aCar E-Truck Fahrbericht

Elektroantrieb für Entwicklungsländer

aCar Evum Motors Elektro-Nutzfahrzeug Afrika Foto: Torsten Seibt 28 Bilder

Das aCar ist ein kompakter, allradgetriebener und multifunktionaler Elektro-Transporter speziell für Entwicklungsländer. 2019 soll die Serienfertigung starten. Jetzt konnten wir eine erste Testfahrt mit dem aCar machen.

Mit dem aCar will die aus dem Forschungsprojekt der TU München heraus neu gegründete Firma Evum Motors nicht weniger als eine Revolution des Transportwesens in afrikanischen Ländern anstoßen. Autark, elektrisch angetrieben und so einfach aufgebaut, dass keine teuren Spezialwerkzeuge oder Ersatzteile für die Wartung nötig sind. 2019 soll die Serienfertigung beginnen, nun gab es für uns die Gelegenheit, mit dem ersten Vorserienmodell Fahreindrücke zu sammeln.

Vier Jahre sind ins Land gegangen, seit Wissenschaftler der Technischen Universität München mit den ersten Feldstudien in Kenia und Ghana die Grundvoraussetzungen für das neue aCar festgelegt haben. Bei dem Projekt handelt es sich um einen einfach aufgebauten Transporter, der sich sowohl für den Waren- als auch für den Personentransport eignen soll, mit Elektroantrieb fährt und vor den teils herausfordernden „Straßen“verhältnissen in entlegenen Gegenden Afrikas nicht kapituliert.

Einfacher Aufbau, günstige Produktion

Das aCar kann man sich recht ähnlich wie den einfach aufgebauten StreetScooter der Deutschen Post vorstellen – nur nochmals um ein vielfaches zweckmäßiger konstruiert, auch wenn sich die Optik ähnelt. Die Basis ist ein Rahmen aus Profilblechen wie im Lkw-Bau, ein Rohrrahmen definiert die Fahrgastzelle. Auf der dahinterliegenden Plattform lassen sich verschiedene Transportmodule anbringen – offene Pritsche, verkleideter Aufbau mit Sitzbänken für den Personentransport oder auch geschlossene Koffer für empfindliche Ware.

aCar Evum Motors Elektro-Nutzfahrzeug Afrika Foto: Technische UniversitŠt MŸnchen
Keine Spielereien an der Armaturentafel

Angetrieben wird das aCar von jeweils einer 8 kW leistenden Elektromaschine pro Achse, durch welche der Transporter über einen verspannungsfreien Permanent-Allradantrieb verfügt. Wahlweise kann der Vorderradantrieb auch abgeschaltet werden, um Energie zu sparen. Das aCar ist 1,5 Meter breit, 3,7 Meter lang und 2,10 Meter hoch (jeweils ohne Aufbau) und wiegt mit der Traktionsbatterie lediglich 800 Kilo. Diese hat eine Kapazität von 20 kWh, eine Komplettladung soll an 230-Volt-Steckdosen in rund sieben Stunden möglich sein. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 60 bis 80 km/h je nach Anwendung, die maximale Reichweite bei 80 Kilometern. Bis zu einer Tonne Zuladung verträgt das aCar.

Speziell die Angaben zu Reichweite und Höchstgeschwindigkeit lesen sich für Standard-Elektrofahrzeuge im europäischen Einsatz recht gering. Doch das Forscherteam – insgesamt arbeiteten über 200 Studenten und Doktoranden an dem Projekt – hatte bereits zu einem frühen Zeitpunkt mit einem ersten Versuchsfahrzeug eine mehrwöchige Erprobungsphase in Ghana absolviert. Die gewonnenen Erkenntnisse brachten eben diese Dimensionierung der Antriebstechnik zutage, die für einen ganztägigen Einsatz im geplanten Umfeld völlig ausreichend sei.

Gebaut nach den Bedürfnissen in Afrika

Im Idealfall lässt sich das aCar vollkommen autark bewegen, indem es mit den im Dach integrierten sowie fest auf Häusern installierten Solarmodulen geladen wird, ein entscheidender Vorteil gegenüber Verbrennerfahrzeugen in strukturschwachen Gebieten. Möglich sind weitere Solarpanele auf einem Kofferaufbau und sogar aufklappbar in den Koffer-Seitenteilen, was die Nutzfläche zur Energiegewinnung entsprechend vervielfacht.

