Toyota TS050 Hybrid - Le Mans - Vortest xpb

Vorschau 24h-Rennen Le Mans 2019

Toyota haushoher Favorit an der Sarthe

Alles spricht für eine Titelverteidigung von Toyota. Das japanische Werksteam ist den LMP1-Privatiers deutlich überlegen. Fernando Alonso fährt 2019 ein zweites und letztes Mal in Le Mans – und will wieder den Sieg. Die größte Spannung verspricht das Rennen im Rennen um die Krone in der LM GTE Pro.

Testtage sind Testtage, und die sind im Gegensatz zu Rennen eher langatmig, zumal die Rundenzeiten nicht nur völlig zweitrangig sind, sondern auch zweifelhaft: Fast alle Teams und Hersteller in allen Klassen wollen sich beim Testtag auf keinen Fall in die Karten schauen lassen – der Nährwert ist gering.

Dabei versteht es sich von selbst, dass die Teams prinzipiell kein Interesse an einem erhöhten Risiko haben: In einer Woche sollen die 62 Autos zum ersten freien Training in Le Mans ausrücken, und niemand hat ein Interesse daran, beim Testtag eine tolle Rundenzeit für die Galerie heimzufahren – und dabei das Auto zu zerknüllen. Zweitens könnte eine zu schnelle Rundenzeit auch noch Folgen bei der allgegenwärtigen Balance of Performance (BOP) haben. Und jetzt noch das letzte Argument der Hersteller und Teams: Die Strecke ist am Testtag besonders grün – und deshalb sind sie eh langsam …

In der Topklasse LMP1 lag beim Testtag erwartungsgemäß Toyota vorne: Sébastien Buemi, der mit Fernando Alonso und Kazuki Nakajima die Titelverteidigung anstrebt, markierte die schnellste Rundenzeit von 3.19,440 Minuten – also nahezu der gleiche Bestwert wie beim Testtag vor einem Jahr in Le Mans. Der Abstand zu den privaten LMP1-Fahrzeugen von SMP BR1 und Rebellion Racing pendelte sich bei gut zwei Sekunden ein – ein Abstand, der zu erwarten war.

Das LMP1-Delta wächst

Die Frage nach der Aussagekraft ist trotzdem erlaubt, zumal sich die Rahmenbedingungen zugunsten der privaten LMP1 ohne Hybrid verschoben haben: Im Vergleich zum Vorjahr wurde der maximale Kraftstoffdurchfluss von 108 auf 115 Kilogramm pro Stunde erhöht. Dazu ging das Delta beim Basisgewicht zugunsten der privaten LMP1 von 45 auf 55 Kilogramm auseinander – im Fall der Rebellion-Oreca-LMP1 sogar auf 72 Kilo, weil die LMP1 mit Saugmotor noch mehr Gewicht ausladen durften. Gleichzeitig legte Motorausrüster Gibson mit neuer Software nach – ein Plus von angeblich 20 PS zugunsten von Teams wie Rebellion. Die Tankrestriktoren sowie die Tankmenge pro Stint werden übrigens erst nach dem Testtag definiert.

BR1 AER - Le Mans - Vortest 2019
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Die privaten LMP1 müssen auf Patzer von Toyota hoffen.

Interessant waren die Topspeed-Differenzen: Die Dallara-BR1 des SMP-Teams markierten Höchstgeschwindigkeiten von knapp über 350 km/h, die Toyota lagen knapp unter 330 km/h. Im letzten Jahr lagen Toyota und SMP mit knapp 340 km/h ungefähr gleichauf. Die Topspeeds sind aufgrund der fünf ultralangen Geraden in Le Mans natürlich ein Thema – über die Qualität der Rundenzeiten entscheiden sie nicht allein, wie die Resultate des Testtages zeigen.

