Range Rover Velar

Abenteuerliche Erlkönig-Tests für den 1. Range Rover

Land Rover Velar Foto: The Dunsfold Collection 18 Bilder

Die Prototypen des ersten Range Rover hat Land Rover unter dem Namen Velar erprobt – auf einer abenteuerlichen Expedition durch Afrika.

Velar, so prangt es auffällig auf der Motorhaube des ältesten Range Rover der Welt. Ein offizieller Modellname war dies nicht – Rover bezeichnete so intern seine Range-Rover-Prototypen. Sieben sogenannte Engineering Prototypes wurden unter den Bezeichnungen 100/1 bis 100/7 gebaut. Die 100 im Namen kam daher, dass die Prototypen intern auch als "100 inch Station Wagon" bezeichnet wurden. Hinzu kamen 26 von Hand gebaute und bei der Zulassungsbehörde angemeldete Pre-Production cars. Die Velars mit den Nummern 100/5 und 100/6 waren ab August 1969 in Algerien und Marokko auf einer ausgedehnten Test-Expedition unterwegs. Zeitweise gab es das Gerücht, dass sich der Name „Velar“ von „V Eight“ für den auf einem Buick-Aggregat basierenden Achtzylinder-Motor und „LAR“ von Land Rover ableitet – dies ist allerdings nur eine Wandersage. Korrekt ist: Der ehemalige Alvis-Ingenieur Mike Dunn (Alvis Cars wurde 1965 von Rover geschluckt) wurde beauftragt, einen Namen für das Mittelmotor-Sportwagen-Projekt "P6BS", an dem er gerade arbeitete, zu finden. In dem Namen sollten Bestandteile von "Rover" und "Alvis" vorkommen. Dunn sprach gut italienisch und entwickelte so den Namen "Velar". Das italienische "velare“ bedeutet „verschleiern“ oder „verdecken“ und war ein Hinweis auf das geheime Entwicklungsprojekt. Als die Entwicklung des P6BS zu den Akten gelegt wurde, bekamen die Range-Rover-Prototypen den Namen Velar.

Extreme Geheimhaltung

Schließlich wollte der damalige Range-Rover-Projektingenieur Geof Miller das damals neue Fahrzeugkonzept solange wie möglich geheim halten – ein weiteres Modell neben dem „Land Rover“, der ab 1990 „Defender“ hieß, war schließlich genauso eine Sensation wie die Tatsache, dass der Range Rover die Fahrzeugklasse der SUV mit begründete. Zu diesem Zweck wurden die Prototypen nicht unter dem Firmennamen Rover registriert, sondern unter dem Namen der zu diesem Zeitpunkt bereits existenten Firma „Velar“, deren Name rein zufällig mit den Namen der Prototypen übereinstimmte. Ort der Zulassung war die südlich von London gelegene Stadt Croydon, die seinerzeit auf den britischen Nummernschildern mit den Buchstaben "VB" gekennzeichnet wurde. Die Kürzel für die jeweilige Stadt nahmen auf den englischen Kennzeichen die zweite und dritte Stelle ein, an erster Stelle kam in diesem Fall ein "Y". Aus diesem Grunde sind die 26 Vorproduktions-Velars in England auch als "YVBs" bekannt.

Kurz vor der Neuvorstellung geriet die Verschleierungstaktik an ihr Ende: Als Rover-Ingenieur Rex Marvin am Osterwochenende 1970 einen Velar zu einer Teststrecke in Devon fuhr, machte ein Autofan von dem gerade bei einem Zwischenstopp in Exeter parkenden Wagen ein paar Fotos. Der prominente Velar-Schriftzug war dem Enthusiasten aufgefallen, wie dem Buch „The first Fifty – The Story of the Early Range Rovers“ von Roger Crathorne, Geof Miller, Gary Pusey und James Taylor zu entnehmen ist. Dieser von dem Fan erwischte Wagen gilt heute als einer der ältesten Range Rover Velar. Und das Fahrzeug musste bereits in seinen jungen Jahren einiges durchmachen. Schließlich ging der Velar mit der Kennung 100/6 (rechtsgelenkt und am 20. August 1969 registriert) zusammen mit dem baugleichen 100/5, wie bereits oben erwähnt, auf die große Erprobungstour durchs nördliche Afrika.

Land Rover Velar Foto: The Dunsfold Collection

Prototypenerprobung als Urlaubs-Expedition getarnt

Los ging es 1969 in Algerien südlich der Oasenstadt El Golea, von dort über In Salah nach Tamanrasset, über die Grenze nach Niger, weiter nach Agadez und dann mit einem einheimischen Tuareg-Führer namens Rhossey durch die weglose Ténéré-Wüste. Bei der Einreise nach Algerien waren übrigens weder Zoll noch Polizei vor Ort, um die Einreiseformalitäten abzuwickeln – somit waren die Velar illegal in Algerien unterwegs, was der Expedition keinen Abbruch tat.

Die Velar waren mit Dachträgern ausgestattet und mit Aufklebern beklebt. „Minitrek Expedition“ lautete die Aufschrift. Minitrek Expeditions war eine Firma aus Kingston, die Urlaubs-Expeditionen organisierte und die Rover auch bei der Velar-Erprobungs-Tour durch Afrika unterstützte. Außerdem hoffte Rover, dass die Minitrek-Aufkleber die Expedition unauffälliger machten. Alle „by Land Rover“-Badges wurden überklebt. Und für Fotos sowie Filmaufnahmen wurden teilweise die Velar-Schriftzüge durch Range-Rover-Schriftzüge ersetzt.

