Erster Check: Mercedes GLB (2019)

Der kann Familie. Und teuer.

Foto: Daimler

820.000 SUV hat Mercedes 2018 verkauft. Eine Zahl, die wachsen wird. Weil das Segment boomt. Und die Schwaben mit dem GLB jetzt auch ein ausgewachsenes Familienauto ins Programm nehmen. Erster Check.

Der erste Eindruck, als die Mercedes-Crew im Designcenter Sindelfingen das Tuch vom neuen Concept GLB ziehen: was für ein Brummer! Und da ist es die gleiche Plattform drunter, die auch bei A- und B-Klasse verwendet wird? Emsiges Nicken aus der Reihe der Pressesprecher. Alles MFA2. Aber in so einer Art Maximalausführung. Der GLB ist knapp 1,90 Meter hoch (1,89 Meter) und überragt damit die allermeisten seiner Kunden um ein paar Zentimeter. Ein bisschen Abzug gibt’s für die grobstolligen AT-Räder, die die Designer dem Conceptfahrzeug verpasst haben. Das feiert auf der Auto China 2019 in Shanghai seine Premiere, bevor zur IAA der Serien-GLB ins Rampenlicht rollt. Dann ein paar Zentimeter flacher, aber immerhin auch auf bis zu 21 Zoll großen Rädern. Ganz entscheidend ist aber die Länge des neuen GLB, mit der er sich dann auch wirklich aus der Kompaktklasse verabschiedet: 4,63 Meter. 21 Zentimeter mehr, als die aktuelle B-Klasse und ziemlich exakt so lang wie ein GLC.

Was fällt sonst noch auf? Das Design. Wo der im Vergleich tatsächlich kompakte Mercedes GLA einen auf Jungdynamiker macht, steht der GLB kantig im Wind. Steile Scheiben und ein beeindruckend hohes Heck. Die Botschaft ist klar: Der will nicht nur spielen. Sondern einladen. Menschen oder Gepäck. Irgendwie wohltuend, zwischen all den plattgedrückten SUV-Coupé-Spielarten, mit denen die Autobauer global die Verkaufsflächen zustellen. Trotzdem soll der GLB in seinem Segment in Sachen Luftwiderstand ganz vorne mitspielen, raunt ein Pressemann aus dem Hintergrund. Details? Schweigen. Ein bisschen was wollen sich die Schwaben noch bis zur Weltpremiere in Frankfurt aufheben. Bis dahin wird der GLB noch ein paar weitere Federn lassen. Die dunklen Kotflügelverbreiterungen, zum Beispiel. Und auch die flache Dachbox mitsamt den LED-Zusatzscheinwerfern gehört zum Concept-Bling-Bling. Den matt schimmernden Lack gibt’s als „Kaschmirweiß magno“ später gegen Aufpreis im Designo-Regal.

Foto: Daimler
Zwei Bildschirme und MBUX-Sprachsteuerung, das kann so nur der GLB in seiner Klasse.

Auch wenn sich das Concept GLB alle Mühe gibt so auszusehen: Auf eine Expedition nimmt man ihn besser nicht mit. Dafür ist der B-Klasse-Ableger so hübsch herausgeputzt. Zudem fehlt ihm die entsprechend robuste Allradtechnik. Zwar sollen laut Daimler sämtliche Motoren mit Allradantrieb zu haben sein, dessen Leistungsfähigkeit wird sich allerdings auf Wald- und Feldwege, beziehungsweise ein paar Meter links und rechts davon beschränken. Der 4Matic-Allradantrieb stammt aus dem Kompaktregal und ist nicht vergleichbar mit dem Setup, das zum Beispiel für das G-Modell verwendet wird. Im regulären Fahrbetrieb (Eco/Comfort) ist eine Momentverteilung von 80:20 (Vorderachse:Hinterachse) aktiv, im „Sport“-Modus sind es 70:30. Im Offroadmodus schließlich wird die Lamellenkupplung an der Hinterachse als Längssperre verwendet, die Basis-Kraftverteilung beträgt dann 50:50. Wie gesagt, das reicht locker für alles, was dem GLB im Alltag begegnen wird.

