Grenzenlos

das 250 km/h-Limit bröckelt

Bei Tempo 250 ist Schluss! Die freiwillige Selbstbeschränkung aus den Achtzigern gilt – außer für Porsche und einige Tuner – bis heute. Doch wie lange noch? Der 250er-Club im Überblick.

Bei Tempo 250 ist Schluss – diese Regel gilt seit der ökologisch geprägten Tempolimit-Diskussion Ende der achtziger Jahre für die stärksten Fahrzeuge aus deutscher Produktion. Bis auf den Sportwagenhersteller Porsche und einige Tuner hatten sich 1987 die Autobauer Audi, BMW und Mercedes auf diese freiwillige Beschränkung geeinigt. Doch das selbst auferlegte Limit beginnt zu bröckeln.

Den Anfang wollte Volkswagen machen. Der Neueinsteiger im Luxuswagenbereich hatte geplant, seine Top-Limousine Phaeton auf Wunsch auch ohne elektronische Tempoblockade zu liefern: „Serienmäßig wird der Phaeton mit einer auf 250 km/h beschränkten Höchstgeschwindigkeit angeboten“, verkündete noch vor Wochen ein VW-Sprecher. „Auf speziellen Kundenwunsch wird es jedoch auch eine 'ungebremste' Ausführung geben, die eine Geschwindigkeit von 285 km/h erreicht.“ Das Topmodell mit 420 PS-W12-Motor hätte dafür fahrwerksseitig – gegen geringen Aufpreis versteht sich – von 235er auf 255er-Bereifung umgerüstet werden müssen. Die Verlockung, dem Über-Phaeton dadurch einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, war groß. Doch nun sind die Pläne dafür genauso schnell wieder in der Schublade verschwunden wie sie aufgetaucht waren – vorerst zumindest.

Mercedes: Das Hintertürchen heißt AMG

Die anvisierte Konkurrenz aus Stuttgart fährt hingegen schon seit einiger Zeit zweigleisig. Gut Betuchte werden bei der Mercedes-Tochter AMG fündig: Offiziell halten die Stuttgarter zwar an dem Gentlemen-Agreement fest. Doch wer zahlt, bekommt mehr. So kann die gesamte Palette des hauseigenen Veredelers auf Wunsch von dem elektronischen Bremsklotz befreit werden. Kurz bei AMG vorfahren und die hämischen Kommentare der Stammtischbrüder gehören der Vergangenheit an.

Beispiel gefällig? Der als betont sportliche Ausführung des Luxus-Roadsters beworbene SL 55 AMG läuft als Freier knapp 300 km/h. „Die Maßnahme kostet 2.100 Euro zuzüglich anderer Reifen für die höhere Geschwindigkeit“, bestätigt Mercedes auf Anfrage.

Im gleichen Atemzug folgt jedoch der Hinweis, dass die freilaufenden Autos nur in homöopathischen Mengen verkauft werden. Bei den übrigen Modellen mit Stern bleibt es ab Werk bei der Drosselung auf Tempo 250 – vorläufig: „Wenn der Kunde vermehrt Autos ohne Begrenzung verlangt, müsste man sicher noch einmal darüber nachdenken“, verlautet es aus der Konzernzentrale.

Audi: der nächste Kandidat?

Als ein Kandidat für das Durchbrechen der selbst errichteten Tempobarriere wird von vielen auch Audi angesehen. Schließlich haben die Ingolstädter gerade mit dem 450 PS starken RS 6 eine Kraft-Maschine par excellence ins Programm gehievt, die ohne elektronische Eingriffe wohl ebenfalls an der 300 km/h-Schranke schnuppern würde. Gemunkelt wurde daher bereits von einer Version, die von VW's Gnaden 280 km/h fahren dürfte. Diese Überlegungen wurden allerdings mit den VW-Plänen auf Eis gelegt.

Natürlich verneint Audi deshalb auf Nachfrage auch solche Wunschträume: „Eine solche Ausführung wird es vorerst nicht geben“, sagt Audi-Sprecher Josef Schloßmacher. „Bei uns gibt es derartige Überlegungen nicht. Wir halten uns weiterhin an die Selbstbeschränkung.“ Wobei er zugibt, dass Konkurrenzbeobachtung zum Tagesgeschäft gehört: „Wenn sich alle Mitbewerber zur Abkehr entschließen sollten, wird sich der Vorstand neu damit beschäftigen.“

BMW bleibt selbst im M-Modus eisern

Eisern an die Regel hält man sich ebenfalls bei BMW. Zur Zeit gibt es dort keine Überlegungen die elektronischen Einbremser in Rente zu schicken. „Alle Modelle werden bei 250 abgeregelt“, teilt BMW-Sprecher Wieland Bruch knapp mit. „Dies gilt auch für die besonders sportlichen Modelle der M-Baureihe.“ Konsequenz: Selbst der in Kleinserie gefertigte Hochleistungssportler M3 CSL muss sich diesem Diktat beugen – egal was der Kunde hinblättert.

Doch selbst wenn sich die Liga der deutschen Nobel-Hersteller einmal nicht mehr mit der ihr bislang heiligen 250 abfinden sollte: Ein großer Aufschrei der Verkehrssicherheitsexperten ist vermutlich nicht zu befürchten. „Für uns ist das kein fundamentales Thema“, sagt Rainer Hessel, Geschäftsführer der Deutschen Verkehrswacht (DVW). „Man kann mit einem Auto auch unterhalb von Tempo 250 viel Blödsinn anstellen.“ Und gerade in den vielen anderen Bereichen des täglichen Verkehrs geschehe ein Großteil der Unfälle – Hochgeschwindigkeitsunfälle seien dagegen relativ selten.

Ab Tempo 180 Mitschuld bei Unfällen

Allerdings weist Hessel ebenso wie ADAC-Sprecher Maximilian Maurer darauf hin, dass sehr große Geschwindigkeitsdifferenzen auf den Autobahnen Gefahren bergen. Wer mit durchschnittlichem Autobahntempo auf die Überholspur ausschert, wird vermutlich arg überrascht sein, wie schnell sich ein mehr als 250 km/h schnelles Auto nähert – dessen Fahrer wiederum dürfte alle Mühe haben, die daraus entstehende brisante Situation zu entschärfen.

Abgesehen davon hat die Justiz längst erkannt, dass es schon bei wesentlich niedrigeren Geschwindigkeiten gefährlich wird. „Es gibt eine Entscheidung des Bundesgerichtshofes, die festlegt, dass die Betriebsgefahr im Auto ab Tempo 180 steigt“, sagt Maximilian Maurer. „Bei höherem Tempo muss deshalb immer damit gerechnet werden, dass man bei einem Unfall eine Mitschuld bekommt.“

Off Limits nur beim Tuner

Trotzdem lebt eine ganze Branche nicht schlecht von dem Geschwindigkeitsrausch der Deutschen. Freie Fahrt für freie Bürger geht bei vielen Tunern oft genug sogar mit einer Leistungssteigerung einher. Und dass die Gemeinde der Möchtegern-Schumis stetig wächst, beweist das jährliche Wachstum der Branche: Allein bei den Mitgliedern im Verband Deutscher Automobil Tuner (VDAT) sammelten sich im vergangenen Jahr gut 4,2 Milliarden Euro in den Kassen – neun Prozent davon gehen nach Angaben des Verbandes auf das Konto Motortuning.

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