McLaren F1 GTR Gregor Hebermehl
McLaren Speedtail
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McLaren Speedtail 33 Bilder

Corona bringt Sportwagen-Hersteller in Geldnot

McLaren will Hauptquartier verkaufen

McLaren ist als unabhängiger englischer Hersteller besonders von der Corona-Krise gebeutelt. Jetzt stehen sogar die Verpfändung historischer Rennwagen und ein Verkauf des Hauptquartiers im Raum.

Cashflow heißt das, was McLaren gerade dringend braucht – frisches Geld, das den laufenden Kosten entgegensteht. McLaren geht es eigentlich nicht schlecht, die Auftragslage ist besser, als unternehmensintern zu Beginn der Corona-Krise befürchtet. Aber aktuell gibt es nur wenige Auslieferungen und damit kaum Einnahmen.

Seine extrem flexible und gut durchorganisierte Manufakturarbeit musste McLaren im Zuge der nach wie vor in England recht heftig wütenden Corona-Pandemie komplett einstellen – auch weil die Zulieferketten zusammenbrachen. Ganz langsam versuchen die Engländer, wieder die Produktion zu starten – die Arbeiten an Modellen der Ultimate-Series haben bereits wieder zaghaft begonnen. Aber die Auslieferungen reichen bei weitem nicht.

McLaren MP4-1
Gregor Hebermehl
Technologisch wichtiger Ahne: Das Formel-1-Auto McLaren MP4-1 (vorn) von 1981 war das erste Auto mit einem Karbon-Monocoque.

Speedtail als Goldesel unfreiwillig gestoppt

Besonders der neue Speedtail war für 2020 als Cashcow geplant – und die ersten Exemplare des McLaren-F1-Nachfolgers sind bereits in Kundenhand. Mit Beginn der Corona-Pandemie endeten die Auslieferungen des rund zwei Millionen Euro teuren Modells der Ultimate Series abrupt. Die Einnahmen fielen auf Null und als unabhängiger Hersteller konnte sich McLaren auch keine Hoffnungen auf Querfinanzierungen oder Finanzspriten aus anderen Unternehmensteilen machen.

Sammlung mehr wert als das Hauptquartier

Auf der Suche nach Geldquellen fragte McLaren auch bei der britischen Regierung an – ein Darlehen in Höhe von 150 Millionen Pfund (aktuell umgerechnet zirka 168 Millionen Euro) wünschte sich der Autobauer. Die Minister lehnten das Ansinnen ab. Laut der BBC ist man bei McLaren inzwischen bereit, eine Hypothek auf das Hauptquartier im englischen Woking aufzunehmen. Außerdem denken die Engländer darüber nach, ihre Sammlung historischer McLaren-Rennwagen zu verpfänden – dies könnte noch mehr Geld einbringen als die Hypothek auf das Hauptquartier. Der Bezahl-Sender Sky schätzt, dass die Hypothek bis zu 200 Millionen Pfund (224 Millionen Euro) bringt, und dass die Rennwagen-Sammlung einen Wert von 250 Millionen Pfund (281 Millionen Euro hat). McLaren bestätigt derweil nur, dass man viele Möglichkeiten durchdenke, an das nötige Geld zu kommen.

Eine davon ist auch der komplette Verkauf des Hauptquartiers. Allerdings wäre dieser Schritt weniger endgültig, als er im ersten Moment klingt. Der Komplex solle im Anschluss via Leasing-Modell weiterhin von McLaren in gewohnter Manier genutzt werden, wie ein Sprecher gegenüber Sky äußerte. Damit könne man sicherstellen, dass einerseits die Liquidität gesichert und andererseits das Tagesgeschäft nicht beeinflusst werde. Das wäre in der Tat wichtig, denn so könnte auch die Produktion des Speedtail wieder Fahrt aufnehmen.

Austin 7 Racing
Gregor Hebermehl
Der Austin 7, mit dem Bruce McLaren sein Renndebut hatte, steht heute in der McLaren Sammlung im englischen Woking.

McLaren Speedtail als Nachfolger des legendären McLaren F1

Der 3-sitzige McLaren F1 ist legendär. Jetzt bringt McLaren den "Speedtail" als legitimen Nachfolger. Das neue Hypercar ist wieder ein 3-Sitzer. Sein Hybridantrieb leistet 1.050 PS und soll die Aerodynamik-Flunder mehr als 400 km/h schnell machen. Der Supersportler ist in vielerlei Hinsicht ein Technologieträger und auch sonst etwas Besonderes.

