Gebrauchtwagen

Aufstiegs-Kunde

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Zum Preis eines neuen, aber nackten VW Polo 1.4 gibt es auch Premiumlimousinen und Sportcoupés - als attraktive Gebrauchte. Nur Nepp oder doch die große Aufstiegs-Chance? Und was kostet der Unterhalt? Eine Bestandsaufnahme.

Noch nicht einmal Eile ist geboten. Drei Wochen lang liegen die Kleinanzeigen und Internet-Ausdrucke auf dem Schreibtisch, dann erst bleiben zwei Tage Zeit für einen Ausflug ins Reich der Sinne. Es liegt, so viel zeigen schon die Foto-Hintergründe, im Industriegebiet oder am Rand städtischer Einfallstraßen: dort, wo die Gebrauchtwagen parken. Und weil es zu viele sind in diesen Zeiten, parken sie auch noch, wenn drei Wochen Zeit vergangen sind. Sie stehen, weil sie nicht ins Beuteschema der meisten Kunden passen: Die nämlich suchen vor allem mild motorisierte Kleinwagen und geräumige Diesel-Vans. Sie verschmähen leistungsstarke Zweithand-Autos selbst dann, wenn die Zahl auf dem Preisschild ein vollendetes Schnäppchen verspricht. Gut erhaltene Luxus-Automobile kosten oft nicht viel mehr als der billigste Smart - es gibt ihn für 9.450 Euro - und häufig weniger als ein VW Polo 1.4 Trendline.

Der steht mit 12.925 Euro in der Liste, ist dafür aber nackt wie Josephine Baker in der finalen Phase ihres Bananentanzes. Selbst Cupholder kosten extra, Klimaanlage und Aluräder sowieso. Viel weniger als 15.000 Euro werden am Ende nicht auf der Rechnung stehen, auch 17.000 sind kein Problem. Nur mit dem Fahrspaß könnte es später schwierig werden, weil so ein 80-PSPolo natürlich ein durch und durch vernünftiges Auto ist, aber kein besonders emotionales. Und Charismatiker sind heute billig. Speziell dann, wenn sie zu den Individualisten der Oberklasse zählen. Dann heißen sie Chrysler 300 M 3.5, sind knapp acht Jahre alt, stehen auf einem Kiesplatz im pfälzischen Neustadt an der Weinstraße und kosten noch etwa 20 Prozent des früheren Neupreises. „Das ist hier eine kleine Stadt“, sagt Ricardas Elskis, der im Chefsessel des Containerbüros residiert. „In Frankfurt wäre so ein Auto einfacher zu verkaufen.“ Frankfurt ist weit: Deshalb senkt Elskis den Preis von 7.850 auf 7.200 Euro - "aber Cash.“

Das Chrysler-Topmodell wartet auf einen Barzahler

Das schwarze Chrysler-Topmodell wartet schon länger auf einen Barzahler, die Regenspuren auf seinem Lack verraten es: Allzu hart kann das bisherige Leben der 254-PS-Limousine aber nicht verlaufen sein. Einen Besitzer gab es, Steuerberater war er, und er hat 127.000 Kilometer mit seinem Chrysler zurückgelegt. Zwischendurch war er regelmäßig in der Werkstatt, das Scheckheft beweist es. Ein Schlüsseldreh, der Sechszylinder meldet sich augenblicklich zu Wort, murmelt sanft im Leerlauf, während die Klimaautomatik den Muff der wochenlangen Standzeit aus dem üppig belederten Innenraum bläst. Eine kurze Probefahrt findet auf dem Hof statt, weil die rote Händlernummer gerade unterwegs ist, und sie enthüllt einen einzigen Mangel: Der Fensterhebermotor der hinteren linken Tür funktioniert nicht. Ansonsten wirkt der Chrysler deutlich gepflegter als das ihn umgebende Kiesplatz-Ambiente. "Ein echt gutes Auto“, sagt der Chef.

