Cabrio-Reportage

Erfüllte Träume

Foto: Frank Herzog 29 Bilder

Fünf außergewöhnliche Cabriolets im Wert von 5.000 bis 25.000 Euro sind das Ergebnis einer spannenden Kleinanzeigen-Recherche. Offene Mainstreamer haben keine Chance. Selbst der frühe Mercedes 350 SL ist ein Exote unter den 107ern. Probe fahren mit Privatleuten macht viel Freude.

Regeln gibt es keine. Weder Preiskategorien noch Leistungslimits, keine Mindest-Zustandsnoten und auch kein Freibrief für eine problemlose Ersatzteilversorgung. Selbst Unterhaltskosten spielen im Land der Träume keine Rolle. Es sollte bei unserer Suche nach Cabrio- Klassikern entspannt zugehen und vielleicht auch ein bisschen ausgeflippt. Träume sind selten realistisch.

Fünf außergewöhnliche Cabrios spülte uns der kurzweilige Nachmittag einer spontanen Kleinanzeigen-Recherche per Drucker auf den Schreibtisch. Ein jungmädchenhafter Fiat 850 Sport Spider, ein braver Triumph Herald 13/60, ein Traumschiff namens Cadillac Eldorado Convertible, ein extravagant-kapriziöser Triumph Stag und ein grundsolider Mercedes 350 SL. Sie alle stehen für die große Artenvielfalt des offenen Fahrens. Was fehlt, ist vielleicht noch ein echter offener Sportwagen – denken wir nur an einen Jaguar E-Type.

Aber es galt ja die Ausschlussklausel: kein E-Type, kein Spitfire, kein Midget, kein Duetto, kein TR, kein Porsche 356 und kein Mercedes 220 SE. Und auch im Chaos des Zufalls lässt sich allmählich eine Struktur erkennen: keine Mainstreamer, Standort Süddeutschland, keine Restaurierungsobjekte, nichts jenseits von 30.000 Euro. Erfüllte Träume wollen schließlich auch finanziert sein.

Diese Fünf stellen wir näher vor:

  • Fiat 850 Sport Spider für 7.500 Euro
  • Triumph Herald 13/60 für 5.850 Euro
  • Cadillac Eldorado Convertible für 26.900 Euro
  • Triumph Stag für 23.950 Euro
  • Mercedes 350 SL für 11.500 Euro

Seit sie 19 ist, besitzt Monika Riesch das seltene Cabrio

Diese Auswahl plausibler Gründe erzählte uns die charmante junge Frau mit dem reizvollen bayerischen Akzent schon am Telefon auf. Nur in gute Hände soll der Wagen kommen, schließlich fährt sie ihn seit ihrem 19. Lebensjahr. Sie will, dass der Kleine wieder begehrt wird, gehätschelt und viel öfter gefahren als jetzt, wo es stets kleine Standschäden zu beseitigen galt.

Es war ein Geschenk ihres Vaters. Damals passte es wunderbar und vielleicht auch noch bis 30 - das hübsche junge Mädchen und der elegante kleine Spider, ein märchenhafter Traum für viele. Haute Couture von Bertone, kein Karosserieteil identisch mit Limousine und Coupé. Was für ein Aufwand, was für ein Luxus in der kleinen Wagenklasse. Wie liebevoll das Cockpit gestaltet ist, das gelochte Sportlenkrad, die vielen hübschen Instrumente wie beim großen 124 Spider, sogar eines für Öldruck.

Der Stoßstangen-Motor dreht bis 6.500/min

Im Winter nahm die Tanzlehrerin mit eigenem Studio oft den Daihatsu Charade ihrer Mutter, deshalb steht das Wägelchen noch so gut da. Kaum irgendwelche Roststellen, der gelbe Lack, er stammt von 1992, glänzt makellos und verführerisch in der Sonne. Dennoch verraten kleine Mängel, vor allem im Innenraum, dass der Wagen etwas Kümmerung benötigt. Schnell ist das neue Verdeck im Kasten versenkt. Spontan springt der Spider an, der kleine Vierzylinder bellt freudig los im typischen Fiat-Sound. Es gab ihn noch im Uno und im Panda.

Im langen Heck des Spiders frisiert ihn ein kräftiges Werkstuning auf 52 PS bei sehr beachtlichen 6.500 Touren, das ist für einen Stoßstangenmotor enorm. Die Schaltung funktioniert exakt, benötigt aber Heckmotorbedingt recht lange Wege.

