Rolls-Royce-Werk in Goodwood
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Rolls-Royce-Werk in Goodwood 47 Bilder

Rolls-Royce Bespoke

13 Kuhhäute und Sternenhimmel für den Phantom

Für jeden einzelnen Kunden ein maximal individuelles Auto bauen, das ist das Ziel von Rolls-Royce. Dafür werden die Käufer von Anfang an beraten und betreut – bis das fertige Modell im englischen Goodwood aus der Werkhalle gleitet.

Kein Wunder, dass die Einwohner Rolls-Royce hier nicht haben wollten: Goodwood in der englischen Grafschaft Sussex ist eine idyllische Ecke. Zehn Kilometer von der Südküste Großbritanniens entfernt prägen hügelige Wiesen, verwitterte Felsmauern und Bilderbuchdörfchen mit Teich und Kirche die mäßig dicht besiedelte Landschaft. Und so richtig schlecht geht es den Einwohnern hier auch nicht.

Aber einer der größten Landbesitzer der Gegend ist mit dem Duke of Richmond ein ausgemachter Autofan. Der geschäftstüchtige Gründer des Goodwood Festival of Speed wollte unbedingt einen Autohersteller auf seinen Ländereien haben. Als Rolls-Royce 2000 ein neues Zuhause suchte, ergriff er die Chance. Seitdem ist der feine britische Hersteller Pächter eines kleinen Teils der Ländereien des feinen Duke. Dabei musste Rolls-Royce eine Bedingung erfüllen: Die Firmengebäude durften nicht so hoch sein, dass sie den Blick des Duke aus den Fenstern seines Goodwood House verstellen. So setzen die Architekten flache Gebäude in ein sanftes Tal und schufen ein Gelände, das eine fast schon unwirkliche Ruhe ausstrahlt. Eine Ruhe, die auch im Inneren der Gebäude jedes Stresslevel senkt und die selbst in der Montagehalle herrscht. Dies muss eine der ruhigsten Fertigungsstätten der Autoindustrie sein – im gemächlichen 45-Minuten-Takt (je nach Modell) entstehen hier Rolls-Royce. Schließlich kommen hier nicht nur die Fahrwerke und die aus dem bayerischen Dingolfing per Lkw zugelieferten Karosserien sowie die aus München stammenden Motoren zusammen, hier sind auch Künstler am Werk.

Rolls-Royce-Werk in Goodwood
Gregor Hebermehl
Im Kunden-Besprechungsraum: Die einzelnen Fertigungsschritte zur Entstehung der "Spirit of Ecstasy" genannten Kühlerfigur.

Experten für Individualisierung

Individualisierung ohne Grenzen ist das Versprechen, dass die Eingangshalle und der Kunden-Beratungsraum im Hauptquartier atmen. Hierher kommen Rolls-Royce-Fahrer, um die Gestaltung ihres nächsten Wagens zu besprechen. Der stylisch und teuer eingerichtete L-förmige Beratungsraum hat sogar einen originalen Safe aus den alten Rolls-Royce-Büros. Hinter einem wegklappbaren Bild versteckt, lagern in ihm zur Freude der Gäste beispielsweise Vertragsdokumente. Links um die Ecke breitet sich an einer Wand die Vielfalt der Lackierungsmöglichkeiten in Form von bunten Magneten aus, die den Rolls-Royce Phantom stilisieren. Allerdings ist die überbordende Farbenpracht nur eine grobe Auswahl – jede erdenkliche Farbe ist möglich. So kam eines Tages eine New Yorker Kundin mit ihrem Hund nach Goodwood. Sie wollte Ihren neuen Rolls-Royce in der Farbe, die auch das Fell ihres Hundes hatte. Also hielten Lackspezialisten einen Farb-Scanner an das Fell und mischten die gewünschte Tönung ab. Einige Wochen später lag eine Postkarte aus Amerika im Briefkasten: Der hundefarbene Wagen stand in New York, am Steuer saß der Hund. Viele der betuchten Kunden haben so einen besten Freund und lassen ihren Rolls-Royce auf dessen Bedürfnisse anpassen. So hat ein anderer Amerikaner den kompletten hinteren Bereich seines langen Phantom extra für seinen Hund herrichten lassen, während das Herrchen am Steuer sitzt und vergnügt den Chauffeur gibt.

