Solaris Urbino electric, BVG Solaris

Berlin mit neuen Elektrobussen sehr zufrieden

BVG dementiert Gerüchte um Reichweiten-Probleme

Berlin testet neue Elektrobusse im Linienbetrieb. Kurz nach dem Start der Fahrten kamen Gerüchte auf, dass die Busse ihre Reichweite nicht schaffen und nur einmal am Tag im Einsatz sind. Wir haben nachgefragt – die BVG ist mit den Fähigkeiten ihrer Elektrobusse zufrieden.

Berlin ist mit seinen neuen Elektrobussen offensichtlich sehr zufrieden. Entgegen anderslautenden Pressemeldungen erklärt ein BVG-Sprecher, dass die bisher abgenommenen Busse stabil fahren. Sie schaffen die von den Herstellern garantierte Reichweite unabhängig von Wetter oder Linienprofil. Im Testbetrieb konnten laut BVG dank einer guten Einsatzplanung mit einer Zwischen-Aufladung bereits Reichweiten von zirka 200 Kilometern erzielt werden – diese Reichweiten sollen nach und nach weiter steigen. Die Zwischen-Aufladungen erfolgen im Depot, die Busse kommen mehrmals täglich zum Einsatz. Bei einer Laufleistung von 200 Kilometern beträgt die Einsatzdauer 15 Stunden.

Busunternehmen stellen ihre Flotten um

35.000 ÖPNV-Busse gibt es in Deutschland, davon sind aktuell 95 Prozent mit einem Dieselmotor unterwegs, erklärt uns Lars Wagner vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Die EU hat in der Clean Vehicles Directive festgelegt, dass bis zum Jahr 2050 der Verkehr komplett dekarbonisiert wird, also ohne Kohlenstoff auskommt. Dies soll den CO2-Ausstoß drastisch reduzieren. 2050 ist noch über 30 Jahre hin, aber die ebenfalls zeitlich fixierten Zwischenschritte machen den Busunternehmen Sorgen. Diese schreiben ihre Busse nämlich zirka für die nächsten zehn Jahre aus – in fünf Jahren umzusetzende Zwischenschritte wären dann kaum noch zu meistern. Wir haben uns bei den Verkehrsbetrieben verschiedener deutscher Großstädte umgehört, welchen Antrieb sie in naher Zukunft in ihren Bussen sehen.

Berlin: Keine Wasserstoffbusse – aber jetzt den ersten eCitaro

Berlin, mit fast vier Millionen Einwohnern mit Abstand Deutschlands größte Stadt, antwortet knapp, dass man sich in Sachen Elektromobilität gerade in der Hochlaufphase befinde. Bis zum Jahr 2021 sollen 225 Elektrobusse angeschafft werden. Die Auslieferung der ersten 30 Fahrzeuge läuft gerade, betont Markus Falkner von der BVG. Daimler Buses kämpft erfolgreich um Marktanteile bei Deutschlands größtem kommunalem Verkehrsunternehmen. Ende 2018 haben die Berliner Verkehrsbetriebe 15 eCitaro und 15 Solaris Urbino electric bestellt – die Schlüssel für die Mercedes-Busse hat jetzt Till Oberwörder, Leiter Daimler Buses, persönlich an BVG-Chefin Sigrid Nikutta übergeben.

Mercedes eCitaro BVG
Daimler AG
Der erste von 15 eCitaro für die BVG ist jetzt in Berlin angekommen.

Der eCitaro ist mit zehn Batteriemodulen bestückt, die eine Gesamtkapazität von 243 Kilowattstunden haben. Damit soll der Bus im Stadtverkehr 150 Kilometer weit kommen, unter Idealbedingungen sind bis zu 250 Kilometer Reichweite drin.

Die BVG betreibt 1.400 Omnibusse auf rund 150 Linien. Ein Markt, den Daimler fest im Blick hat: Die Schwaben investieren nach eigenen Angaben einen zweistelligen Millionenbetrag in ihren Busworld Home Betrieb im Berliner Stadtbezirk Tempelhof-Schöneberg. Das Geld fließt in einen Neubau, in dem auch Arbeitsplätze für die Arbeit mit Hochvolt-Technik vorgesehen sind.