Tief geduckte Nase, Radabdeckungen aus Karbon vorn, ein weit nach hinten auslaufendes Dach und ein 1,33 Meter langer Überhang hinten: Der neue McLaren Speedtail ist ein auffälliges Auto. 5.137 Millimeter ist die Flunder lang, die den legendären F1 von 1993 beerben soll. Allerdings betont McLaren, der Speedtail sei ein Hypercar GT, also ein Reiseauto, das sich zwar auf der Rennstrecke wohlfühlt, mit dem man aber auch elegant vor der Oper vorfahren können soll.

Sein Äußeres ist komplett auf eine gute Aerodynamik und eine ausreichende Kühlung des Hybridantriebs ausgelegt – der Luftwiderstands-Beiwert soll 0,2x betragen, wobei ausgerechnet das entscheidende "x" noch nicht verraten wird. Bis es soweit ist, könnte der Speedtail also auch genauso windschlüpfig sein wie ein VW Sharan (cW-Wert 0,29). Die Optik spricht allerdings eine andere Sprache: Die Karbonabdeckungen der Vorderräder etwa sollen dafür sorgen, dass die Luft neben den Rädern nicht verwirbelt – die Hauben drehen sich bei der Fahrt nicht mit. Außerdem hat der Speedtail keine Außenspiegel, sondern kleine ausfahrbare HD-Kameras. Per Hand oder im Velocity-Modus fahren sie wieder ein, um die Aerodynamik minimal zu verbessern. Am Heck lenken zwei sogenannte Ruder den Luftstrom: Rechts und links drücken Aktuatoren zwei Ausschnitte der Karbon-Karosserie bis zu einem Winkel von 26 Grad nach oben. Die Ruder sind nicht mit einem Gelenk oder Scharnier versehen, die Flächen werden einfach nach oben gebogen. Laut Chefdesigner Rob Melville haben die Ingenieure diese neue Art von aktivem Spoiler ein halbes Jahr lang intensiv getestet: Weder das Karbon noch der Lack neigten beim häufigen Biegen zum Brechen oder Reißen. Die beiden Luftruder erledigen ihren Job vollautomatisch und synchron – sie funktionieren nicht unabhängig voneinander.

McLaren Speedtail
McLaren
Die Außenspiegelkameras fahren seitlich aus den vorderen Kotflügeln heraus. Davor: Die fest stehenden Karbonabdeckungen der Vorderräder.

Das Aktivieren des erwähnten Velocity-Modus sorgt auch für ein Absinken der Karosserie um 3,5 Zentimeter – dann ist der Speedtail nur noch 1,12 Meter hoch.

Neue Karbon-Technologien

Für die Kühlung gibt es unter den schmalen LED-Frontscheinwerfern Lufteinlässe, die sich nach hinten minimal verjüngen und ein Niedrigtemperatur-Kühlsystem mit Frischluft versorgen. Ein weiterer Teil der Luft gelangt über die Türen zu Einlässen in den Radhaus-Schultern, um mit einem Hochtemperatur-Kühlsystem den Antrieb zu kühlen. Unter dem Heck klaffen riesige Öffnungen, um die Luft möglichst verwirbelungsfrei in die Umgebung zurückzuführen. Die Endrohre münden, von außen kaum sichtbar, von oben in diese Öffnungen. Hunde und Katzen könnten sich in den Luftauslässen verstecken, so üppig sind diese dimensioniert.

McLaren F1

Die Karosserie, die Abdeckungen der Vorderräder und das Monocoque des trocken 1.430 Kilogramm leichten Speedtail bestehen vollständig aus Kohlefaser, wobei McLaren teilweise hochmoderne Materialien wie "Titanium Deposition Carbon Fibre" und TPT (Thin-Ply Technology Carbon Fibre) einsetzt. Bei ersterem wird eine nur wenige Mikrometer dünne Titan-Schicht mit der Karbon-Oberfläche verschmolzen. Dies sorgt für noch mehr Steifigkeit, ohne das Gewicht nennenswert zu erhöhen. Außerdem verleiht das Titan dem Karbon eine silbrig schimmernde Oberfläche, die trotzdem die Kohlefaser-Webstruktur durchscheinen lässt. TPT ist wiederum bereits aus der Uhrenherstellung bekannt, McLaren arbeitet hier mit dem Schweizer Uhrmacher Richard Mille zusammen. Für die Herstellung von TPT werden unzählige 30 Mikrometer dünne Schichten Karbon im Winkel von jeweils 45 Grad versetzt übereinander gelegt und verklebt, so dass eine Oberfläche entsteht, die an fließendes Wasser erinnern soll. Das aufwendig hergestellte Material kann optional in der Bedieneinheit am Dach, an den Schaltpaddles und an der Lenkradspange des unten abgeflachten Lenkrads zum Einsatz kommen. Die TPT-Applikationen sind Teil des 50.000 Pfund (56.777 Euro) teuren Extra-Pakets um das McLaren-Logo aus 18 Karat Weißgold.

