Historie

Mille Grazien

Foto: Cornelia Killius 30 Bilder

Mille Grazien ...na ja, vielleicht nicht gerade 1.000. Aber jede Menge. Ob auf vier Rädern oder zwei Beinen. Extrem sehenswert war allemal, was sich bei der "Mille Miglia Historico 2006" auf und an der Strecke tummelte.

Die Vorboten der Mille mischen sich in Brescia Ost ins Bild des industriellen Alltags, das heißt, sie dröhnen sich dazwischen: infernalisch bollert und ballert es aus chromblitzenden Endrohren. Erst ein Bugatti 35, das Rücksäckchen dekorativ über das Erstsatzrad geschnürt, gleich hernach eine Maserati, der sich so schwungvoll auf das bevorstehende Ereignis einfährt, dass sich nur mutmaßen lässt , dass es wohl ein 150 S gewesen sein muss. Mille Miglia prangt grottenbreit an seinem Heck. Als würde man es nicht auch so sehen. Besitzerstolz blinkt aus dem Cockpit, cool verborgen hinter spiegelndem Glas, dennoch unverkennbar.

Ein Mille erprobter Kollege der Klassiker-Fraktion hatte vor der Fahrt gen Italien noch die zwei entscheidenden Tipps gegeben: "Punkt 1: Wenn Du den Weg nicht mehr weißt, fahr einfach den Klassikern nach. Punkt zwei: Wenn Du zwei Kilometer zurück legst und es stehen keine winkende Menschen am Straßenrand, dann bist Du falsch."

Infernalisch bollert es aus Endrohren, frenetisch fordert das Publikum den Orkan der Motoren

Wohl wahr. Dass die Italiener mit einer ganz besonderer Leidenschaft bei der Sache sind, wo immer die Motoren brüllen und sich automobile Meisterwerke versammeln, wurde hinlänglich besungen. Dass sich bei der technischen Abnahme zwischen Piazza della Loggia (der traditonelle Ort der hohen Weihe für die Mille Teilnehmer musste dieses Jahr wegen Bauarbeiten von der Piazza Vittoria weg verlegt werden) 50.000, 60.000 oder weiß der Teufel wieviele Menschen in den Gassen Brescias drängen, mag noch halbwegs nachvollziehbar sein. Wenn aber auch um zwei Uhr morgens bei der Nachtankunft in Ferrara mehr Menschen als die Stadt Einwohner hat die Autohelden der Vergangengenheit jubelnd empfangen und frenetisch den Orkan der Motoren einfordern, dann muss man schon tot sein, um da keine Gänsehaut zu bekommen.

Wenig ist normal an der Mille, schon gar nicht die Autos. Praktisch alles ist am Start, was Marken wie Alfa, Ferrrari, Mercedes und BMW zu dem Ruhm verholfen hat, der die Autobauer noch heute umweht.

Alles ist am Start, was Marken wie Alfa, Ferrari Bugatti, BMW, Bentley und Mercedes zu Ruhm und Ehre gereichte

Jochen Mass donnerte so beherzt mit dem Mercedes 300 SLR übers holprige Landstraßen-Geläuf, mit dem Juan-Maunel Fangio 1955 den zweiten Platz belegt hatte, dass man nur sagen konnte: Gleichmäßig schnell ist auch gleichmäßig.

Am Start mit Holger Lapp und Motor Klassik-Redakteur Hans-Jörg Götzl jener BMW 328, mit dem Huschke von Hanstein 1940 die Alfa/Ferrari-Dominanz in den Siegerlisten der Mille sprengen konnte. Das aber nur zwei von 375 Autos in einem automobilen Rausch der Sinne: Alfa 8C Le Mans, Bugatti 34, Lotus, Aston Martin, Jaguar XK 120, Lotus 9 als die bekannteren, Abarth Zagato, Stanga, OSCA; der Fraser Nash, der Mille Miglia heißt und für die Mille Miglia wie geschaffen aussieht, dort aber nie am Start war.

Dabei ist längst nicht alles schön, vieles schräg was sich auf den drei Tagen zwischen Brescia und Rom tummelt. Vor allem die Experimente mit der optimalen Stromlinie hat durchaus merkwürdige Autogeschöpfte zu Tage gefördert.

Was auch fürs bunte Volk in den Autos und an den Pisten gilt. Spätestens seit die Mille 1977 als touristische Veranstaltung wieder beatmet wurde und es nun nicht mehr um Geschwindigkeit, sondern um Gleichmäßigkeit geht, ist das Sehen und Gesehen werden integraler Bestandteil der Krönungsrunde historischer Donnerbolzen.

Motorsportheroen wie Jochen Mass, Jacky Ickx und.Alex Zanardi gaben sich die Ehre, Wirtschaftsmänner wie BMW-Vorstand Burkhard Göschel, Daimler-Chrysler Italien Chef Wolfgang Schrempp oder Chopard-Chef K.F. Scheufele; alter Namensadel und jüngerer Geldadel aus den Steueroasen dieser Welt. Und darüber hinaus. Aber darauf kommt es bei der Mille nicht wirklich an. Bedeutender als Namen und Titel ist der Klang der der Motoren.

Mehr zur Mille Miglia lesen Sie in der nächsten Ausgabe von Motor Klassik und in der auto motor und sport Haft 12, das am 24. Mai an den Kiosk kommt.

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