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) starten mit 30 Elektrobussen durch. 15 Busse liefert Mercedes, die anderen 15 kommen vom polnischen Bushersteller Solaris. Die Solaris Urbino electric sind zwölf Meter lange rein elektrisch betriebene Gelenkbusse – der Hersteller aus der Nähe von Poznań ist stolz darauf, dass Berlin jetzt die meisten Solaris-Elektrobusse in ganz Deutschland betreibt.

Der Antrieb des Urbino electric erfolgt über eine Achse, in der die Motoren integriert sind. Die Speicherkapazität der Batterien beträgt 240 Kilowattstunden, was im Stadtverkehr für 150 Kilometer reichen soll. In einer ersten Testphase hatte Berlin bereits fünf Elektrobusse des Typs Urbino 12 angeschafft. Deren Zuverlässigkeit hatte noch Potenzial. Die neuen Busse sollen nicht nur zuverlässiger sein, sie werden auch klassisch per Kabel geladen. Die bisherige Praxis, die Batterien der Busse an den Endhaltestellen induktiv zu landen, hat sich anscheinend nicht bewährt. 2020 sollen 15 Solaris-Busse getestet werden, die sich per auf dem Dach montiertem Stromabnehmer an den Haltestellen schnellladen lassen.

Solaris Urbino electric, BVG
Solaris
Und das ist der erste von 15 Solaris Urbino electric, die künftig in der Hauptstadt Fahrgäste befördern.

Dank Millionen Euro an Fördergeldern von Bund und Land, muss die BVG für einen Elektrobus nicht mehr bezahlen als für einen herkömmlichen Dieselbus. Bis 2030 sollen alle Berliner Busse rein elektrisch unterwegs sein. Die Kosten für die Umstellung belaufen sich auch voraussichtlich 810 Millionen Euro, für die Installation der Ladestationen auf den Betriebshöfen sind nochmal 570 Millionen Euro fällig.

Einen Lieferengpass gäbe es bei den Elektrobussen aktuell nicht, keinerlei Bestellungen sind offen und zu aktuellen Ausschreibungen mache man naturgemäß keine Aussage, betont Falkner. Die Anschaffung von Wasserstoffbussen habe Berlin zudem nicht auf dem Plan. Ganz im Gegensatz zur deutschen Feinstaub-Metropole Stuttgart.

Stuttgart: Keine E-Busse

In Stuttgart sind rein elektrisch angetriebene Busse kein Thema, erläutert uns Markus Wiedemann von den Stuttgarter Verkehrsbetrieben. Um dieselben Reichweiten wie mit Dieselbussen darzustellen, müsste man zehn Prozent mehr Busse anschaffen. Und dabei wären die Anschaffungskosten noch das geringste Problem: Die Busse müssten gewartet und untergebracht werden, zudem müsste man mehr Busfahrer anstellen, die nicht nur Geld kosten, sondern auch in Gegenden mit nahezu Vollbeschäftigung nur schwer zu bekommen sind. Fahrer durch autonome Systeme zu ersetzen, kommt für die Stuttgarter Verkehrsbetriebe aktuell nicht in Frage – nach Tests hat man festgestellt, dass dies erheblich teurer wäre, als Busse mit einem echten Fahrer hinterm Steuer.

IAA Nutzfahrzeuge 2018 Volvo Electric Hybrid

Markus Wiedemann setzt daher auf moderne Hybridbusse – 55 sind schon im Einsatz. Die Stuttgarter testen gerade sowohl serielle und parallele Hybride als auch Mild-Hybridvarianten. Selbst letztere sollen allein schon wegen ihres beim Stopp ausgeschalteten Motors bei Anwohnern von Kreuzungen und Haltestellen beliebt sein. Auch die Möglichkeit, durch Rekuperation Energie zurückzugewinnen, gilt als Stärke der Busse. Da dabei zudem weniger gebremst werden muss, fällt auch weniger Feinstaub an – ein wichtiges Thema in Stuttgart. Auch Wasserstoffbusse, von den Hamburger Verkehrsbetrieben gerade als die angeblich schlechtere Lösung gegenüber den Elektrobussen aussortiert, mag man in der baden-württembergischen Landeshauptstadt – aktuell sind vier im Test. Ansonsten hat man 105 reichweitenstarke Euro-6-Diesel und 111 EEV-Diesel. EEV (Enhanced Environmentally Friendly Vehicle) ist eine Art Vor-Euro-6-Norm, die Busse sind aber schon mit Filter und Stickoxid-Reduktion unterwegs.