Ein weiterer Vorteil des aCar ist dessen Eignung als Stromversorger. So können mit der aufgeladenen Traktionsbatterie zum Beispiel in entlegenen Gebieten Wasserpumpen oder ganze Haushalte mit Elektrizität versorgt werden.

aCar Evum Motors Elektro-Nutzfahrzeug Afrika Foto: Torsten Seibt
Für das kompakte aCar ist die Ladefläche vergleichsweise riesig

Bislang liegt das Projekt voll im Zeitplan. Mit der Kleinserienproduktion von zehn Prototypen in 2018 wird die Erprobungsphase abgeschlossen, ab Mitte 2019 soll die Serienfertigung bei der aus dem Forschungsprojekt heraus gegründeten neuen Firma Evum Motors erfolgen, eine Produktion von insgesamt 1.000 Fahrzeugen ist die vorläufige Planung. Nachdem ein erster Versuchsträger 2017 auf der IAA in Frankfurt vorgestellt wurde und dort auf große Resonanz stieß, überdachte man allerdings das Vermarktungskonzept. So soll neben dem bereits geplanten Bau der Fahrzeuge in Entwicklungsländern direkt vor Ort auch eine Fertigung bei München entstehen, aus der europäische Kunden beliefert werden können.

Die Form folgt der Funktion

Die funktionale Form des aCar folgt dem Zweck, eine möglichst einfache Fertigung zu ermöglichen. Beim Erstkontakt mit dem Vorserienmodell sieht das durchaus gefällig aus, auch wenn man an Details noch den Prototypenstatus erkennt. Eine erstaunliche Schalterbatterie breitet sich im ansonsten spartanischen Cockpit aus. Erstaunlich deshalb, weil es eigentlich nicht sonderlich viel zu schalten gibt. Aus Kosten- wie Effizienzgründen gibt es weder Klimaanlage noch Radio, auch eine Servolenkung fehlt dem Projektfahrzeug.

Das Gekurbel am relativ kleinen Kunststofflenkrad fällt dennoch nicht übermäßig schwer, auch weil die Bereifung verhältnismäßig klein ausfällt. Wer beim losfahren einen Drehmoment-Tsunami erwartet wie in Hightech-Elektroautos, sitzt jedoch im falschen Fahrzeug. Ungefähr mit dem Temperament eines Golfcarts setzt sich das aCar in Bewegung, untermalt vom deutlichen Singen aus dem elektrischen Antriebsstrang. Die Federung fällt reichlich schütter aus, angesichts der möglichen Zuladung von einer Tonne jedoch wenig überraschend.

Auf einem Motocross-Parcours darf der Prototyp kurze und durchaus steile Anstiege und Abfahrten bewältigen. Traktionsprobleme gibt es keine, auch das Anfahren in der Steigung gelingt (mit verhaltenem Temperament) tadellos. Die Rekuperation beim Prototypen ist noch fest auf 20 Prozent programmiert, was an Steilabfahrten nur wenig nutzbare Motorbremskraft bereitstellt. Für die spätere Serienfertigung verträgt vor allem die Fahrwerks- und Lenkungseinstellung noch etwas Feinarbeit, der Prototyp fährt sich ähnlich wie ein Kommunaltraktor. Doch die Verbesserungsarbeit ist natürlich längst eingeplant, so soll es zum Beispiel je nach Kundenwunsch auch eine elektrische Servolenkung geben.

Rund 10.000 Dollar Kosten – in Afrika

Was die Kosten betrifft, hält man an dem früh angepeilten Fixpunkt (10.000 US-Dollar) nach wie vor fest. Allerdings nur bei einer Fertigung vor Ort zum Beispiel in Ghana oder Nigeria, nachdem die dortigen Arbeiter eine Schulung in Deutschland durchlaufen haben. Aus europäischer Produktion und mit Straßenzulassung (nach L7e-Norm) wird – sowohl wegen der erheblich höheren Produktionskosten als auch wegen entsprechender technischer Umrüstungen für die Straßenzulassung – derzeit ein Preis von rund 22.000 Euro kalkuliert. Die Planungen sind in jedem Fall ambitioniert, bis 2025 will Evum Motors in dann elf Produktionsorten weltweit insgesamt 110.500 Fahrzeuge hergestellt haben.

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