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Mercedes SL 55 AMG im Gebrauchtwagen-Check

Hightech-Hammer aus 2002: Was taugt er heute noch?

Mercedes SL 55 AMG, Exterieur Foto: Mark Reinecker 22 Bilder

Ja, schon klar: The Hammer, das ist eigentlich das 300er-AMG-Coupé mit Sechsliter-V8 aus den Achtzigern. Doch der SL 55 AMG ist der moderne Hammer – nicht nur wegen seiner 500 Kompressor-PS, auch wegen seiner vielen Talente. Vorsicht: Der macht süchtig!

23.03.2018 Michael Harnischfeger Powered by

Im Showroom, der beim Lexus- und Toyota-Händler Lackas den exklusiveren Gebrauchten vorbehalten ist, herrscht Gedränge. Porsche 997 GTS, Maserati Quattroporte und Audi RS 6 stehen da dicht an dicht, vorn in der Ecke ein weißer Audi R8 – Vorbesitzer BVB-Exzentriker Pierre-Emerick Aubameyang.

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Mercedes SL 55 AMG, Exterieur
Gebrauchte Sportwagen Mercedes SL 55 AMG im Check
Sport Auto 1/2018
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Nicht einmal 31.000 Euro ruft Verkaufsberater Achim Henneken auf für den 2002er-AMG mit 59.000 Kilometern. Scheckheft durchgestempelt, Felgen ohne Beschädigungen, Reifen mit sattem Profil, Bremsscheiben kaum eingelaufen. Der erste Blick findet nichts Störendes. Oder doch? Am rechten Vorderwagen ist eine kleine Narbe zu erkennen. „Ja“, sagt Henneken, „der letzte Vorbesitzer hat das Auto vor rund eineinhalb Jahren folieren lassen. Das Werks-Silber war ihm wohl zu bieder.“ Hm, unter Folien kann sich vieles verstecken.

Kein Problem, sagt Henneken: „Wünscht der Kunde das Auto in Silber, bekommt er es in Silber.“ Bei den Preisverhandlungen wäre dann auch noch über die nächste Wartung zu sprechen, die ist laut Bordcomputer sehr bald fällig. Störungen sind nicht im Fehlerspeicher abgelegt, so soll es sein.

Driftwinkel? 180 Grad plus x!

Mercedes SL 55 AMG, Motor Foto: Mark Reinecker
Power ohne Ende: Der wassergekühlte V8 mit Kompressor leistet 500 PS.

Während der 500er der Baureihe R 230 ein sanfter, gleichwohl souveräner Gleiter ist, ist der SL 55 AMG ein ganz anderes Auto. Mit 476 PS startete der 5,5-Liter mit dem IHI-Kompressor im V der acht Zylinder, doch bald schon korrigierte AMG die Leistungsangaben auf glatte 500 PS – die Motoren streuten durch die Bank massiv nach oben. Man mag über das Klappdach staunen, das sich in anmutiger Choreografie auf Tastendruck in den Kofferraum faltet. Oder man darf staunen über das Wunderwerk namens Active Body Control, das Wanken und Bremsnicken zuverlässig minimiert.

Ganz zu schweigen von der elektrohydraulischen Bremse Sensoric Brake Control. Sie stellt radindividuell stets die passenden Bremsdrücke ein, steht allerdings im Ruf, nach einer bestimmten Anzahl von Bremsungen nach einer neuen teuren Steuereinheit zu verlangen. Das Netz schweigt aber vielsagend, wenn man nach den Kosten einer SBC-Überholung sucht. Die komplexe Technik scheint langlebig zu sein.

Also: Da ist schon viel begeisternder Hightech an Bord des SL. Aber was wirklich fasziniert, ist eben dieser Gigant von Motor, der seine Kräfte in ein dunkles Auspufflied und allerfeinste Manieren packt. Auf der Pressevorstellung war es, dass ein Kollege den damaligen AMG-Boss Ulrich Bruhnke fragte, welche Driftwinkel denn mit dem SL 55 möglich seien. Bruhnke gluckste und gab die auch heute noch sehr zutreffende Antwort: „Bei abgeschaltetem ESP 180 Grad – plus x.“

Und genau so ist es. Schon auf trockener Fahrbahn lässt Vollgas die ASR-Lampe panisch blinken, bei Nässe streichelt man das Gas besser nur, um nicht andauernd elektronisch gemaßregelt zu werden. Ansatzlos anliegende Power ist zwischen 1.000 und 6.500 Touren reichlich vorhanden, und wenn Hinterachsaufhängungen und die weit gespreizte Fünfstufenautomatik nicht verschlissen sind, gibt es auch bei viel Gas keine derben Schläge beim Hochschalten.

Mercedes SL 55 AMG, Exterieur Foto: Mark Reinecker
Der SL 55 AMG bleibt sehr spurstabil und das bis 300 km/h Höchstgeschwindigkeit im Performance Package.

Gut zu wissen, dass die 360 Millimeter großen Vorderachsbremsen mit Achtkolbensätteln (später dann mit sechs Kolben) standfest und wirkungsvoll sind. Selbst bei unserem Supertest gab es kein Schwächeln, sondern in Hockenheim und auf der Nordschleife Zeiten, die für ein so gewichtiges Auto aller Ehren wert sind. Auf der Döttinger Höhe hing der SL natürlich sehr lange im Begrenzer bei 250 km/h, was manche Erstbesteller durch das Ordern des AMG Performance Package korrigierten.

