Opel-CEO Lohscheller und Christan Müller im Interview

"Opel bleibt deutsch und wird elektrisch"

Opel Ampera-e Foto: Opel 17 Bilder

Opel-Vorstandschef Michael Lohscheller und Christian Müller, Geschäftsführer Engineering, über die Zukunft der Marke im PSA-Verbund.

Was sind für Sie die derzeit größten Baustellen bei Opel?

Michael Lohscheller Foto: Opel
Michael Lohscheller ist seit Juni 2017 CEO von Opel.

Lohscheller: Es gibt vier Hauptthemen. Erstens: Opel wird elektrisch. 2024 werden 100 Prozent unserer europäischen Pkw-Baureihen auch mit elektrifiziertem Antrieb verfügbar sein. Welcher andere Hersteller kann das behaupten? Wir machen hier Riesenschritte. Im Jahr 2020 werden wir vier elektrifizierte Fahrzeuge anbieten. Zweites Thema: Opel wird nachhaltig profitabel. Wir verbessern die Wettbewerbsfähigkeit sowohl bei den Produktkosten als auch den Werken. Unsere Werke sind aktuell noch nicht ausreichend ausgelastet, die Produkte sind zu komplex, damit sind die Stückkosten zu hoch.

Drittens: Opel bleibt deutsch. Das ist der Groupe PSA auch wichtig, schließlich hat der Konzern ja bereits drei französische Marken. Wir wollen unser Profil weiter schärfen. Wir arbeiten auch an der Preisgestaltung und der Fortsetzung unserer Produktoffensive.Viertens: Opel wird global. Endlich.

Okay, das Produktangebot ist also zu komplex. Bedeutet dies das Todesurteil für den Adam? Wird es zukünftig noch so hoch individualisierbare Modelle geben?

Lohscheller: Der Adam hat viel erreicht, ist ein sehr erfolgreiches Modell und hat gemeinsam mit dem Mokka das höchste Eroberungspotenzial von rund 50 Prozent sowie einen besonders hohen Frauenanteil. Das stärkt die Marke. Das werden wir nicht aufgeben. Allerdings werden wir uns etwa Farben und Varianten ansehen und solche mit geringer Resonanz streichen. Wir streichen bei jedem Modell die Optionen, die von weniger als einem Prozent unserer Kunden ausgewählt werden. Das reduziert massiv die Komplexität und die Kosten.

Müller: Komplexität betrifft auch Teile, die der Kunde nicht sieht. Allein im Corsa haben wir 16 unterschiedliche Frontscheiben. Und im Insignia haben wir theoretisch 400 unterschiedliche Vordertüren. Wir möchten die Fülle theoretischer Baukombinationen reduzieren.

Lohscheller: Durch die Groupe PSA sind die Kosten pro Fahrzeug genau vergleichbar, auch über die unterschiedlichen Marken und Ländergrenzen hinweg. Da sehen wir im Detail, wo unnötige Kosten entstehen – und können es sofort ändern. Denn im Gegensatz zu früheren Zeiten im GM-Verbund können wir nun direkt entscheiden. Wir treffen jetzt Maßnahmen, um alle Werke wettbewerbsfähig zu machen, was heute noch nicht der Fall ist.

Wird schon bei laufenden Modellen Komplexität herausgenommen?

Lohscheller: Ja, immer unter der Voraussetzung, dass die Nachfrage entsprechend gering ist.

Christian Müller Foto: Opel
Christan Müller, verantwortet seit August 2017 als Geschäftsführer den Bereich Engineering.

Müller: Das betrifft zum Beispiel Lenkräder, von denen wir bei manchen Modellen 24 unterschiedliche Varianten zulassen. Solche Änderungen können wir jederzeit ohne Mehraufwand in der Serie umsetzen.

Und fließen bereits während laufender Bauzeit PSA-Bauteile wie etwa Motoren in die Modelle ein?

Lohscheller: Die Autos auf GM-Architekturen laufen weiter. Wir stellen nach und nach auf Konzerntechnologie der Groupe PSA um, die wir künftig maßgeblich mitgestalten. Ab 2024 werden alle unsere Pkw-Modelle auf gemeinsamen Architekturen basieren.

Welche neuen Modelle können wir insgesamt erwarten?

Müller: 2018 ist das erste Jahr, in dem unsere X-Familie komplett verfügbar ist, sprich: der Mokka X, Crossland X und Grandland X. Zudem kommen der Insignia GSi und der neue Opel Combo – ein sehr wichtiges Modell für uns, um im Feld der kleinen Nutzfahrzeuge anzugreifen. 2019 folgt dann der neue Corsa, der auf einer gemeinsamen Architektur mit PSA stehen wird. Es wird ihn sogar als reines E-Auto geben. Bis 2020 bringen wir insgesamt neun neue Modelle auf den Markt.

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Wie viel Opel steckt in künftigen Opel?

Lohscheller: Wir fahren eine intelligente Plattformstrategie und werden die Opel-Modelle dabei sehr deutlich differenzieren, nicht nur beim Design, sondern auch beim Thema Sitzen, Beleuchtung, Schalt- und Fahrverhalten. Alles, was der Kunde sieht und fühlt, wird typisch Opel sein. Darunter nutzen wir viele gemeinsame Teile, um die Kosten zu drücken.

Müller: Wir reden in der Konzernentwicklung bei allen Modulen, Komponenten und Plattformen mit und haben damit genug Stellhebel, überall das Opel-Feeling sicherzustellen.

Gibt es klare Kompetenzaufteilungen zwischen den Marken?