Die Felgen bestehen aus Aluminium. Beim Showcar sind darauf Pirelli-P-Zeros der Dimension 235/35 ZR 20 vorn und 315/30 ZR 21 hinten montiert. Die beiden Klappen in der Nähe der Motorabdeckung schützen zum einen den Benzineinfüllstutzen, zum anderen die Zugänge zum Wasser- und Ölkreislauf. Der hintere Überhang ist 1,33 Meter lang – optisch erinnert das ein wenig an den Porsche 935/78 "Moby Dick" von 1978, wobei McLaren auf einen Monster-Heckspoiler verzichten kann und stattdessen die erwähnten Biege-Ruder einsetzt.

McLaren Speedtail
McLaren
Der hintere Überhang des Speedtail ist 1,33 Meter lang.

Wie im McLaren F1 drei Sitze

In den Speedtail gelangen die drei Insassen über große, nach vorn öffnende Schmetterlings-Türen, die für einen leichteren Einstieg jeweils ein großes Dachsegment mitöffnen. Laut Chefdesigner Melville war eine der größten Herausforderungen, den Zugang zum Innenraum leichter zu gestalten als beim originalen F1 und den Passagieren trotz der knapp bemessenen Kabine ein freies Raumgefühl zu vermitteln. Deshalb reicht die Frontscheibe weit ins Dach hinein und deshalb sind auch die Dachsegmente der Türen durchsichtig – sie bestehen aus elektrochromem Glas. Bei dieser Art von Glas ändert sich die Lichtdurchlässigkeit durch Anlegen einer Gleichspannung. Beim Speedtail lassen sich die Dachsegmente und der obere Bereich der Frontscheibe auf Knopfdruck verdunkeln, mechanische Sonnenblenden sind so nicht mehr nötig. Elektrochromes Glas ist schon länger in der Autoindustrie im Einsatz: Automatisch abblendende Rückspiegel arbeiten mit dieser Technik, 2005 baute Ferrari 559 Exemplare des Ferrari 575M Superamerica mit verdunkelbarem Dach und Mercedes bot ab 2011 den SLK optional ebenfalls mit einem abdunkelbaren Dach (Magic Sky Control) an. Auch die optionale Trennscheibe und das Panoramadach der von 2002 bis 2012 gebauten Maybach 57 und 62 bestehen aus elektrochromem Glas.

Die drei Sitze des Speedtail erinnern am meisten an den F1: Vorn in der Mitte sitzt der Fahrer, rechts und links von ihm nach hinten versetzt sitzen die beiden Beifahrer. Das Leder der Sitze soll nicht nur besonders leicht sein, zum komfortableren Einsteigen soll es auch gleitfähiger sein als herkömmliches Sitzleder. Während die beiden Beifahrersitze integraler Bestandteil des Monocoques sind, lässt sich der ebenfalls aus Kohlefaser gefertigte Fahrersitz mechanisch verstellen. Der Fahrer hat seinen Instrumenten-Bildschirm in der Mitte, rechts und links davon befinden sich die Anzeigen für die Beifahrer – beinahe das gesamte Armaturenbrett besteht aus Bildschirmflächen. Im Showcar übernehmen noch nach Nachrüst-Navi aussehende Monitore die Anzeigen der Außenspiegel-Kameras, in der Serie fahren versenkbare Bildschirme aus dem Armaturenträger heraus. Für Unterhaltung abseits des Fahrspaßes sorgt eine Audio-Anlage von Bowers & Wilkins, deren Aluminium-Lautsprecherabdeckungen unter anderem hinter den Kopfstützen der Beifahrer schimmern.

McLaren Speedtail
McLaren
Cockpit des Speedtail: Drei Bildschirme auf dem Armaturenbrett und wegen der fehlenden Mittelkonsole befindet sich eine Bedieneinheit oben im Dach. Hier besteht die Bedieneinheit teilweise aus dem aufpreispflichtigen TPT (Thin-Ply Technology Carbon Fibre).