Spielerisch dreht Monika Riesch ihre Runden im Spider, die Lenkung ist direkt und geht leicht wie bei einem Go-Kart. Flach steht das Lenkrad, und die Pedalerie drängt sich auf engem Raum. Der zierliche Wagen verlangt nach filigranen Figuren. Der Spider gibt sein Bestes, hängt wunderbar am Gas, ist schon quicklebendig bei einer Schaltdrehzahl von nur 3.000. Trotz des heftig einsetzenden Regens und des inzwischen geschlossenen Verdecks stellt sich bei ihr so etwas wie Wiedersehensfreude ein - 18 Monate ist sie ihn schon nicht mehr gefahren. Doch sie erkennt auch mit Wehmut, dass ihre unbeschwerte Zeit mit dem kleinen gelben Spider wohl endgültig vorbei ist.

Burgundy statt des üblichen British-Racing-Green

Wir treffen den 32-jährigen Geschäftsführer einer Werbeagentur im Mannheimer Hafengebiet. Eine coole Location mit spannendem Mix von Tradition und Moderne, trashig und doch angesagt, Backstein und Beton. Wir reden uns ein, dass es hier ein bisschen so aussieht wie in England. Es ist schon ein später Herald mit der geglätteten Front, was seinen skurrilen Charme kaum schmälert.

Waldemar Preuss gibt offen zu, dass er von Technik und Geschichte des Herald nur wenig Ahnung hat. Er hat sich vor Jahren ein paar angesehen. Es waren viele Grotten dabei, den besten hat er gekauft, das war dieser. Burgundy ist mal was anderes als das klischeehafte British Racing Green. Innen herrscht hellbraunes Kunstleder, leider dominiert von einem viel zu ernsthaften Moto-Lita-Lenkrad. Sein Name passt perfekt: Der viersitzige Herald ist ein wunderbares Anti-Cabriolet - brav, treu und gar nicht eitel. Im Wesen ist es weit gereifter als sein leichtlebiger Zwergen-Zwilling Spitfire.

Triumph Herald: Der rustikale Kumpel

Kaum zu glauben, dass unter der vorwitzigen Flip-Nose-Motorhaube die gleiche Technik wohnt wie im Spitfire. Sie ist stets beherrschbar und unproblematisch. Ersatzteile sind preiswert und schnell lieferbar. Der Herald ist unglaublich pflegeleicht, wenn man ihn gut behandelt. Aber er hat auch seine Macken. So schließen die breiten Türen trotz des verwindungssteifen Kastenrahmens nur mit Nachdruck und sehr blechern.

Der erste Gang ist nicht synchronisiert, was beim Anfahren des noch rollendes Wagens stets den Umweg über den Zweiten erforderlich macht. Aber das Getriebe ist für einen Engländer erfreulich laufruhig. Selbst das Schalten mit links wird beim Rechtslenker schnell zur Routine. Außerdem hat man zwei niedliche Smiths-Instrumente stets vor Augen.

Der Herald ist ein rustikaler Kumpel. Feinfühligkeit ist nicht seine Stärke, alles geht ein bisschen schwer. Hart und steif rollt er ab, aber man nimmt es ihm nicht übel. Brummig beißt sich der Motor durch seine karge Leistungskurve, doch das bisschen Drehmoment macht Freude. Unten zieht der Herald bullig an - seine Genügsamkeit und Ehrlichkeit machen den Fahrer glücklich.

Der 66er Sieben- Liter-Eldorado in einem unnachahmlich coolen Eisgrünmetallic wohnt groteskerweise in dem engen, steilen Schwarzwald- städtchen Niedereschbach mit Häusern, als wären sie von Faller.

Das Traumschiff posiert geradezu aufreizend offen vor dem schlichten Zweckbau von Bernhard Kleofas. Der bullige Unternehmer betreibt eine Firma für Pulverbeschichtungen. Er ist ein Autonarr durch und durch, war vor ein paar Jahren den Reizen der Diva hemmungslos verfallen und ließ die Spuren ihres Lotterlebens beseitigen. Den wunderbaren Lack dicht an der frivolen Grenze zum Türkis hat sie ihm zu verdanken.

Eldorado: Meisterwerk harmonischer Linien

Bernhard Kleofas lenkt den imposanten Cadillac schwerelos durch die bürgerliche Enge der dunkelgrünen Schwarzwald- Landschaft. Der 340 PS-starke V8 grummelt leise unter dem großen Gaspedal, beinahe verloren sitzen Fahrer und Copilot in der Tiefe des chromglitzenden Raumes - Breitbandtacho und Lenkradwählhebel dienen als vage Orientierung.