Müller: Unser Entwicklungszentrum in Rüsselsheim ist das zweitgrößte im PSA-Konzern. Wir verantworten als Kompetenzzentrum unter anderem die Brennstoffzelle, Anteile an der Fahrerassistenz-Entwicklung sowie alternative Kraftstoffe und die Anpassung an den US-Markt. Weitere Kompetenzzentren werden folgen. Wir stehen hier in sehr gutem Austausch mit den Kollegen in Paris. Ich habe zum Beispiel gerade meine besten E-Auto-Spezialisten nach Paris geschickt, sodass dort ein Boost-Effekt entsteht. Das wird man schon beim vollelektrifizierten Corsa sehen. Wir werden hier in Rüsselsheim aber selbstverständlich auch ganze Fahrzeuge entwickeln. Jeder Opel wird künftig in Rüsselsheim entwickelt. Ohne Ausnahme.

Stichwort alternative Antriebe: Was wird aus dem Ampera-e? Ein tolles Modell, aber leider derzeit nicht verfügbar.

Lohscheller: Keine Sorge, unsere Elektro-Offensive läuft. Bis 2024 werden alle europäischen Pkw-Baureihen elektrifiziert sein – entweder mit reinem Batterieantrieb oder als Plug-in-Hybride. Und schon 2020 werden wir vier elektrifizierte Modellreihen auf dem Markt haben. Eines davon ist der Ampera-e. Dazu kommen der E-Corsa, der Grandland X als Hybrid und ein weiteres Modell. Der Ampera-e wird ab Januar 2018 wieder bestellbar sein. Wir versuchen, so viele Fahrzeuge wie möglich von GM zu bekommen.

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Reicht das aus, um trotz Diesel-Rückgang die CO2-Ziele zu erreichen?

Müller: Ja, unsere E-Offensive wird uns sogar in die Lage versetzen, eine Führungsrolle bei den CO2-Werten einzunehmen. Wir wappnen uns für die Vorgaben der EU. Selbstredend sind auch effiziente Verbrennungsmotoren Teil unserer Strategie.

Ebenso wie die alternativen Kraftstoffe?

Müller: Das ist eines unserer Kompetenzfelder. Wir sind seit zehn Jahren flächendeckend mit LPG unterwegs, bei Zafira und jetzt Astra auch mit CNG. Wir möchten dieses Thema einerseits innerhalb der Groupe PSA vorantreiben, suchen andererseits auch Partner außerhalb der Autoindustrie. Alternative und synthetische Kraftstoffe im Allgemeinen sind eine CO2-neutrale Ergänzung zur batteriebetriebenen Mobilität, auch in existierenden Flotten.

Was können wir von Opel beim autonomen Fahren erwarten?

Lohscheller: Priorität hat für uns aktuell die Elektrifizierung. Autonomes Fahren ist aber ein Megatrend, der für uns eine Rolle spielt. Unser Entwicklungszentrum hat auch hier Aufgaben für den kompletten PSA-Konzern übernommen.

Müller: Beim Thema Fahrerassistenz – einer Vorstufe autonomen Fahrens – steht die Marke Opel bereits für die Demokratisierung von Innovationen, macht also neueste Technologien für alle Kunden zugänglich. Das wird auch unser Anspruch beim autonomen Fahren sein.

Und wie sieht es bei der Demokratisierung der Sportlichkeit aus? Dürfen wir von Opel weiterhin coole Typen wie GSi oder OPC erwarten?

Müller: Wir haben gerade den sportlichen Insignia GSI gelauncht, und in der zweiten Jahreshälfte kommt der Corsa GSi. Wir definieren das Thema Performance Cars neu und setzen dabei weniger auf schiere Leistung als vielmehr auf Gewichtsreduzierung sowie die spezielle Abstimmung von Fahrwerk und Getrieben bis hin zu Torque Vectoring. Clever schnell unterwegs sein lautet die Devise. Auch das Thema OPC wollen wir neu und intelligent denken. Hier könnte uns die Elektrifizierung helfen.

Wird Opel auch im Motorsport aktiv bleiben?

Lohscheller: Unser Konzept mit dem Adam R2 im Rallyesport passt super zu unserer Marke und zu den drei Opel-Säulen: deutsch, nahbar, aufregend. Das ist Breitensport.

Und wie wollen Sie sich global aufstellen? Müssen wir mit einem Preiskampf rechnen?

Lohscheller: Nein, ganz im Gegenteil. Wir sind auf vielen Märkten sogar zu günstig. Unsere Autos liefern hohe Qualität, eine gute Ausstattung und sind ihren Preis wert. In der Vergangenheit haben wir zu oft über die Preisschiene verkauft. Das werden wir uns sehr genau ansehen und dann Schritt für Schritt ändern.

Vita Michael Lohscheller

  • Geboren 12. November 1968
  • Ausbildung Diplom-Kaufmann (FH) sowie Marketing-Management (MA)
  • seit 1996: Diverse Positionen bei Jungheinrich, Daimler, Mitsubishi Motors Europe und Volkswagen
  • bis 2012: Executive Vice President und CFO bei der Volkswagen Group of America
  • seit September 2012: Finanzchef Opel
  • seit Juni 2017: CEO der Opel Automobile GmbH

Vita Christian Müller

  • Geboren 1969 in Rüsselsheim
  • Ausbildung Diplom-Ingenieur Maschinenbau
  • seit 1996: Entwicklungsingenieur für Motorentechnik bei Opel
  • 2014–2017: Director Development, Calibration & Validation Europe bei Opel
  • seit August 2017: Geschäftsführer Engineering der Opel Automobile GmbH
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