Mercedes-Bus
Mercedes
Rein elektrische Busse sind in deutschen Städten noch nicht weit verbreitet.

München: Entwicklungstempo muss steigen

Die Münchner Verkehrsgesellschaft schätzt, dass sich Elektrobusse zeitnah noch nicht in großer Stückzahl beschaffen lassen. Denn die Münchner setzen auf Gelenkbusse und noch längere Fahrzeuge und dort sei aber noch ein erheblicher Entwicklungsbedarf vorhanden, erklärt Matthias Korte, Sprecher der Münchner Verkehrsgesellschaft. Man vertraue darauf, dass die Elektrobus-Entwicklung an Tempo gewinnt und die entsprechenden Kapazitäten bei deutschen Busherstellern aufgebaut werden. Dafür sind die Münchner Verkehrsbetriebe Entwicklungspartnerschaften mit der Industrie eingegangen. Aktuell sind im Münchner Berufsverkehr 500 Busse unterwegs, zwei davon als Elektrobusse, vier weitere sollen bis Ende des Jahres hinzukommen. Die ersten beiden rein elektrisch angetriebenen Gelenkbusse erwartet man in der bayerischen Landeshauptstadt 2020.

03/2019, Volvo 7900 Electric
Alternative Antriebe

Verband Deutscher Verkehrsunternehmen: EU ist unrealistisch

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen ist aktuell der Überzeugung, dass Elektrobusse nur ein Baustein bei der Erreichung der EU-Klimaziele sein können. Die E-Busse seien in Städten sinnvoll, wo Fahrverbote drohen oder wo es schon Fahrverbote gibt. Für eher ländlich geprägte Regionen seien die elektrischen Busse noch nicht reichweitenstark genug. Dort soll in den kommenden Jahren auch noch der Euro-6-Dieselbus eine wichtige Rolle spielen. Lars Wagner moniert, dass zudem die Lieferzeiten für E-Busse 18 Monate betragen würden und die Anschaffungskosten doppelt so hoch seien wie bei einem herkömmlichen Bus. Seit es eine staatliche Förderung gibt, seien die Preise deutlich gestiegen – so soll beispielsweise ein Zwölfmeter-Elektrobus 2016 noch 480.000 Euro gekostet haben, aktuell wären 570.000 Euro fällig – ein Euro-6-Dieselbus ist hingegen für 220.000 Euro zu haben.

Bildergalerie Antriebszukunft ÖPNV-Busse: Große Vielfalt in Deutschen Städten

Solaris Urbino electric, BVG
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Von den 35.000 ÖPNV-Bussen in Deutschland sind aktuell 100 rein elektrisch unterwegs. Die EU gibt vor, dass bis 2025 mindestens 50 Prozent der Fahrzeuge emissionsfrei zu bestellen sind, ab 2025 sind 75 Prozent vorgegeben. Der VDV hält diese Vorgaben für wirtschaftlich und betrieblich weit von der Realität entfernt.

Fazit

Die Bus-Gegenwart und der Ausblick auf die Zukunftsantriebe im ÖPNV sind aktuell in Deutschland noch stark verschieden. Während Berlin nicht mit Wasserstoff- aber dafür mit Elektrobussen plant, reicht den Stuttgartern die rein elektrische Reichweite nicht, weshalb sie auf Hybride setzen. München wiederum braucht große Busse und dort ist in Sachen Elektroantrieb nach Ansicht der Bayern noch einiges an Entwicklungsarbeit nötig. Der Verband deutscher Verkehrsunternehmen hat wiederum auch die ländlichen Regionen im Blick, wo er die aktuellen Euro-6-Dieselbusse auch in den nächsten Jahren für unerlässlich hält. Die Einhaltung der Zwischenschritte der EU-Clean-Vehicles-Directive (50 Prozent Elektrobusse bis 2025) gilt beim VDV als unrealistisch.

Der Eindruck: Die Erreichung der Ziele scheitert in Deutschland an einem föderalen Flickenteppich. Nur zum Vergleich: Der chinesische Hersteller BYD hat nach eigenen Angaben bislang bereits 50.000 elektrisch betriebene Busse ausgeliefert – 15.000 mehr, als insgesamt in ganz Deutschland im Einsatz sind.

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