Cruise Control, Power Windows, elektrisches Verdeck, elektrische Sitzbank, fast nichts ist unmöglich. Nur die Klimaanlage geht nicht in diesem Schlaraffenland der Technik. Und dann diese Form. GM-Designchef Bill Mitchell schuf mit diesem Fleetwood- basierten Eldorado ein Meisterwerk harmonischer Linien. Vorbei die peinliche Ära der pinkfarbenen Raketenflosser. Die Eindrucksvolle Frontpartie dieses schlichten 66er Eldorado mit den sensibel gebrochenen Kanten erinnert an den Opel Diplomat B. Auf diesen Wagen passt der alte Cadillac- Slogan "Standard of the World".

Kleofas jedoch ist er mitterweile zu mächtig, zu auffällig. In Hamburg oder München - ja, meint er. Doch hier sei man in den Augen der einfachen Leute ein Playboy, der mit Geld um sich wirft, obwohl der Wagen nur den Bruchteil eines neuen Porsche kostet. Während er das sagt, gibt er kräftig Gas. Der schwere Wagen stürmt auf der schmalen steilen Straße wie ein Katapult nach vorn.

Verkäufer Andreas Demmer, sonst eher bei Porsche und Mercedes zu Hause, ist dem Charme des Stag vor einiger Zeit spontan erlegen. Es sei ein völlig unterschätztes Auto, ein entspannter, ja lässiger Cruiser mit tollem Sound, individuell, rassig in der Form - und das auch noch im Jahreswagen-Zustand mit gerade einmal 17.300 Meilen auf dem Smiths-Tacho. So sein überzeugend, aber nicht aufdringlich vorgetragenes Credo.

Passt in keine Schublade: Der Triumph Stag - zu deutsch Hirsch - ist eigentlich gar kein richtiges Cabriolet

Er ist ein Mysterium, wie eine aufreizend Schöne mit unbekannter Vergangenheit. Die harmonischen Michelotti- Linien betören. Souveräne Maße, ein leichter Hüftschwung in Targa-Höhe und ein freundlich lächelndes Doppelscheinwerfer- Gesicht. Nur 25.877 Mal in sieben Jahren gebaut, passt er zunächst selbst bei Kennern in keine Schublade.

Mit aufgesetztem Hardtop spielt er virtuos die Rolle des eleganten Gran Turismo - schnell, leise, komfortabel. Ein Auto für Herrenfahrer, einem Jaguar in Gediegenheit und Ausstrahlung ebenbürtig. Mit einem großartigen Schräglenker- Fahrwerk gesegnet und von einem sonoren Achtzylinder-Sound gekrönt, als hätte er mindestens doppelt so viel Hubraum. Sein Frischluftfaktor ist intensiv, obwohl er noch nicht einmal rahmenlose Seitenscheiben hat. Und sein Targabügel trägt auch noch eine T-Roof-Sprosse.

Die Krönung von Triumph

Tribute an die Sicherheitshysterie Anfang der Siebziger auf dem größten Triumph-Markt USA. Zudem genießt der aus zwei Triumph Dolomite-Vierzylindern komponierte V8 des Stag nicht den besten Ruf - thermische Probleme heißt es, die Zylinderköpfe seien anfällig.

Vorurteilsfrei wie bei einem Blind Date nähern wir uns dem blauen Targa- Wunder, das sich eingezwängt zwischen Rover und Jaguar in der großen Schaffenskrise von British Leyland, Mitte der Siebziger, nicht so richtig entfalten konnte.

Eine Probefahrt überzeugt uns von den Talenten des verkannten Genies, unternehmungslustig grummelt der Achtzylinder los, er klingt mit Verlaub noch besser als der Cadillac Eldorado. Man fühlt sich auf Anhieb wohl im geräumigen Stag, obwohl er ein Rechtslenker ist. Dafür sorgen das großzügige Raumgefühl und die fein auf Holzfurnier sortierte Uhrensammlung. Die Sitze sind zwar nur mit Kunstleder bezogen, aber formschön und bequem. Die Borg Warner BW-35- Dreigangautomatik passt ideal zum entspannten Charakter des Wagens und schaltet gar nicht so träge wie häufig kolportiert. Der Klang des modern konstruierten OHC-Achtzylinders ist ein Genuss, zwischen 2.000 und 3.000 Touren klingt sein sonorer Bariton am besten. Entfernt erinnert so ein Hirsch an den Mercedes 107. Er wirkt solide, verlässlich und ist fast ebenso gut verarbeitet wie der Schwabe.