Da es keine Mittelkonsole gibt, dort sitzt schließlich der Fahrer, befinden sich die wenigen Bedienknöpfe vorne im Dach – einen Innenspiegel hat der Speedtail nicht. Die kleinen seitlichen Fenster scheinen direkt vom Vorbild McLaren F1 übernommen worden zu sein. Unter den Beifahrersitzen befindet sich je ein kleines Staufach. Für den Gepäcktransport gibt es vorn und hinten jeweils einen kleinen Kofferraum: Vorne passt eine Maßgepäcktasche rein, hinten kommen zwei unter. Das Gepäck wird optisch dem jeweiligen Innenraum angepasst, folgerichtig besteht es aus Karbon und Leder. Ein Maßgepäckstück ist im Lieferumfang enthalten, zwei weitere kosten einen noch nicht kommunizierten Aufpreis. Gesamtvolumen der beiden Kofferräume: 160 Liter.

Mit Hybridantrieb über 400 km/h schnell

Zum Antrieb hat McLaren bisher nur ein paar Details verraten: Wie der P1, so wird auch der Speedtail von einem Hybrid-System angetrieben. Die Systemleistung des hinterradgetriebenen Mittelmotorwagens beträgt 1.050 PS – der von 2013 bis 2015 gebaute P1 hat eine Systemleistung von 916 PS, das dreisitzige Vorbild F1 hatte einen von Paul Rosche entwickelten BMW-V12, der in der Grundversion 627 PS leistete. Der Speedtail soll bis zu 403 km/h schnell sein (P1: 350 km/h abgeregelt, F1 371 km/h) und in 12,8 Sekunden auf Tempo 300 preschen (P1: 16,5 Sekunden, F1: 23 Sekunden). Wie beim P1 ist auch die Batterie des Speedtail nicht an der Steckdose nachladbar.

McLaren BP23 Centre Seat Development Mule
McLaren
Für erste Entwicklungsfahrten hat McLaren den Speedtail-Antrieb in einen 720 S eingebaut - auch die Sitzposition des Fahrers wurde in die Mitte gerückt.

Im November 2016 hatte McLaren sein neues dreisitziges Hypercar bestätigt. Die 106 zu bauenden Exemplare waren sofort ausverkauft, obwohl es zu diesem Zeitpunkt kaum Informationen zur späteren Serienversion gab. Die Produktion per Hand startete 2019 im McLaren-Werk im englischen Woking – 22 Autos aller Modellreihen verlassen dort im Schnitt pro Tag die Werkhalle. Ab Anfang 2020 war der Speedtail zu haben. Die Kunden zahlen pro Auto 1,75 Millionen britische Pfund, ohne Steuern. Inklusive Mehrwertsteuer wären das in Deutschland aktuell umgerechnet zirka 2,37 Millionen Euro. Wie viele Speedtail nach Deutschland gehen, verrät McLaren auch auf Nachfrage nicht. Bisher gingen zirka zehn Prozent der produzierten Modelle an Kunden aus Deutschland.

McLaren F1

Fazit

Die Corona-Pandemie setzt der Autoindustrie weltweit zu. Besonders die kleinen Hersteller haben ihre finanziellen Reserven dabei schnell aufgebraucht. McLaren hat es in England besonders hart erwischt, schließlich leiden die Briten stark unter der Corona-Pandemie, gleichzeitig musste McLaren die Auslieferungen seines neuen Speedtail stoppen.

Die Kunden sind zwar scharf auf den extravaganten Hoffnungsträger und McLaren-F1-Nachfolger – aber das Corona-Virus zerstörte die Lieferketten und die Manufaktur-Produktion in Woking. Jetzt muss der Supersportwagen-Hersteller sehen, wo er frisches Geld herbekommt – auch wenn er dafür sein Hauptquartier und seine wertvolle Rennwagen-Sammlung beleihen muss.

Der neue Speedtail ist nicht nur ein weiteres Hypercar, das McLaren hilft den finanziellen Rahm von autobegeisterten Kunden abzuschöpfen – er ist auch ein Technologieträger. Abgedeckte Vorderräder, biegsame Karbon-Paddle am Heck, neue Karbon-Hightech-Materialien und nahtlos versenkbare Außenspiegel-Kameras zeugen von der Innovationskraft der Briten.

Außerdem ist der Speedtail der Dritte im Bunde einer exklusiven McLaren-Truppe: Die sogenannte Ultimate Series besteht bisher aus dem P1/P1 GTR und dem auch erst 2018 vorgestellten Senna.

Technische Daten

McLaren Speedtail
Grundpreis 2.370.000 €
Außenmaße 5137 x 1120 mm
Kofferraumvolumen 160 l
Höchstgeschwindigkeit 403 km/h
Alle technischen Daten anzeigen
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