Aber es gibt genug Alternativen, drei Wochen Wartezeit hin oder her. Noch immer vierstellige Preisforderungen führen bereits auf die Gebrauchtwagenhöfe großer Markenhändler. "Die Preise für gut motorisierte Limousinen sind völlig im Keller“, sagt Franz Schreiner, Gebrauchtwagen-Profi des Mannheimer Autohauses Schmitt & Umhey - dieser eine Satz reicht, um den Tiefpreis des metallic-roten Saab 9-3 2.0 Turbo auf seinem Hof zu erklären. Sechs Jahre und 79.000 Kilometer ist er alt, üppig ausgestattet, scheckheftgepflegt und - mit umfangreicher Gebrauchtwagen-Garantie - für ganze 9.900 Euro zu haben. Der Betrag entspricht gerade einem Drittel des früheren Neuwerts.

Nicht nur drei Wochen warten ist okay, sondern auch eine Suche vor der Haustür, denn Schnäppchen parken mittlerweile überall. Ganze zehn Autominuten vom Mannheimer Saab entfernt, im badischen Städtchen Heddesheim, bietet Lancia-Händler Günther May ein 204 PS starkes Dreiliter-Kappa-Coupé an, eines der letzten Exemplare von 1999, vollausgestattet, erst 53 000 Kilometer gelaufen und 12 850 Euro teuer.

Ästhetische Bedenken

Die ausführliche Probefahrt hinterlässt nur ästhetische Bedenken: Tiefblauer Metallic-Lack zu weinroten Lederpolstern lässt sich ebenso grandios wie abseitig finden. Und die nachträglich montierten 18-Zoll-Räder kontrastieren mit der kühlen Eleganz des einstigen 40 000-Euro-Coupés. Noch ein Coupé zum Aldi-Preis, nur zehn Kilometer entfernt: „Das wird mal ein Kultauto“, sagt Nils Schneider, Verkäufer der Mannheimer Peugeot-Niederlassung, über das blaue 406 Platinum Coupé auf seinem Hof. Vorerst aber sucht Schneider einen Liebhaber, der die Pininfarina-Kreation mit Dreiliter- V6-Motor für 12 950 Euro loseisen mag. „Zu viel Leistung, zu wenig Platz für die meisten Interessenten“, kommentiert der Handelsprofi. Gleich daneben parkt ein geräumigerer Typ, dessen Restwert-Bilanz kaum besser aussieht: Für 14 680 Euro lässt sich der tadellose BMW 525i Automatic mitnehmen, fünf Jahre alt, mit 70 000 Kilometern auf dem Tacho und 21 Extras an Bord. Beide sind günstig zu finanzieren, aber selbst zum Nice- Price-Tarif schwer zu vermitteln: „Die Unterhaltskosten machen vielen Kunden Angst“, sagt Schneider.

Neupreis relativiert Rechnung

Zu Recht? Die Rechnung ist so relativ wie der Neupreis des nackten Polo: Den großen Wertverlust haben die Premium- Gebrauchten hinter sich, hier bewegen sie sich auf Minimalniveau (siehe Kasten). Dem Kleinwagen-Milieu enteilen sie in den Unterhaltskosten dagegen rasant: Der billige Chrysler 300 wird im Alltag teuer, ein Obendrüber-Auto wie ein gebrauchter BMW 750i ist selbst zum Dumpingpreis riskant.

Aber Typen wie der Saab, BMW 525i und Peugeot verströmen ihr Verwöhnaroma zum erstaunlich moderaten Mehrpreis. Wie hoch er genau ausfällt, lässt sich allerdings nur schätzen, ebenso wie die Reparaturhäufigkeit und der Restwert nach drei bis sechs komfortabel zurückgelegten Jahren. Sicher ist, dass ein paar Reserve-Euro für eventuelle Unpässlichkeiten sehr entspannend wirken – speziell dann, wenn man sie am Ende gar nicht gebraucht hat. Und dass jeder von ihnen, anders als der Polo 1.4, auch als Gebrauchter eine Sünde wert sein kann.

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