Für die Außen- und Innengestaltung eines Rolls-Royce klären die Designer vorab eine Menge Fragen. So ist es wichtig, ob der Eigentümer den Wagen vorwiegend als Selbstfahrer oder als Chauffeurswagen nutzt und in welcher Umgebung er ihn vorwiegend bewegt. Michael Fux, Matratzenhersteller, Multimillionär, Auto-Enthusiast und einer der größten amerikanischen Rolls-Royce-Kunden, wollte beispielsweise kürzlich einen gelben Phantom. Fux ist zwar für seinen ausgefallenen Farbgeschmack bekannt, trotzdem wanden sich die Designer und versuchten Fux, gelb auszureden – vergebens. Später schickte Fux Bilder vom gelben Phantom in Laguna Beach bei Strandpartys – und die Designer sahen ein, dass der lebensfrohe Unternehmer die passende Farbe gewählt hatte.

Kunstwerke in luftdichter Box

Viel Phantasie und Arbeit steckt auch in dem luftdicht versiegelten Armaturenbrett-Segment, dass der Kunde frei nach seinen Wünschen mit einem Kunstwerk füllen lässt. Von unten mit LED angestrahlte Metallwolken oder hinter kleinen Theatervorhängen verborgene Bilder – alles ist möglich. Vom Entwurf bis zur Realisierung in einem Hochrein-Raum dauert es oft sechs Wochen. Dabei entsprechen die Kunstwerke sämtlichen Vorschriften und Sicherheitsrichtlinien – und von innen beschlagen, können die Armaturenbrett-Vitrinen wegen der luftdichten Versiegelung auch nicht.

Kommt nun jeder Kunde für eine Beratung nach Goodwood? Aus Amerika, Asien oder dem nahen Osten? Natürlich nicht: Wessen Terminkalender zu voll für eine Auto-Einkaufsreise ist, den besuchen die Rolls-Royce-Spezialisten. Sie haben Tablets dabei, auf denen viele Gestaltungsmöglichkeiten zu sehen sind. Und sie haben die Lackmagneten in einer Reise-Miniaturausführung im Gepäck.

Gold-Noten fürs Armaturenbrett

Wer zum Werk in Goodwood reist, kann auch einen Blick in die Produktionshalle werfen. Was als erstes auffällt, ist nicht visuell: Die besagte besänftigende Ruhe füllt den großen Raum. Rolls-Royce-Modelle in verschiedenen Ausbaustufen sind zu sehen. An der Seite trägt jedes Modell die Fahne des Landes, in dem es mal auf die Straße rollen wird. Zur Montage gehört auch das Sternenhimmel-Dach. Zwei Frauen sitzen an großen Tischen hintereinander, jede von ihnen lässt per Handarbeit innen am Autodach die Sterne aufgehen. Dafür fädeln sie Lichtleiter-Kabel durch winzige Verkleidungs-Öffnungen, verkleben sie dann und schneiden die überstehenden Enden ab. Beim Phantom ist der Himmel nach 1.152, beim Phantom mit langem Radstand nach 1.344 Einfädelungen fertig. Eine spezielle Sternen-Anordnung gibt es nicht, je nach Wunsch leuchtet aber der Sternenhimmel über Goodwood oder jeder andere Sternenhimmel über den Köpfen der Insassen – und das in einstellbaren Helligkeitsstufen. Die Dächer für US-Modelle sind übrigens besonders markiert: Dort dürfen per Gesetz keine Lichter in der Nähe der Frontscheibe leuchten – trotzdem bekommen die US-Kunden genauso viele Sterne wie alle anderen auch.

