BMW-Markenchefin Hildegard Wortmann im Interview Dino Eisele
BMW-Markenchefin Hildegard Wortmann im Interview
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BMW-Markenchefin Hildegard Wortmann im Interview

Digital werden, authentisch bleiben

BMWs Markenchefin Hildegard Wortmann zum autonomen Fahren, zu Elektroautos und ob Frauen bessere Chancen auf eine Führungsposition haben.

Es ist schon einige Jahre her: BMW gibt Journalisten einen Ausblick auf das kommende Modellprogramm. Hildegard Wortmann ist als Leiterin des Produkt­managements dabei. Sie kennt absolut jedes Detail des neuen 3er GT, erklärt Ausstattungen und hat die zu diesem Auto passende Kundschaft genau im Visier. Am neuen X5 wartet dagegen der damalige Entwicklungsvorstand. Er kann nicht alle Fragen zum Fahrwerk sofort beantworten. Deshalb lässt er nach seinem Assistenten rufen.

Wie fühlt es sich an, nach 18 Jahren im Unternehmen die Markenleitung zu übernehmen?

Wortmann: Es macht mich sehr stolz, vor allem aber habe ich großen Respekt vor der Verantwortung für die Marke BMW, deren Wert sich auf über 40 Milliarden US-Dollar beläuft und die auf eine über 100-jährige Tradition zurückblickt. Wie viele Marken haben das schon? Damit muss man sehr behutsam umgehen und sie dabei trotzdem kontinuierlich weiterentwickeln.

Beschäftigen wir uns mit Klischees: Frauen, die es in solche Führungspositionen gebracht haben, sind wahlweise eiskalt, berechnend oder eitle Kratzbürsten. Hildegard Wortmann ist nichts davon. Sie ist ein Mensch, der eine Vorstandssitzung in dringenden Notfällen auch mal absagt, wenn es jemandem in ihrem privaten Umfeld gibt, der dringend ihre Hilfe braucht.

Sie treten das Amt in einer Zeit großer Um­brüche an. Wie gehen Sie damit um?

Wortmann: Für mich steht fest, dass sich in den nächsten zehn Jahren mehr ändert als in den 30 Jahren zuvor. Aber ich sehe den Wandel als große Chance, denn als Unternehmen sind wir dafür strategisch hervorragend aufgestellt. Wir sind in vielen Bereichen wie Elektromobilität, Vernetzung, Mobilitätsdienstleistungen oder auf dem Weg zum autonomen Fahren führend, und Digitalisierung ist dabei nur ein übergreifendes Schlagwort, was bei BMW bereits in allen Bereichen umgesetzt wird. Meine Aufgabe ist es, die Marke BMW so zu „digitalisieren“, dass sie weiterhin als authentisch, aber auch zeitgemäß und modern wahrgenommen wird.

Hildegard Wortmann spricht wie immer leise. Sie hat sich über die Jahre ihre sympathische Art erhalten. Sie kann druckvoll auftreten, das spürt man. Aber sie ist kein Alphatier, das andere mit Besserwisserei erdrückt.

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"Wir sind in vielen Bereichen wie Elektromobilität, Vernetzung, Mobilitätsdienstleistungen oder auf dem Weg zum autonomen Fahren führend, und Digitalisierung ist dabei nur ein übergreifendes Schlagwort, was bei BMW bereits in allen Bereichen umgesetzt wird.", meint Wortmann zu BMW.
Was ändert sich für die Automarken?

Wortmann: Sie müssen eine Marke heute in Echtzeit führen, das erwarten die Kunden. Sie müssen immer erreichbar sein, auf der ganzen Welt. Wir möchten unsere Kunden in einem 360-Grad-Modell rund um die Uhr begleiten. Das ist ein wichtiger Marketingansatz, den ich in Zukunft auch noch weiter ausbauen will. Denn ich gehe davon aus, dass sich Kunden in Zukunft nur mit zehn, vielleicht 15 für sie relevanten Marken beschäftigen werden. Und ich möchte dafür sorgen, dass BMW dazugehört.

Die neue BMW-Markenchefin hat sich hochgearbeitet. Gestartet als Fremdsprachenkorrespondentin, dann das Prädikatsexamen als Betriebswirtschaft­lerin, Berufseinstieg bei Unilever. Bei BMW hat sie als Referentin Media im Marketing angefangen, bevor sie den Relaunch der Marke Mini übernommen hat.

Haben Sie sich eine spezielle Frauenförderung vorgenommen?

Wortmann: Natürlich möchte ich Frauen fördern, aber nicht im Sinn einer Quote. Wichtig ist mir eher, jungen Frauen Mut zu machen, weiterhin gerne bei Automarken anzufangen. Dazu müssen wir ihnen zeigen, wie spannend die Aufgaben sind und dass man bei BMW Zukunft gestalten kann. Und ich möchte den Müttern in meinem Team, die teilweise auch Führungspositionen bekleiden, größtmögliche Flexibilität geben, um zeitlich Familie und Job vereinbaren zu können. Ich denke, dass es für eine Frau nichts Schlimmeres geben kann, als eine „Quotenfrau“ zu sein. Ich selbst habe ein Netzwerk aus Business-Frauen, aber hier steht nicht das Frau-Sein, sondern der fachliche Austausch im Vordergrund.

Trotz des großen Optimismus, den Hildegard Wortmann ausstrahlt, gibt es auch Themen, die ihr sichtlich Sorge bereiten – die Einhaltung der CO2-Vorgaben zum Beispiel.

