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Tesla verzweifelt?

Rückzug von der Börse denkbar

Die finanzielle Situation von Tesla scheint angespannt zu sein: Zuletzt bat der amerikanische Elektroauto-Hersteller seine Zulieferer um Rückzahlungen und Rabatte. Jetzt denkt Tesla-Boss Elon Musk über einen Rückzug von der Börse nach.

08.08.2018 Gregor Hebermehl, Uli Baumann

US-Ingenieur Sandy Munro behauptet, dass der Model 3 für Tesla ein hochprofitables Auto sei, mehr Rendite erwirtschaften könnte als BMW mit dem i3 oder Chevrolet mit dem Bolt. Anfang Februar 2017 äußerste sich Murno, Chef des von ihm gegründeten Ingenieurbüros Munro & Associates, Inc., sehr skeptisch gegenüber dem gerade von ihm untersuchten Tesla Model 3. So bezeichnete der Ex-Ford-Ingenieur in einem Video des US-Onlinesenders Autoline den versteckten Zugang zur Unterbrechung der Stromversorgung und die fehlenden mechanischen Türöffner im Fond als Sicherheitsmangel. Außerdem störte er sich an den variierenden und teilweise üppigen Spaltmaßen des Tesla genauso wie an den schlecht verarbeiteten Türdichtungen. In einem neuen Video legt Murno jetzt eine 180-Grad-Wende hin.

Begeistert von den elektronischen Bauteilen

Zu Sicherheit und Verarbeitung des Model 3 verliert Munro nun kein Wort mehr. Er hat das Elektroauto an seinem Firmenstandort in Auburn Hills (55 Kilometer nordwestlich von Detroit im US-Bundesstaat Michigan) komplett zerlegt und ist von den einzelnen Komponenten begeistert. So singt Murno ein Loblied auf die tiefe Integration der elektronischen Komponenten. Außerdem ist er von der Batterie überzeugt: Dort seien neue Zellen des Typs 2170 verbaut. Diese Zellen sind 20 Prozent größer als bei der Vorgänger-Batterie (aus Model S und Model X) und lieferten dank einer neuen chemischen Zusammensetzung 50 Prozent mehr Power.

Model-3-Marge soll bei 30 Prozent liegen

Außerdem will Sandy Murno herausgefunden haben, dass Tesla den Model 3 mit einer Gewinnmarge von 30 Prozent bauen kann. Der Grund sei neben der hohen Integration von elektronischen Bauteilen der Einsatz sehr günstiger Komponenten. So würde der Innenspiegel eines Model 3 nur 29,48 Dollar (25,19 Euro) kosten, während die Teile beim BMW i3 mit 93,46 Dollar (79,87 Euro) und beim Chevrolet Bolt mit 164,83 Dollar (141,59 Euro) viel teurer seien. Gleich darauf hält Munro ein Blatt in die Kamera, auf dem ein Vergleich der Innenspiegel-Gewichte zu sehen ist: Das Tesla-Bauteil wiegt 370 Gramm, der Spiegel des BMW 800 Gramm und der des Chevy 910 Gramm. Der Grund für die unterschiedlichen Preise und Gewichte ist, dass der Tesla-Spiegel ohne Rahmen und ohne über Knöpfe bedienbare Funktionen auskommt. Der BMW-Spiegel trägt zwei Knöpfe und der Spiegel des Bolt ist zudem mit einem Display für die Rückfahrkamera versehen. Murno ist seit langem ein Fan davon, Systeme weniger komplex zu machen – seiner Meinung nach erhöht das die Qualität.

Finanzielle Lage sehr angespannt

Wie das Wall Street Journal berichtet, bittet Tesla seine Zulieferer um die Rückzahlung von Beträgen aus bereits beglichenen Rechnungen. Diese Rechnungen reichen bis in das Jahr 2016 zurück. Beachtenswert: Tesla betont, dass diese Rückzahlungen wichtig wären, um das Geschäft weiterzuführen – das Geld sei eine Investition in eine gemeinsame Zukunft mit gemeinsamem Wachstum. Über die Höhe der geforderten Beträge ist bisher nichts bekannt. Berater Dennis Virag, Gründer und Chef der Automotive Consulting Group, Inc. aus Ann Arbor im US-Bundesstaat Michigan, bezeichnet den Wunsch nach nachträglichen Rabatten als verzweifelt und lächerlich, da Tesla sich zwar um die eigene Rentabilität, nicht aber um die Rentabilität seiner Lieferanten Gedanken mache.

Tesla hat bisher nie Liquiditätsprobleme eingeräumt. Das Hochfahren der Model-3-Produktion ist für den Konzern anscheinend teuer geworden. Im Gegenzug scheint der Verkauf des begehrten Model 3 aktuell noch nicht genug Gewinn abzuwerfen. Der Wirtschafts-Nachrichtendienst Bloomberg will errechnet haben, dass Tesla im ersten Quartal 2018 7.430 Dollar (umgerechnet zirka 6.349 Euro) pro Minute verbraucht hat, was im genannten Zeitraum einem Kapitalabfluss von einer Milliarde Dollar (855 Millionen Euro) gleichkäme. Skeptische Analysten fragen inzwischen laut, ob Tesla noch in diesem Jahr das Geld ausgehen könnte, das Investmentbanking-Unternehmen Goldman Sachs glaubt, dass der Hersteller bis Ende 2020 zehn Milliarden Dollar (8,55 Milliarden Euro) frisches Kapital benötigt.