Weiße Schale, brauner Kern

Weiter geht’s im Innenraum. Da ist die Mittelklasse dann doch ein ganzes Stück weit weg. Das Cockpit des GLB ist kompakte Daimler-Standardware, ohne dass man sich damit verstecken müsste. Ganz im Gegenteil. Die beiden riesigen Displays vor dem Lenkrad und auf der Mittelkonsole, die die digitalen Instrumente und das aktuellste MBUX-Infotainment beherbergen, gibt’s so nur beim Mercedes. Zusätzlich haben die Designer das Concept GLB auch noch mit spektakulären Materialien vollgepackt. Sitze, Armaturen- und Türtafeln sind teils mit Nappa-, teils mit Nubukleder bezogen, der dominierende Farbton nennt sich „Kastanienbraun“. Offenporiges Walnussholz komplettiert den edel-rustikalen Look. Verspieltes Detail: Zierstreifen und Nähte in Orange. In der Serie wird sich das ganze deutlich schlichter präsentierten, im „klebrige Kinderfinger“-Alltag kann das auf keinen Fall schaden. Auch dem Serien-GLB vorbehalten bleiben der umgestaltete Bereich der Mittelkonsole vor dem Beifahrer sowie die massiven Haltegriffe in den Türen.

Foto: Daimler
Für 400 Euro mehr lässt sich die Rückbank um bis zu neun Zentimeter verschieben und die Lehnen sich in acht Stufen verstellen. An ihr vorbei kommt man zu der optionalen, dritten Sitzreihe.

So richtig spannend wird es beim Fahrerblick über die Schulter. Da ist noch richtig viel Auto hinterm Kommandostand. Die Dreier-Sitzbank ist in der Basis fest verbaut, gegen Aufpreis (400 Euro) lässt sich die zweite auch verschieben. Neun Zentimeter geht es dann nach vorne, fünf nach hinten. Zusätzlich lassen sich die Lehnen in acht Stufen verstellen. War’s das? Noch lange nicht. Denn erstmals bietet Mercedes für ein Fahrzeug auf einer Kompakt-Plattform auch eine dritte Sitzreihe an. Die kostet weitere 1.000 Euro und macht aus dem GLB einen Siebensitzer. Der Zugang auf die beiden Einzelsitze erfolgt über die dann nach vorne geklappten äußeren Sitze der zweiten Sitzreihe (Easy Entry). Das klappt ganz gut, ein bisschen klettern und sich verbiegen muss man aber auf jeden Fall. Sehr viel bequemer wird es dann in der dritten Reihe dann nur, wenn man nicht von hohem Wuchs oder noch lange nicht ausgewachsen ist. Dieses Schicksal teilt der GLB mit allen anderen gestreckten Kompakten. Zum Trost gibt’s auch ganz hinten USB-Buchsen fürs digitale Kleinstgerät. Auffällig auf allen Sitzen: Es gibt genug Platz über der Frisur. Dank der steil stehenden Scheiben fühlt sich der Innenraum des GLB extrem luftig an.

A propos ganz hinten: In voller Bestuhlung schrumpft der Kofferraum wenig überraschend dramatisch. Immerhin: Es bleibt aber Platz fürs kleine Familiengepäck. Wenig Überraschungen auch bei den Motoren: Drei Benziner und drei Diesel, alles Vierzylinder, warten aufs passende Kreuzchen in der Preisliste. Wer einen Hybrid buchen will, sucht vergeblich. Daimler setzt beim GLB komplett auf Elektrifizierung, der passende EQB kommt aber wohl erst 2021 auf den Markt.

Fazit

Braucht es noch ein SUV? Vielleicht nicht. Braucht es ein Familien-SUV? Schon eher. Und deshalb kann es gut sein, dass Mercedes mit dem GLB ein großer Wurf gelungen ist. Das Design orientiert sich bewusst am kantigen G-Modell und dem flammneuen Luxus-SUV GLS. Mit mindestens 35.000 Euro sind die allermeisten Familien-Budgets wahrscheinlich überfordert, aber darum geht es in diesem Fall auch nur teilweise. Entscheidend ist, dass der neue Mercedes gute Chancen hat, in China Erfolge zu feiern. Die zunehmend finanzstarke chinesische Mittelschicht steht auf lange SUV, die mit allerlei auffälligen Anbauteilen aufgebrezelt werden können. 21 Zoll-Räder, zum Beispiel. Kleiner Haken: es fehlt der Hybrid und die Zeit bis zum E-Modell ist noch lang!

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