Pro & Contra

Echter Jeep oder Etikettenschwindel?

Jeep Renegade, Heinrich Lingner, Luca Leicht Foto: Hans-Dieter Seufert 35 Bilder

Der neue Renegade auf Fiat-500X-Basis sorgt für Diskussionen in der Redaktion. Wie viel echter Jeep steckt in ihm? Ist er cool oder nur ein Lifestyle-Spielzeug?

Heinrich Lingner mag den Italo-Amerikaner

Der Kollege im Büro nebenan meint, der einzig echte Jeep aus Italien sei im Frühjahr 1945 gekommen, und zwar mit General Clark und der 5. Armee über den Brenner. Und Luca mag die bemühten Applikationen wie gemalte Schlammspritzer oder stilisierte Kanister-Kreuze nicht. Ist natürlich alles richtig, und eigentlich gefällt mir solch historisierendes Getue ebenfalls nicht. Doch im Fall des Jeep Renegade muss ich eine Ausnahme machen, selbst wenn er mir ohne diese Design-Gimmicks noch besser gefiele.

Und zwar aus genau einem Grund: Weil er ein gutes Auto ist. Ich kann mich nicht erinnern, wann es zuletzt ein Auto aus dem Hause Chrysler gegeben hätte, das so einen überzeugenden Eindruck auf mich gemacht hat. Außer dem aktuellen Jeep Grand Cherokee fällt mir keines ein.

Dass der Renegade nicht in Toledo, Ohio, sondern in Melfi, Basilicata vom Band läuft, ist mir ziemlich egal, wenn das Ergebnis so ausfällt. Und natürlich ist es viel besser, dass sich Jeep hier eines tauglichen technischen Unterbaus bedient, statt selbst etwas zu basteln. Mit Kleinwagen haben sie in Ohio nun mal wenig Erfahrung, in Italien dagegen umso mehr. Der Renegade fährt gut, sein Zweiliter-Diesel ist kräftig und sparsam, viel Platz im Inneren gibt es ebenfalls. Zudem kann er mit seinem Selec-Trac-Allrad auf unwegsamen Pfaden mehr als die meisten anderen SUV in seiner Klasse.

Ich finde den Renegade klasse – ein mutiges Auto, das mehr draufhat, als man ihm auf den ersten Blick zutraut. Davon könnte der Fiat-Konzern ein paar mehr gebrauchen.

Luca Leicht hat kein Herz für Deserteure

Eigentlich bin ich ein großer Fan von Italo-Western. Bud Spencer und Terence Hill zählen zu den großen Helden meiner Kindheit. Unvergessen bleiben die verregneten Nachmittage, an denen ich mit Opa VHS-Kassetten aus dem Schrank zog und Streifen wie "Mein Name ist Nobody", "Die rechte und die linke Hand des Teufels" oder "Zwei hau’n auf den Putz" über den alten Röhrenfernseher flimmerten. Ein solcher Italo-Western will auch der Jeep Renegade sein.

Nur leider, lieber Heinrich, gelingt ihm das nicht so recht. Und abgesehen von den sieben Schlitzen vorn im Kühlergrill hat er für mich nichts mit einem echten Jeep gemein. Zweifelsohne hat der frisch gebackene FCA-Konzern schon deutlich schlechtere Autos auf die Straße geschickt – für einen echten Jeep baut der Renegade aber zu sehr aufs Kindchenschema des Plattformspenders Fiat 500X. Rundgelutscht ist er, zu bemüht, zu weichgespühlt und beinahe süß. Zu verspielt, zu lifestylig, zu designverliebt – einfach zu italienisch. Beispiele gefällig?

Wie wäre es mit den aufgepinselten Matschflecken auf dem Drehzahlmesser? Oder der aufgeprägten Spinne, die "Ciao Baby!" hinter dem Tankdeckel hervorruft? Oder den stilisierten Kanister-Kreuzen, die fast jedes Detail zieren – vom Becherhalter bis zum Scheinwerfer. Dabei sind wir uns doch einig: einen solchen Blech-Kanister wird der Renegade nie zu Gesicht bekommen. Mit deren rauem, kriegerischen Ursprung hat der Wagen auch nichts zu tun. Vermutlich war das aber auch Absicht. Weshalb sonst hat man das Auto Renegade genannt – was man auch mit Deserteur übersetzen kann.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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