Das Sterben des Schaltgetriebes

Nicht abschalten!

Alternativen Schaltgetriebe Foto: Hans-Dieter Seufert 20 Bilder

Jens Dralle versucht zu verstehen, weshalb immer mehr Hersteller manuelle Getriebe als antiquierten Plunder verunglimpfen. Dabei kommt es eben nicht immer auf die allerletzte Zehntelsekunde an.

Die erste Ausfahrt wird brillant sein, verstörend, packend, die Erinnerung daran noch Tage später jeden Espresso mit einem debilen Lächeln garnieren. Jedenfalls zähle ich jetzt schon die Tage, bis es soweit ist. Und doch bricht sich ein „ja, aber“ Bahn durch den reißenden Strom der Glückshormone - ja, aber hätte nicht erst der Ritt im neuen Porsche 911 GT3 ohne Doppelkupplungsgetriebe mich völlig um den Verstand gebracht? Ihn wirklich in der Hand zu haben, am Kragen zu packen und so zumindest sich selbst das Gefühl zu geben, der Chef hinterm Lenkrad zu sein? 

Elektronik ist schneller und effizienter

Obwohl mit PDK sicher alles noch schneller geht, natürlich auch effizienter und gewiss nicht dröge - schließlich können die Ingenieure der Elektronik ganz genau beibringen, wann eine Dosis Zwischengas oder ein ultrakurzer, knallharter Gangwechsel dem Fahrer die eine oder andere Extrasystole beschert.
 
Doch ganz oben auf der Welle des Hochgefühls surft nur, wer selbst bestimmt, wann sich welche Motordrehzahl in die Gehörgänge fräst, wer gezielt zwischen den Gangwechseln Gasstöße modelliert (und sei es nur für die Show oder einfach, weil es gut klingt) und wer in Fingerspitze und Handfläche fühlt, mit welcher Präzision die Zahnräder ineinandergreifen, wie geradezu magnetisch der Schalthebel von einer in die nächste Gasse fluppt - wie perfekt einfach die gesamte Mechanik arbeitet.

Unverschämtheit serienmäßig

Um ihren Kunden diesen Spaß zu verleiden, legen einige Hersteller eine Unverschämtheit an den Tag, die selbst gewiefte Politiker in den Beichtstuhl triebe. Oder zumindest zu Beckmann. BMW beispielsweise gibt sich derzeit größte Mühe, in den verschiedenen Baureihen manuelle Getriebe von subtil-mäßiger Qualität zu installieren. Kurze Wege ja, aber ein Gangwechsel vermittelt das Gefühl, zwei Knochen eines Brathähnchens gegeneinander zu verdrehen. Daher empfehle ich jedem, der sich einen neuen BMW kaufen möchte - wofür es ja durchaus noch Gründe gibt -, die hervorragende Achtstufenautomatik mit zu bestellen. Macht 2.350 Euro extra, natürlich. Alternativ gäbe es dafür einen gepflegten BMW 325i E36 inklusive wunderbarem Schaltgetriebe. Manches war früher eben doch besser. „Und es wäre auch heute noch gut, wenn man nur die Finger davon gelassen hätte“, wie der großartige Kabarettist Jochen Malmsheimer sagt, wenngleich nicht direkt in diesem Zusammenhang.
 
Anderes Beispiel: Mitsubishi. Glauben, sie hätten das Thema Doppelkupplungsgetriebe voll drauf (haben sie aber leider nicht), rüsten den Evo X damit aus, obwohl bereits im Vorgänger eine prima Sechsgangbox den Antriebsstrang vervollkommnete. Immerhin: Bei der Basisversion dürfen die Gänge noch selbst sortiert werden. Aber nur fünf davon.
 
Und es geht weiter: Ferrari. Die Italiener schmissen im Rausch ihrer gefühlten 781 Formel 1-WM-Titel den Schalthebel gleich ganz über Bord. Lamborghini geht einen ähnlichen Weg, denn der nächste Gallardo bekommt ein Doppelkupplungsgetriebe serienmäßig. Basta.

Hat der Kunde die Wahl?

Als Argument führen die Hersteller gerne an, dass die Kunden ohnehin zum Options-Getriebe greifen. Beim Lamborghini Gallardo stolze 98 Prozent, bei Porsche je nach Baureihe rund 80 Prozent. Aber wann haben Sie das letzte Mal einen Vorführwagen mit manueller Schaltung gesehen? Na? Eben. Ich bin sicher, dass die meisten Käufer dieser Fahrzeuge überhaupt nicht wissen, was sie verpassen.
 
Nein, ich bin kein Ewiggestriger. Und ja, ein Auto, mit dem ich 30.000 Kilometer oder mehr im Jahr abspulen müsste, würde ich vermutlich mit Automatikgetriebe bestellen. Ansonsten wäre es einfach schön, wenn mir die Wahl überlassen bliebe.

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