstiege in beide Richtungen große Konsequenzen für die Meisterschaften. Doch so läuft es nun einmal im Rennsport, und man muss die Gründe für solche Entscheidungen respektieren.

Im ersten Corona-Jahr hat auch die Formel E den virtuellen Motorsport als Alternative in Zeiten von Lockdowns entdeckt. Gefällt Ihnen das Rennfahren am Computer?

De Vries: Ich finde es toll, dass man darüber mit den Fans interagieren kann. Denn in jeder anderen Sportart wissen Fans aus eigener Erfahrung, welche Fähigkeiten es braucht. Zum Beispiel kann jeder einen Fußball kicken oder mit einem Tennisschläger den Ball schlagen – daraus kann man dann ableiten, was es für das Top-Level brauchen würde. Da der Motorsport aber so schwer zugänglich ist, kann man kaum unsere Erfahrungen teilen. Simracing bietet allerdings eine Möglichkeit, die Herausforderungen nachvollziehbarer zu machen. Trotzdem glaube ich, dass zwischen beiden Welten eine Grenze besteht. So ist ein guter Simracer nicht automatisch ein guter Rennfahrer – und umgekehrt. Man muss beide Disziplinen wertschätzen. Ich finde es toll, dass andere sich so gut reinfuchsen konnten, leider bin ich echt mies darin (lacht).

Können Sie sich eine langfristige Zukunft in der Formel E vorstellen?

De Vries: Im Leben und besonders im Motorsport kann man nur schwer in die Zukunft schauen. Man ist ja meist mit der Gegenwart und dem nächsten Rennen beschäftigt, um im Hier und Jetzt die bestmögliche Leistung zu zeigen. So entstehen dann die Möglichkeiten für die Zukunft. Mit der anstehenden dritten Generation bietet die Formel E aber weiterhin alles, was es für eine erfolgreiche Zukunft braucht. Ich bin überzeugt, dass die Formel E auch in den nächsten Jahren weiter wachsen wird!

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Weltmeister Nyck de Vries gewinnt den zweiten Lauf der Formel E in Berlin.

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