900 PS-Rennwagen Wells Coyote

Ein Hingucker auf dem Pikes Peak

Wells Coyote - Rennwagen - Pikes Peak 2018 Foto: Markus Stier 11 Bilder

Wer kennt schon Paul Dallenbach, und wer hat je von einer Marke namens Wells Cojote gehört? Aber der 51-Jährige Amerikaner ist in Colorado ein Star, und sein Dirttrack-Renner eine echte Schau.

Das Geräusch lockt an, der Geruch nicht. Das leckere Gebrabbel eines V8-Chevy wird von einer Mischung aus Chemiewerk und Verwesung überlagert, ein bisschen arg dominant in der dünnen Luft am Devil’s Playground. Im obersten Fahrerlager des Pikes Peak, das nicht mehr als ein staubiger Parkplatz ist, ist neben dem VW I.D. R der wüste Renner mit der Startnummer 98 der absolute Hingucker.

Es ist wie Horrorfilm gucken oder Elfmeterschießen: Es ist grausig, aber man muss doch ständig hinschauen. Vorn eine Art Schneeräumer für Lastwagen, hinten ein ein blecherner Verhau im Format eines Zweimann-Sofas, der ein Flügel sein will. „Wir haben ihn im Lauf der Jahre verbessert“, sagt sein Fahrer, ein leicht untersetzter Amerikaner aus einem 3000-Seelen-Kaff bei Aspen. Der 51-Jährige in seinem verwaschenen grauen Fahreranzug verweist stolz auf den Diffusor, den er vor einigen Jahren angebracht hat. Oh, und da ist noch der Tank, der wie eine Pizza-Warmhaltebox auf dem Getriebe thront. Jetzt passen 17 statt 14 Gallonen rein. „Damit wir auf der sicheren Seite sind“, sagt der Pilot.

Chevy Smallblock hat Durst

Sein 410-Kubik-Inch dicker Chevy Smallblock hat immer großen Durst, aber er leistet ja auch einiges: knapp 900 PS auf Meereshöhe. Die vibrieren durch einen nackten Stahlrohrrahmen ohne Frontscheibe. Der Wells Coyote startet allen Ernstes in der Kategorie „ Classical Designs“ und macht seinem Namen insofern Ehre, als dass er tatsächlich wild und auch ein bisschen räudig aussieht. Im Alltag finden sich derlei Einbäume bei Dirttrack-Rennen, Die sind wie Nascar, nur ohne Karosserie und ohne Asphalt auf dem Ovalkurs.

Wells Coyote - Rennwagen - Pikes Peak 2018 Foto: Markus Stier
Kurze Übersetzung: Bei 186 km/h Topspeed ist Schluss.

Der Stahlkoffer mit den Riesenflossen geht auch bergauf wie Schmidts Katze. Er ist kurz übersetzt, bei 186 km/h Topspeed ist Schluss. Dazu das leichte Gewicht, wieviel eigentlich? Paul Dallenbach ruft rüber zu einem Typen mit Pudelmütze und struppigem Vollbart, der in den Straßen von Colorado Springs möglicherweise Gefahr liefe, wegen Landstreicherei verhaftet zu werden, er ist der Teamchef. Man einigt sich auf 875 Kilo, was ein fantastisches Leistungsgewicht von 1 Kilo pro PS ergibt. Coyoten sind Vierbeiner, und so gibt es ihn für Dirttrack-Bergrennen selbstredend auch mit Allradantrieb, aber dieser hier begnügt sich aus Gewichtsgründen mit Hinterradantrieb.

Seit sechs Jahren stürmt der Renner mit der 98 schon Berge hinauf, hätte der Pilot 26 Jahre gesagt, würde man ihm das auch abnehmen. Aber es ist nicht so, dass man in der Vergangenheit steckengeblieben wäre. „Wir haben seit gestern fünf Sekunden gefunden“, sagt der Dompteur des Monstrums stolz. Beim Videostudium fiel auf, dass sich der Diffusor bei höherem Tempo verzog und damit den Querschnitt verringerte. Die Männer des Pudelmützenmannes reagierten sofort. Oben ist nun eine stählerne Strebe angebracht. Die Zierleiste versteift die Konstruktion.

Die Top 5 angepeilt

„Wenn alles planmäßig läuft, sollten wir unter die Top Fünf kommen“, sagt der Mann im grauen Anzug, während er zärtlich das Seitenteil des Heckflügels streichelt, das ihn locker überragt. Doch vom äußeren Eindruck soll man sich nicht täuschen lassen. Paul Dallenbach ist ein ganz Großer hier am Berg.

Zwar nahm kaum jemand zur Kenntnis, dass er 2013 in einem Hyundai Genesis einen neuen Streckenrekord in der seriennahen „Time Attack“-Klasse aufstellte, weil alles nur über den neuen Gesamtrekord von Sébastien Loeb redete, aber Dallenbachs neun Minuten, 46 Sekunden und eine Tausendstel stehen auch noch immer in den Rekordlisten, und damit nicht genug. Bei VW nennen sie Fahrer Romain Dumas nach drei Gesamtsiegen schon Mister Pikes Peak, aber drei Siege hat auch Dallenbach vorzuweisen. Er gewann 1993, 2003 und 2004, wenn auch beim letzten Sieg auf verkürzter Strecke.

Und der Mann aus Basalt, Colorado hat schon etwas erreicht, was Dumas erst noch haben will: 1993 knackte der Amerikaner den Gesamtstreckenrekord. Seine 10.43 Minuten klingen gemessen an den aktuell 8.13 Minuten des Superstars Sébastien Loeb nicht wahnsinnig eindrucksvoll, aber immerhin war Dallenbach damals vier Sekunden schneller als der bis dahin residierende Rekordhalter Ari Vatanen, und zweitens war die Strecke noch eine reine Schotterpiste.

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