Noch im Mai 2018 war Tesla-Chef Elon Musk optimistisch, mit steigenden Verkaufszahlen den Kapitalbedarf decken zu können, für das zweite Halbjahr stellte er Gewinne in Aussicht. Derweil ist die Diskussion um die Model-3-Vorbestellungen wieder voll entbrannt. Anlass ist ein Analysebericht, auf dessen Basis die New Yorker Investmentbank Needham & Company Tesla-Aktien von „Halten“ auf „Verkaufen“ herabstufte. Gegenüber dem US-Wirtschaftskanal CNBC erklärte ein Analyst der Bank, die Stornierungen und somit die Rückerstattungen würden die Zahl der Neubestellungen und somit Anzahlungen überholt haben. Gründe seien die Nichtverfügbarkeit des 35.000-Dollar-Basismodells, das Auslaufen von steuerlichen Förderungen in den USA und die nach wie vor lange Wartezeit. Musk hält dem entgegen, dass es in der Vorwoche abzüglich von Stornierungen 5.000 Neubestellungen für das Model 3 gab.

Tesla Model 3Kompaktes E-Auto im Fahrbericht

Hoher Preis für Produktionserhöhung

Warum Tesla trotz der potentiell hohen Gewinnmarge beim Model 3 tagtäglich Verluste schreibt, dazu äußert sich der Experte nicht. Zuletzt hatte sich Tesla-Boss Elon Musk abgestrampelt, um endlich die seit langem angekündigten 5.000 Model 3 pro Woche zu bauen. In der letzten Juni-Woche hat es endlich geklappt, auch wenn der Preis hoch war: Aus Deutschland wurden über den teuren Luftweg Maschinen eingeflogen, eine dritte Produktionslinie entstand in einem Zelt, Arbeitskräfte wurden von der nun stockenden Model-S-Produktion abgezogen und die kalifornische Behörde für Arbeitsschutz ist Dauergast im Werk im kalifornischen Fremont. Im August soll die Produktion auf 6.000 und mittelfristig auf 8.000 Exemplare pro Woche steigen. Zum Vergleich: VW baute 2017 pro Woche mehr als 18.570 Golf.

Noch sind 420.000 Model-3-Vorbestellungen nicht abgearbeitet. Die 35.000-Dollar-Basisvariante ist nach wie vor nicht verfügbar. Und obwohl jeder, der ein Model 3 vorbestellt hat, bereits 1.000 Dollar Vorschuss gezahlt hat, soll jetzt jeder, der möchte, dass sein Auto schneller gebaut wird, nochmals 2.500 Dollar nachschießen.

Investoren wünschen sich mehr Ruhe und Arbeit

Elon Musks Nervenkostüm litt während der Model-3-Produktionsprobleme zusehends. So unterstellte er per Twitter den Medien pauschal Falschberichterstattung. Für die Rettung der kürzlich in einer thailändischen Höhle eingeschlossenen Jugendlichen präsentierte er ein U-Boot, das vor Ort als untauglich eingestuft wurde. Der an der erfolgreichen Rettung beteiligte britische Taucher Vern Unsworth kanzelte Musks U-Boot mit deutlichen Worten als PR-Gag ab. Musk reagierte daraufhin per Twitter mit einer Aussage, die beleidigenden Charakter haben könnte. Inzwischen entschuldigte Musk sich dafür. Seinen Investoren ist Musks Verhalten langsam nicht mehr ganz geheuer: So wünscht sich beispielsweise James Anderson vom Tesla-Chef mehr Ruhe und Konzentration auf die Arbeit. Andersons Fond hält vier Milliarden Dollar (umgerechnet zirka 3,4 Milliarden Euro) in Tesla Aktien.

Tesla GigafactoryBatteriefabrik nimmt die Arbeit auf

Tesla erwägt Börsenrückzug

Wie die Wirtschaftswoche jetzt berichtet, will Tesla-Chef Elon Musk sein Unternehmen von der Börse nehmen. „Ich glaube, es ist der beste Weg nach vorne“, schrieb er den Mitarbeitern des Elektroautokonzerns am Dienstag (7.8.2018) in einer Rundmail. Tesla veröffentlichte das Schreiben unter dem maximalen Druck der Finanzmärkte – Musk hatte mit seinen Tweets zuvor ein solches Chaos an der Börse ausgelöst, dass der Handel mit der Aktie zwischenzeitlich gestoppt wurde.

Zuvor hatte die Financial Times berichte der saudische Staatsfond sei im großen Stil bei Tesla eingestiegen und halte bis zu 5 Prozent der Tesla-Anteile. Dann verkündete Musk in einem Tweet er erwäge Tesla bei einem Aktienkurs von 420 Dollar zu privatisieren, also von der Börse zu nehmen. Die Finanzierung dafür sei bereits gesichert. Eine endgültige Entscheidung sei aber noch nicht gefallen.

Neuester Kommentar

Wenn ich als Kaufmann die Geschäftszahlen von TESLA analysiere, lautet das Fazit: katastrophal, das wird in einer Pleite enden. Durch Musks dilettantischen push Versuch wird das nur bestätigt. Wenn die Finanzierung nicht nachgewiesen werden kann, wird das für Musk übel enden! Die Amis sind da streng.
Für Vielfahrer bleibt der Diesel mit EURO 6d temp erste Wahl. Danke, Rudolf!!!

Mich erinnert das an den "Neuen Markt".

ottocar 10. August 2018, 16:20 Uhr
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