Die Zylinderkopf-Malaise verdrängen wir. Alle 50.000 Kilometer wird die Steuerkette gewechselt, und wir haben keine Sorgen beim Cruisen. Schade, dass der Stag in fast neuem Zustand so viel kostet wie ein mäßiger Elfer. Aber er ist es wert. Selten erlebten wir eine solche Offenbarung bei einem bislang unbekannten Wagen - der Stag ist die Krönung von Triumph.

Eine Rarität, in jedem Detail den Charme der frühen Jahre verkörpernd, kleine Spiegel, keine Kopfstützen, Uhr in der mittleren Lüftungsdüse, der Lack ein sehr gediegenes Goldmetallic, keine Fuchs-Barockfelgen, sondern schlichte Radkappen.

Gute Basis für angemessenen Preis

Genau so wollen wir ihn - und dann noch als Achtzylinder mit Automatik. Der 48-jährige Exportkaufmann mit einem Hang zu extravaganter Kleidung wirkt zunächst etwas unsicher. Schon am Telefon hatte er gewarnt, dass sein Roadster nicht wirklich gut sei, nicht gut genug für Motor Klassik-Fotos. Das Hardtop muss runter, obwohl der 107er als kurzes, knackiges Coupé aus der Sicht des Autophilosophen am besten wirkt.

Doch der Preis von 11.500 Euro für einen substanziell gesunden, in vielen Details jedoch schwächelnden 107er ist fair, der Wagen, ein Schweiz-Import, hat ein H-Kennzeichen mit Wertgutachten Drei minus. Über den Scheinwerfern wirft er Lackblasen, auch im Bereich des 350 SL-Schriftzugs am Heckdeckel werden ein paar hässliche Pusteln sichtbar.

Der alte SL muss gehen, damit ’was Neues kommen kann

Löbs ist ein sympathischer Autoverrückter. Auch er neigt zum Mehrfachbesitz, wechselt öfter. Deshalb muss der SL gehen. Er hat sich spontan in ihn verliebt, ihn als etwas Einzigartiges begriffen. Ton in Ton gefällt nicht nur ihm - sandbeiger Lack und tabakbraunes Leder. Die Rahmen-Bodenanlage, wie es im Daimler-Benz-Jargon einst hieß, wurde bereits an einigen Stellen fachmännisch geschweißt. Fotos belegen dies akribisch.

Der Achtzylinder läuft wunderbar, mit sattem, kerngesundem Stakkato beschleunigt Löbs die blühende Allee auf und ab. Selbst die bei Kennern immer wieder monierte frühe Viergangautomatik mit hydraulischer Kupplung statt des üblichen  Drehmomentwandlers schaltet angenehm ruckfrei und zur rechten Zeit. Ein Becker Mexico Cassette wird aufrichtig vermisst. Keine Frage: Detailarbeit ist nötig, aber das große Ganze stimmt.

Träume, das beweisen diese fünf Cabriolets, sind keineswegs unbezahlbar. Doch der teuerste, der Cadillac, bietet den besten Gegenwert fürs Geld. Die Saison startet - nehmt das Hardtop ab oder macht schon mal das Verdeck runter.

Zur Startseite
Technische Daten
Fiat 850 Sport Spider Triumph Stag MkII Mercedes SL 350
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4420 x 1612 x 1258 mm 4390 x 1790 x 1300 mm
Höchstgeschwindigkeit 193 km/h 212 km/h
Alle technischen Daten anzeigen
Noch nicht registriert?

Erstellen Sie jetzt Ihr kostenloses Profil und profitieren Sie als registrierter Nutzer von folgenden Vorteilen:

  • Exklusiver Zugriff auf alle Test- und Messdaten der Redaktion
  • 360°-Ansichten von Autos
  • Schneller PDF-Kauf
Kostenlos anmelden
Die neue Ausgabe als PDF
SUV Nissan Altima-te AWD Kettenfahrzeuge aus aller Welt Die schärfsten Kisten mit Ketten Erlkönig Land Rover Discovery Sport Land Rover Discovery Sport (2019) Künftig auch als Hybrid-SUV
Promobil
Hobby Vantana K60 Fs en vogue Seite Hobby Vantana K60 Fs-Veredelung Mit dem en vogue voll in Mode? Hymer B MC Verkauf der Erwin Hymer Group Thor will nachverhandeln
CARAVANING
Ford Ranger Pick-up mit Power Ford Ranger zieht 15 Caravans Automatikgetriebe Automatik-Getriebe im Vergleich Effizient und schnell Schalten
Anzeige
Alle Automarken von A-Z
Markenbaum Sideteaser Erlkönige, Neuvorstellungen und Tests von allen Marken