Fall Stepney

Flucht nach vorne

Foto: giw

Die Spionageaffäre um die Titelrivalen Ferrari und McLaren-Mercedes wird immer bizarrer. Nigel Stepney, einer der Hauptbeschuldigten in dem Formel-1-Skandal, berichtete am Sonntag (8.7.) in britischen Zeitungen über Verfolgungsjagden, Bedrohungen und Flucht.

Zugleich wies der entlassene ehemalige Ferrari-Chefmechaniker alle Sabotage- und Spionage-Vorwürfe zurück und drohte seinem ehemaligen Arbeitgeber. "Ich bin reingelegt worden", sagte Stepney der "Sunday Times". "Ich bin seit 14 Jahren bei Ferrari. Es gab während der Jahre viele Kontroversen. Ich weiß natürlich, wo die Leichen begraben liegen", sagte der 48-Jährige. Der Brite war auch ein enger Mitarbeiter von Rekordweltmeister Michael Schumacher, der fünf Titel für die "Roten" gewonnen hat.

Ferrari wirft seinem Ex-Angestellten einen Sabotageversuch vor dem Grand Prix in Monte Carlo Ende Mai vor. Zudem soll Stepney über 500 Seiten geheime Unterlagen dem ebenfalls suspendierten McLaren-Chefdesigner Mike Coughlan übergeben haben. Diese Dokumente wurden in Coughlans Haus in England gefunden. Die Polizei in Italien kündigte
an, am Donnerstag Beweismaterial vorzulegen, das bei den beiden Durchsuchungen im Haus von Stepney in der Nähe der Ferrari-Zentrale in Maranello gefunden wurde. Die Staatsanwaltschaft Modena hatte Stepney am vergangenen Donnerstag drei Stunden verhört.

Treffen mit Coughlan in Barcelona

Stepney gab zu, dass er sich mit seinem Bekannten aus gemeinsamen Zeiten bei Lotus, Benetton und Ferrari am 28. April in der Nähe von Barcelona getroffen habe: "Das war ein Treffen alter Freunde." Ferner erklärte Stepney, dass er und Coughlan mit Honda-Teamchef Nick Fry am 1. Juni auf dem Londoner Flughafen Heathrow über einen möglichen Wechsel zu dem in dieser Saison schwächelnden Team mit Sitz im britischen Brackley gesprochen haben. Auch andere Ferrari-Mitarbeiter wollten im übrigen die Scuderia verlassen.

Stepney hatte nach dem Bekanntwerden der ersten Vorwürfe Ende Juni angegeben, im Urlaub auf den Philippinen gewesen zu sein. Nach seinen Angaben fühlten er und seine Familie sich bedroht. "Wir wurden von mehr als einem Auto verfolgt, mit italienischen Nummernschildern», sagte er. "Ich glaube nicht, dass sie Journalisten waren. Als wir sie in die Enge getrieben hatten, weigerten sie sich zu sprechen. An meinem Auto war ein Peilgerät. Ich hatte keine andere Wahl, als aus Italien zu flüchten."

FIA hat Ermittlungen eingeleitet

Noch erscheint die Affäre ein Fall zweier enttäuschter Mitarbeiter zu sein, die gemeinsame Sache machen wollten. Stepney hatte bei Ferrari gehofft, die Nachfolge des in diesem Jahr pausierenden Technischen Direktors Ross Brawn anzutreten, wurde dann auf das Abstellgleis gestellt. Coughlan war nicht mehr maßgeblich für das Autodesign zuständig. "Da geht es um zwei Einzelpersonen. Die eine hat bei Ferrari etwas gestohlen, die andere hat gestohlenes Material erworben. Das sind zwei kriminelle Handlungen", meinte Formel-1-Chef Bernie Ecclestone.

Der Automobil-Weltverband FIA hat eine Untersuchung eingeleitet, ob Informationen aus den geheimen Ferrari-Dokumenten in den McLaren-Mercedes eingeflossen sind. Inoffiziell hieß es, dass dies nicht geschehen sei. Das endgültige Ergebnis will FIA-Präsident Max Mosley innerhalb der nächsten drei Wochen veröffentlichen und dann entscheiden, ob Sanktionen verhängt werden. Nicht nur eine Strafe für McLaren-Mercedes, sondern auch für die Fahrer Lewis Hamilton und Fernando Alonso sei möglich, so Mosley: "Sie sind auch Mitglieder des Teams."

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