Kommentar von Marcus Schurig

Ultralange Getriebe-Übersetzungen nerven

Mercedes GT AMG, Doppelkupplungsgetriebe Foto: Mercedes 49 Bilder

Marcus Schurig über die neumoderne Unsitte, Sportwagen eine nicht artgerechte Getriebeübersetzung zu verpassen, um auf diese Weise Sprit zu sparen – und so leider den Sportwagen ad absurdum zu führen.

Jede Redaktion hat ihre kleinen Rituale. Das Doppel-W - Weißbier und Wurstsalat - bildet zum Beispiel den Rahmen für den lang gepflegten Gedankentausch zwischen dem Kollegen Jens Dralle und mir . Dabei landen wir immer wieder beim gleichen Thema: die Getriebe.

Während Jens Dralle die Sorge umtreibt, seine geliebten Schaltgetriebe stünden völlig zu Unrecht kurz vor der Ausrottung, treibt mich ein anderer Missstand an der Getriebefront um: nämlich dass die Hersteller von Sportwagen das Getriebe nicht dazu verwenden, um eine perfekte Übersetzung für Leistung und Drehmoment des Motors bereitzustellen – sondern um ganz profan Sprit zu sparen.

Der Hintergrund ist nachvollziehbar: Die weltweit immer strengeren Verbrauchsvorschriften zwingen die Hersteller, ihre Flottenverbräuche ebenso zu senken wie den CO2-Ausstoß. Dabei sind jede Technik und jeder Trick willkommen, denn der Druck ist hoch. Erreichen die Hersteller die gesetzlichen Vorgaben nicht, drohen saftige Strafzahlungen. Aber mittlerweile muss man sich die Frage stellen, ob Hersteller und Politik auf diese Weise nicht den Sportwagen selbst ad absurdum führen?

Den Sportwagen wird zu Tode gespart

Ich kann ja noch verstehen, dass leistungsstarke, sportliche Limousinen mittels Zylinderabschaltung oder spritsparender Getriebespreizung für den Alltag auf Vordermann gebracht werden – weil sie eben überwiegend im Alltag eingesetzt werden. Zwar werden auch Sportwagen von ihren Besitzern gerne und viel im Alltag bewegt, jedoch ebenso auf der Rennstrecke. Der Kern des Sportwagens ist aber der Spaß und nicht das Sparen. Die sieben-, acht- und neungängigen Sportwagen des 21. Jahrhunderts machen aber keinen Spaß mehr, sie sparen sich förmlich zu Tode.

Zwei beliebige Beispiele aus dem abgelaufenen Testjahr: Der Audi TT RS hat einen famosen Fünfzylindermotor, den wir alle lieben. Leider hatte unser Dauertestwagen ein Doppelkupplungsgetriebe, was Jens Dralle missfiel, mir aber noch schnuppe war. Leider hatte er sieben Gänge und eine lange Achsübersetzung, die theoretische Höchstgeschwindigkeit liegt gefühlt bei - natürlich unerreichbaren - 388 km/h. Im siebten Gang dreht er nicht aus, er spart Sprit.

Bei gemäßigtem Autobahntempo im Automatik-Programm und Sport-Modus reagiert das Getriebe auf jede Gaspedalbewegung mit chronisch-hektischer Schaltarbeit, der Drehzahlmesser flippert rauf und runter. Warum? Weil der Motor im siebten Gang mit zu niedriger Drehzahl läuft, um kraftvoll beschleunigen zu können. Im manuellen Modus muss man bei Tempo 140 drei Gänge herunterschalten, um nicht von einem 320d abgekocht zu werden – das nervt wirklich.

Die Chose wird noch ärgerlicher, wenn man in ein Auto umsteigt, das alles richtig macht, zum Beispiel in den SLS AMG Black Series: sieben Gänge auch hier, aber im siebten Gang dreht der Motor nahezu aus, wenn die Topspeed von 315 km/h anliegt. Der TT RS fühlt sich an, als müsse Usain Bolt die 100-Meter-Distanz in Stöckelschuhen absolvieren – wegen der Getriebespreizung. Beim SLS ist dagegen immer ansatzlos Pfeffer im Karton – wegen der Getriebespreizung.

Künstlicher Overdrive als Spaß-Killer

Und die Moral von der Geschicht? Halbe Eier rollen nicht! Mit künstlichem Overdrive zum Zwecke der Verbrauchsoptimierung fällt jeder Sportwagen ins Koma. Das Getriebe kann einen Sportwagen killen, auch wenn die anderen Baugruppen in puncto Sportlichkeit top sind. Und Jens Dralle würde hinzufügen: Schon der Entfall der Schaltgetriebe ist Verrat!

Die einen sagen: Kann man nicht ändern, da hilft nur Weißbier. Die anderen sagen: Gebrauchte Sportwagen kaufen, die noch passgenaue Getriebeübersetzungen hatten. Ist Weißbier und Retro etwa die einzige Lösung?

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