Militärparade für den Velar, aber kein Toilettenpapier

24 Stunden nach dem Eintreffen der Velars in El Golea bekam Land Rover lustigerweise einen Anruf aus Frankreich von Peugeot, was es denn mit den beiden Land-Rover-Testfahrzeugen in Algerien auf sich habe. Chefingenieur Geof Miller kommentierte nur trocken: „So viel zu der ganzen Geheimniskrämerei mit dem Velar-Schriftzug und so.“ Die Expedition brachte natürlich jede Menge Strapazen mit sich. So verschwanden angeforderte Ersatzteile auf dem Weg nach Algerien spurlos und ein Benzinkocher-Brand in der provisorischen Küche des Camps vernichtete den halben Vorrat an Toilettenpapier und den kompletten Bestand an Wein – ironischerweise überstand die vollständige Brennspiritus-Reserve den Brand.

Land Rover Velar Foto: The Dunsfold Collection

Am 23. November 1969 musste bei 100/6 auf Grund einer schlecht geschweißten Halterung der hintere Teil der Kardanwelle entfernt werden, der Wagen war also nur noch mit Frontantrieb unterwegs. Sanddünenfahren war jetzt nicht mehr möglich. Tuareg-Führer Rhossey vermutete, dass es im Armeestützpunkt von Dirkou, immer noch in Niger, Schweiß-Equipment gibt. Also fuhr die Expedition zum Fort Dirkou, begleitet von einer kleinen Militäreskorte. Bei der Ankunft im Fort wurde die Expedition mit einer offiziellen Delegation verwechselt und deshalb versehentlich mit einer Militärparade empfangen. Die offizielle Delegation traf 20 Minuten später ein und die Soldaten mussten ihre Parade wiederholen. Bei den späteren Schweißarbeiten half ein französischer Offizier und die Expedition konnte ihren Weg fortsetzen. Am 25. November mussten es die beiden Velar mit den hohen Sanddünen am östlichen Ende der Grand Erg de Bilma (Große Sandwüste von Bilma) aufnehmen und das Expeditionsteam war begeistert: Die Velars schlugen sich spektakulär.

Loch mit Kaugummi geflickt

Beim Rückweg navigierten die Wagen an der algerischen Grenze noch durch ein Mienenfeld. Auf dem Weg nach Marrakesch schlug dann der Tank des 100/5 wegen eines kaputten Schweißpunkts leck. Dies reparierten die Ingenieure wie im Comic erstmal mit Kaugummi und später in Marrakesch dann mit Araldite-Klebstoff. Von Marrakesch ging es nach Casablanca und von dort mit der Fähre nach Southampton. Die Strecke von Southampton nach Solihull legten die Velars wieder auf eigener Achse zurück. Bei der Ankunft kurz vor Weihnachten 1969 hatten die Wagen Orangen an Bord, mit denen sie in Casablanca beladen worden waren.

Geof Miller wollte die Marrakesch-Route eigentlich auch auskundschaften, um diese für das Presseevent zur Vorstellung des neuen Range Rover Ende 1970 zu nutzen. Allerdings erhielt Miller einen Anruf aus dem Land-Rover-Hauptquartier im englischen Solihull, dass man die Pressevorstellung bereits im Mai und zudem im heimischen und weniger exotischen Cornwall abhalten werde.

Land Rover Velar Foto: The Dunsfold Collection

Die Arbeit geht weiter

Für den Velar 100/6 ging die Arbeit weiter: Seit Februar 1970 testete Geof Miller eine Servolenkung für den Wagen und im Oktober desselben Jahres wollte ein Rover-Ingenieur die Fähigkeiten des Velar während eines inoffiziellen Offroad-Events demonstrieren – und überschlug sich. Der Ingenieur kam unverletzt davon und wegen des teilweise eingedrückten Daches bekam der Velar eine neue Karosserie. 1971 wurde der Velar 100/6 dann genutzt, um einen Schlammabweiser für die Fahrzeugfront zu entwickeln – dieser Schlammabweiser fand sich später in der Aufpreisliste wieder. Zudem diente der Wagen als Basis dafür, eine Wischwaschanlage für den Heckscheibenwischer zu konstruieren. Am 6. Februar 1974 wurde der erste und älteste Range Rover dann verkauft – höchstwahrscheinlich an den Land-Rover-Händler William Ellis Garages im mittelenglischen Oswestry.

Die meisten der Ende der 1960er-Jahre gebauten Range Rover Velar existieren noch heute. Der erste Serien-Range-Rover wurde am 17. Juni 1970 vorgestellt. Der legendäre 100/6 steht heute im englischen Cranleigh in „The Dunsfold Collection“, der weltgrößten und bedeutendsten Sammlung von Range-Rover-Modellen. Zudem ist die Dunsfold Collection eine eingetragene Wohltätigkeitsorganisation. Wir danken Gary Stephen Pusey, Treuhänder der Dunsfold Collection, für seine großartige Unterstützung. Pusey ist Range-Rover-Enthusiast, seit er in den 1970er-Jahren seinen ersten Range Rover sah. 1991 kaufte er sich seinen ersten Range Rover, inzwischen hat er zwölf. Als intimer Kenner der Modellgeschichte ist Gary Pusey auch Mitautor des oben genannten Buches „The first Fifty – Prototypes, YVBs and NXCs – The Story of the Early Range Rovers”, aus dem viele in diesem Artikel verwendete Informationen stammen.

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