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Gregor Hebermehl
Im Raum für die Holzbearbeitung liegen verschiedenen Intarsien-Arbeiten. Spezialisten fertigen verschiedene Intarsien an, bis der Kunde und sie mit dem Produkt zufrieden sind.

Während die Sternenhimmel-Künstlerinnen in der großen Montagehalle sitzen, haben die Furnier-Schnitzer direkt daneben einen kleinen Extra-Raum. Experten setzen die Wünsche der Kunden an Rechnern in Zeichnungen um, dann arbeiten sich Spezialisten mit Entwürfen und Modellen zum endgültigen Furnier-Element vor. Auch hier ist wieder alles möglich: Segelschiffe in voller Fahrt, prächtige Blumenornamente oder auch mal eine Partitur von Brahms mit ins Holz eingelassenen Gold-Noten. Wünsche nach furniergewordenen Partituren sind nicht selten. Und so gibt es im Werk einen Musiker, der die Partituren direkt vom Furnier nachspielt und somit prüft, ob sich kein Fehler eingeschlichen hat.

Wunsch nach Leder ungebrochen

Den größten Bereich nach der Montagehalle nimmt die Lederwerkstatt ein. Brian Staite ist als Chef der Leder-Abteilung stolz darauf, dass es viel zu tun gibt: Beim Phantom mit verlängertem Radstand sind je nach Sitzkonfiguration (Sitzbank, Einzelsitze oder Schlafsitze) bis zu 457 Teile zu beledern. In die Auswahl des Leders stecken die Spezialisten viel Arbeit, während den späteren Zuschnitt Maschinen erledigen. Laut Staite wird Leder durch den Zuschnitt per Hand nicht besser – und bei ihm sind nur Tätigkeiten erlaubt, die das Produkt besser machen. 13 Bullenhäute stecken in einem langen Phantom – aktuell kommt viel Leder aus Deutschland. Gutes Leder in großer Menge zu bekommen ist laut Staite gar nicht so einfach: Bauern züchten Rinder vor allen Dingen zur Fleischproduktion, nur vier Prozent ihrer Einnahmen kommen vom Leder. Dementsprechend steht die Lederqualität ihrer Kühe bei den meisten Bauern nicht an erster Stelle. Gegerbt und gefärbt wird das Leder bereits beim Zulieferer, wobei auch hier alle erdenklichen Farben und Farbkombinationen möglich sind. Und wie sieht es in Zeiten von veganem Lifestyle mit der Beliebtheit von Leder als Bezugsstoff aus. Brian Staite sagt, dass er viel von Leder-Ersatzstoffen hört, allerdings schlägt sich das nullkommanull in seinem Bestellbuch nieder. Leder sei in jeglicher Beziehung das bestmögliche Material und die Kunden sehen das genauso. Sollte doch mal ein Kunde den Wunsch nach einem anderen Bezugsmaterial haben: Die Werkstatt kann auch jedes andere geeignete Material nutzen. So wurde das Gestühl einer Studie aufwendig mit Seide ummantelt – eine große Herausforderung, da sich Seide bei Druck und Zug vollkommen anders verhält als Leder.

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Jason Keffert
Brian Staite ist als Chef der Leder-Abteilung stolz darauf, dass es viel zu tun gibt.

Am Ende der ganzen Arbeit, die, glaubt man den Mitarbeitern, schon wegen des Unterschieds zur Standard-Massenproduktion Spaß macht, fährt ein sehr individueller Rolls-Royce aus der Ruhezone in Goodwood, um dann überdurchschnittlich lange bei seinem neuen Eigentümer zu bleiben – wer sein Auto so intensiv auf seine Wünsche zuschneiden lässt, gibt es laut Rolls-Royce meistens nicht so schnell wieder her.

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