Meinung von Jens Dralle zu VW Golf R und Polo GTI

Die Rebellen aus dem Reihenhaus

VW Golf R, Frontansicht Foto: Rossen Gargolov 33 Bilder

Jens Dralle über zwei VW-Neuheiten, bei denen Fahrspaß und nicht verklinkerte Perfektion im Vordergrund stehen. Eine Trendwende? Ja, bitte!

Gäbe es ein Anforderungsprofil für VW-Kunden, kämen darin vermutlich weder die hohe Kunst des reflexartigen Gegenlenkens noch die Vorliebe für Avantgarde vor. Letzteres ist nicht schlimm, denn die konservative Stilrichtung der Modelle zählt sicher zu den stärksten Kaufargumenten.

VW Golf R kann auch driften

Warum? Na, wir Deutschen behalten unseren Neuwagen in Europa mit am längsten. Darum soll er bitte immer frisch und nicht wie aus einer vergangenen Epoche wirken. Was allerdings das Fahrverhalten und die Dynamik angeht, ist bislang doch der eine oder andere Wunsch offengeblieben. Klar, der VW Golf GTI blühte mit der fünften Generation wieder auf. Erst mit Nummer sieben allerdings bekam er ein ordentliches Sperrdifferenzial und bringt seine Leistung endlich gut auf die Straße. Traktionsprobleme plagten die VW Gölfe mit dem R im Kühlergrill nie, schnell fuhren sie auch, aber vorwiegend geradeaus. Aber in Kurven untersteuerten sie dröge. Und jetzt?

Das neueste, 300 PS starke Exemplar fordert dich schon mal, nämlich wenn du die Regelelektronik deaktivierst und mit Lastwechselreaktionen umgehen kannst. Kurve anpeilen, einlenken, kurz vom Gas, schwupps, drängt das Heck, je nach Reibwert der Fahrbahn nicht zu knapp. Wirklich gefährlich wird es natürlich selbst jetzt nicht, schnell wieder aufs Gas, und der VW Golf R zieht sich sprichwörtlich aus der Affäre. Aber exakt dieses Fahrverhalten macht Laune, zeigt, dass die Entwickler Agilität nicht ausschließlich über Leistung definieren.

VW Polo GTI unterhält und fordert

Ganz so bunt treibt es der modellgepflegte VW Polo GTI nicht. Immerhin: Sein Heck wird schon mal leicht, Driftwinkel wie auf dem Bild kommen nur bei Nässe und roher Gewalt zustande – sehr roher Gewalt. Neben dem frech abgestimmten Fahrwerk begeistert beim wilden Kleinwagen vor allem der Motor: 1,8 statt 1,4 Liter Hubraum, ein statt zwei Lader, 320 statt 250 Newtonmeter und Sechsgang-Handschaltgetriebe statt Siebengang-DSG – endlich! Jetzt packt der VW Polo GTI dich, fordert dich, unterhält dich, und zwar so gut, dass noch nicht einmal die hohe Sitzposition stört. Danke dafür, VW. Kommen von euch noch mehr Gute-Laune-Modelle? Wäre toll. Selbst wenn dann ein Anforderungsprofil für die Käufer erforderlich wäre.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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