BMW-Markenchefin Hildegard Wortmann im Interview
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Daran kommt kein Autohersteller vorbei: "Meine Aufgabe ist es, die Marke BMW so zu „digitalisieren“, dass sie weiterhin als authentisch, aber auch zeitgemäß und modern wahrgenommen wird.", sagt Hildegard Wortmann im Interview mit der stellvertredenden Chefredakteurin Birgit Primer.
Macht es Ihnen Kopfzerbrechen, die weltweiten CO2-Ziele zu erreichen?

Wortmann: Davor habe ich großen Respekt. Natürlich ist es keine leichte Aufgabe, die weltweiten Standards zu erfüllen, denn die Auflagen sind technisch extrem anspruchsvoll. Aber wir haben schon viel geschafft. Bei Verbrennungsmotoren haben wir seit der Einführung von Efficient Dynamics im Jahr 2007 extrem große Fortschritte gemacht, und wir arbeiten hier intensiv weiter. Aber ohne Elektromobilität sind künftige Ziele nicht erreichbar. Daher bin ich auf jeden Fall unheimlich froh, dass wir schon 2008 mit dem Mini E, dann ab 2013 mit i3 und i8 angefangen haben und heute die größte Plug-in-Hybrid-Flotte vom 2er bis zum 7er im Angebot haben. Bis Ende 2016 haben wir schon über 100.000 elektrifizierte Autos verkauft. Und in diesem Jahr wollen wir noch mal 100.000 drauflegen.

Das Thema i-Reihe bewegt Wortmann. In den letzten Monaten haben viele Mitarbeiter den i-Bereich verlassen – inklusive Designchef – und sind zur chinesischen Konkurrenz gegangen.

Sind Sie mit der Positionierung des i3 als Viersitzer mit Schmetterlingstüren noch zufrieden?

Wortmann: Wer den i3 mal gefahren ist, der merkt sofort: Das ist ein echter BMW, er fährt sehr dynamisch, lässt an der Ampel viele Sportwagen stehen und fasziniert gleichzeitig mit dem elektrotypischen lautlosen Dahingleiten. Sicher könnte man rückblickend bestimmte Dinge anders machen. Aber für mich zählt vor allem der Pioniergeist, den wir als Unternehmen bewiesen haben. Wir haben im Unternehmen Kompetenz für E-Mobilität aufgebaut, das Segment sehr früh besetzt, und zudem ist der i3 aus Markensicht extrem erfolgreich.

Die BMW-Markenchefin sieht im Z8 einen Traumwagen. Leisten könnte sie ihn sich, aber bodenständig zu bleiben ist ihr besonders wichtig. „Ich esse immer noch gerne Schnitzel“, erzählt sie lachend.

Was hilft Ihnen, sich von diesen komplexen Aufgaben zu entspannen?

Wortmann: Ich mache sehr gerne Sport, und Outdoor-Aktivitäten machen mir dabei am meisten Freude, denn ich bin unheimlich gerne draußen. Abschalten kann ich aber auch sehr gut mit Musik, da genieße ich vor allem die Zeit im Auto. Und was immer funktioniert, ist einen schönen Abend mit Freunden zu verbringen.

Der Siebener als Plug-in-Hybrid 740e ist aktuell Wortmanns Dienstwagen, davor war es ein i8. Sie genießt heute schon die ersten Funktionen des autonomen Fahrens, wenn sie von ihrem Wohnort Bogenhausen zum Vierzylinder steuert. Während sie unterwegs ist, bekommen die Kollegen schon elektronische Post.

BMW Z8
BMW
Hildegard Wortmanns Traumwagen: Ein BMW Z8.
Glauben Sie ans autonome Fahren?

Wortmann: Ganz klar: Ja. Das autonome Fahren ist ja keine Technik, die erst in zehn Jahren auf den Markt kommt. Wir sind heute bereits auf dem Weg dahin. Aktuell sprechen wir noch vom teil­automatisierten Fahren, also von Systemen wie einem Stauassistenten, die den Fahrer unterstützen. Bis zum autonomen Fahren ist es noch ein Weg zu gehen, denn die Systeme dafür sind heute noch nicht reif. Ob hochauflösendes Kartenmaterial, Sensorik, Rechenleistung oder künstliche Intelligenz: Es gibt einige Bereiche, an denen wir intensiv arbeiten, teilweise mit Partnern wie Intel oder Mobileye. Realistisch sehen wir 2021 als Zeitpunkt, wenn wir mit den BMW iNext in Serie gehen.

Wenn Hildegard Wortmann als Markenchefin durch die BMW Welt in München schlendert, dann wird sie von vielen Mitarbeitern angesprochen – herzlich. Eben eine Kleinigkeit klären, kein Problem. Wortmann ist ausgesprochen beliebt, das spürt man.

Welche Rolle spielen Themen wie künstliche Intelligenz für die Autohersteller?

Wortmann: Ich bin tief beeindruckt, wie groß die Fortschritte auf diesem Gebiet sind – im Kontext des autonomen Fahrens spielt diese Technologie eine große Rolle. Erst können wir die Hände vom Lenkrad lassen, dann die Augen abwenden und in einem dritten Schritt sogar die Konzentration auf etwas anderes lenken. Dann brauchen wir unser Gehirn nicht mehr unbedingt fürs Fah­ren. Und wenn wir diese neu gewonnene Zeit im Auto nutzen beziehungsweise kapitalisieren wollen, dann entstehen an dieser Stelle ganz neue disruptive Geschäftsmodelle.

Die Freude am Selbstfahren bleibt trotz allem, da ist sich Wortmann sicher. Dem Slogan „Das Auto als dritter Lebensraum“, wie es ein wichtiger Mitbewerber als Werbespruch zu etablieren versucht, kann sie so nicht ganz folgen. Fest steht: Als Markenchefin hat sie die Zeichen der Zeit erkannt.

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