Doch gerade im Fall von SMP Racing herrscht ein gewisser Optimismus, dass man sowohl im Zeittraining als auch im Rennen näher an Toyota dran sein könnte als noch vor zwölf Monaten. SMP-Pilot Stéphane Sarrazin: „2018 war unser Auto in Le Mans brandneu, mittlerweile haben wir Fortschritte gemacht, die BOP hat auch geholfen. In Summe sollten wir besser performen als 2018 – aber Toyota bleibt der klare Favorit.“

Toyota kann nur verlieren

In Summe bleibt die Feststellung, die schon vor einem Jahr ihre Gültigkeit hatte, da sagte Rebellion-Teamchef Bart Hayden nach dem Testtag: „Es ist an Toyota, das Rennen in Le Mans zu verlieren.“ Toyota-Technikchef Pascal Vasselon nahm die Bestzeit routiniert zur Kenntnis: „Wegen der höheren Streckentemperaturen waren die Rundenzeiten in allen Klassen deutlich langsamer als im Vorjahr. Wir konnten unser Programm bei Setup, Aero-Runs sowie Reifen durchziehen und hatten keine Probleme. Dazu wurden die Randsteine in der Ford-Schikane modifiziert, was netto ein paar Zehntelsekunden pro Runde kostet.“

Was Vasselon nicht verstand: „Nach unseren Berechnungen haben die privaten LMP1 durch die BOP-Einstufungen theoretisch 2,5 Sekunden pro Runde zugestanden bekommen – aber beim Testtag waren sie stattdessen 2,3 Sekunden langsamer als noch 2018. Das passt aus meiner Sicht alles nicht zusammen.“ Wie auch immer: Zwischen Rebellion und SMP lagen beim Test gerade mal drei Zehntelsekunden – diese beiden Teams werden im Rennen vermutlich um den letzten Podestplatz hinter den beiden Toyota kämpfen.

Durchaus unübersichtlich ist die Lage in der GTE-Pro-Klasse: Sie stellt die herstellerstärkste Kategorie beim 24h-Rennen in Le Mans mit insgesamt 17 Fahrzeugen – und sie dürfte für Medien wie Fans gleichermaßen das Rennen im Rennen bilden.

Corvette C7.R - Le Mans - Vortest
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Die Corvette C7.R drehte beim Vortest die schnellste Rundenzeit.

GTE: 12 Autos in einer Sekunde

Letztlich sicherte sich Corvette-Pilot Jan Magnussen die Tagesbestzeit in der GTE-Pro-Klasse mit einer Rundenzeit von 3.54,001 Minuten. Erwartungsgemäß waren die Rundenzeiten-Unterschiede zur Konkurrenz gering: Die Top 12 lagen innerhalb einer Sekunde. Es ist kein Geheimnis, dass alle GTE-Hersteller beim Testtag unisono mit Zielvorgaben bei der Rundenzeit arbeiten, um sich keinen Nachteil bei der BOP einzufangen. Erst in der Qualifikation oder sogar erst im Rennen werden dann die Karten aufgedeckt.

Im Vergleich zum letzten Jahr haben Ford (plus zwölf Kilo), BMW (plus neun Kilo) und Porsche (plus zwei Kilo) Gewicht zuladen müssen, während Ferrari, Corvette und Aston Martin sieben Kilogramm leichter fahren dürfen. Die deutlichen Zuladungen für BMW und Ford werten Insider als eine Art Abschiedsgeschenk des Ausrichters – beide Hersteller beenden in Le Mans ihr Engagement in der Sportwagen-WM.

Damit stellt Corvette mit 1.242 Kilo das leichteste und Ford mit 1.287 Kilo das schwerste GTE-Pro-Auto. Die Anpassungen beim Ladedruck sind vorläufig vernachlässigbar, da sie sich im Bereich von einem halben Zehntel bar bewegen.

Im letzten Jahr dominierte das Duell Porsche gegen Ford das Rennen in Le Mans, die damaligen Neuzugänge von Aston Martin und BMW waren chancenlos, Corvette und Ferrari hingen quasi im Mittelbau fest. Corvette, Ford, Porsche und Ferrari lagen beim Testtag diesmal in zwei Zehntelsekunden, einzig BMW hinkte deutlich hinterher: Die Bayern waren 2,5 Sekunden pro Runde langsamer als im Vorjahr. Ein ähnliches Bild bei Porsche, wo der Rundenzeitenunterschied im Vergleich zum Vorjahr bei 1.7 Sekunden lag. „Die Streckentemperaturen waren deutlich höher als 2018“, erklärte Pascal Zurlinden, Leiter GT-Werkssport bei Porsche,

Die nicht deutschen GTE-Hersteller sahen die Rundenzeiten von BMW und Porsche mit Argwohn: „Ich hoffe, dass ihre vergleichsweise langsamen Zeiten nicht dazu führen, dass wir eingebremst werden“, so Corvette-Pilot Mike Rockenfeller.

Das 24h-Rennen Le Mans findet am 15./16. Juni 2019 statt.

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