Jenes ist durch 380-Millimeter-Bremsscheiben in 19-Zoll-Rädern und eine Frontschürze im Look des F1-Safety-Cars erkennbar. Diese SL regeln erst bei 300 km/h ab und erhöhen das Kurvenvergnügen zusätzlich durch ein serienmäßiges Sperrdifferenzial.

Die Vmax-Beschränkung programmierten viele Tuner weg und erzogen die an sich wunderbare Automatik auch zu noch zackigeren Gangwechseln. Gern wurde dazu auch dem Kompressor eine andere Übersetzung verpasst, was die Leistung mindestens um 50, mit anderen Nettigkeiten auch gern um 150 PS steigen lässt.

Das macht den SL mit geschlossenem Dach zum leisen, immens spurstabilen 300-km/h-plus-x-Coupé. Klar ist aber auch, dass solche Modifikationen zu Problemen führen können, wenn sie nicht in die Papiere eingetragen und der Versicherung gemeldet wurden.

SL 55 AMG: Vor dem Kauf elektrische Helferlein checken

Porsche 911 Turbo, Heckansicht M6 Cabrio, SL 55 AMG und 911 Turbo Gebrauchte 300km/h-Sportwagen

Neben deutschen und europäischen Erstauslieferungen spielen auf dem Gebrauchtwagenmarkt auch Re-Importe aus den USA und aus Japan eine Rolle. Markt- und SL-Kenner raten bei Re-Importen aus Übersee mehrheitlich zu Autos aus Japan. Wenig Kilometer auf dem Tacho und die dort weit verbreitete Pflegemanie sowie das fehlende Streusalz sprechen für einen Japan-SL, der gemeinhin trotz Linksverkehr aus Originalitätsgründen als Linkslenker geordert wurde. US-Autos, heißt es, zeigen an den Dichtungen öfters Spuren der hohen UV-Strahlung und können wegen des stark geschwefelten Sprits Probleme wegen verstopfter Katalysatoren machen.

Ihre Nachteile haben aber auch Autos aus Japan: Das Comand-Radio empfängt nur Sender unterhalb von 90 MHz, weshalb es für Deutschland oft durch Geräte aus dem Zubehörhandel ersetzt wird. Auch die Navigation funktioniert hier nicht richtig – und mit dem Umcodieren der Scheinwerfer auf Rechtsverkehr ist es nur oberflächlich getan.

Soll es wirklich regelkonform sein, müssen die umgebaut werden, wofür in einschlägigen Foren bekannte Fachleute etwa 300 Euro pro Seite berechnen.

Mercedes SL 55 AMG, Exterieur Foto: Mark Reinecker
Auch heute noch zu empfehlen und als kommender Klassiker begehrt. Die Baureihe R 230 steht gut da.

Damit sind wir beim Thema Geld und Qualitätskontrolle. Vor dem Kauf sollte man alle elektrischen Helferlein checken, vom Massagesitz bis zur Mechanik, die das geöffnete Dach im Kofferraum anhebt. Das Dach sollte ohne zu haken öffnen und schließen, die Dichtungen sollten geschmeidig sein. Steht der SL schief, ist eines der ABC-Federbeine defekt.

Daimler tauscht aus (teuer), es gibt aber auch Reparateure (billiger). Schwappt im ABC-System nur dunkle Brühe, muss neues Pentosin eingefüllt werden, erkennbar an der grünen Farbe. Ansonsten: Radführungen und Bremsen checken. Alles gut? Dann steht dem Spaß mit dem Hammer nichts im Wege.

Fazit

Ein harter, spitzer Sportwagen ist der SL nicht und wollte es nie sein. SL, das stand ja ursprünglich mal für superleicht. Vergiss es! Knapp zwei Tonnen wiegt der Klappdach-Roadster leer und lässt angesichts seiner opulenten Luxusausstattung auch das Wort Roadster unangemessen erscheinen.

Dennoch ist dieser SL fahrdynamisch schwer beeindruckend. Wie sehr sein ABC-Fahrwerk das Gewicht veschleiert, wie es ihm Handlichkeit und Kurvenspaß implantiert, das ist schon großes Kino. Hinzu kommen die Bremsen: Dass der SL, der später die runden Einzelscheinwerfer verlor, auf 517 PS erstarkte und Schaltpaddel statt -knöpfe erhielt, die Supertest-Strapazen ohne Bremsenausfall überstand, zeigt die Qualität der Stopper. Die viele Technik funktioniert im Alter meist erstaunlich problemlos, Mercedes hat hier alles gegeben, um die gewohnte Qualität zu produzieren. Von daher spricht nichts dagegen, ein gut dokumentiertes Auto ohne Rost zu kaufen, das auf der Probefahrt und auf der Bühne nicht schwächelt. Noch gibt es gute Erst- und Zweithandautos.

Technische Daten
Mercedes SL 55 AMG
Grundpreis131.660 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4535 x 1827 x 1295 mm
KofferraumvolumenVDA317 l
Hubraum / Motor5439 cm³ / 8-Zylinder
Leistung368 kW / 500 PS bei 6100 U/min
Höchstgeschwindigkeit250 km/h
Verbrauch13,5 l/100 km
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    Neuester Kommentar

    Straß'ler (Roadster) liegt doch an den vorgeschriebenen spritzschutz der räder ,dazu braucht es fläche um luftwürfel als druck beim fahren wirken zulassen
    es ist ebenso untersagt autos zutief an der front luftmassen aufnehmen zulassen
    wie FIA ,kaum ahnung von schönen Autos aber mitreden /sich in gesprächskreise einschleichen durch Regelwerke....ne ne ne...kauft doch BMW!?

    GRACHO 25. März 2018, 13:53 Uhr
    Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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