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Restaurierung BMW 316 Baur TC 2

Wie wir wieder Freunde wurden

Das Auto ist ein Stück Technik und sorgt doch für intensive Emotionen: Bei der Restaurierung eines BMW 316 Baur TC 2 wurde aus Enttäuschung Liebe. Und aus einem rostigen Schrotthaufen ein schicker Oldtimer.

Die Liebe zu alten Autos habe ich zu Beginn meines Studiums entdeckt. Aus Geldknappheit schien es mir plausibel, günstige Klassiker zu fahren. Ich beschäftigte mich mit Rost, porösen Fahrwerksgummis und defekten Einspritzanlagen. Nach dem Studium hatte ich etwas Geld angespart und fand, es wäre an der Zeit für einen Zweitwagen statt einer Weltreise. Einen Wagen zum Liebhaben. Für den Sonntag und die Eisdiele. Nach längerer Suche bin ich auf einen BMW 316 der Reihe E30 gestoßen – als Top-Cabrio-Umbau der Firma Baur aus Stuttgart-Berg.

Extravaganz aus schwäbischer Prototypenschmiede

Baur fertigte ab der Reihe E21 für BMW in Lizenz Cabrios an. Bei BMW konnte der Kunde seinen 3er-BMW direkt als Baur-Top-Cabrio bestellen und eine teilmontierte Limousine ging von BMW zum Umbau Richtung Stuttgart. Das Werkscabrio hat die klarere und entschiedenere Seitenlinie, aber mich beeindruckte die Extravaganz aus Targadach, Landaulet-Verdeck und Cabrio immer schon, auch wenn böse Zungen behaupten, das Baur-Cabrio sei weder Fisch noch Fleisch, sondern eine zum Automobil gewordene Unentschiedenheit. 7.000 D-Mark Aufpreis sorgten zusätzlich für Spott: „Ein Schiebedach wäre billiger gewesen …“ Aber gerade die extravagante Kombination aus unterschiedlichen Cabrio-Funktionen macht das Fahrzeug einzigartig. Und darum geht es mir.

Baur hat offiziell 10.865 Exemplare umgebaut. Der exakte Bestand lässt sich leider nicht bestimmen, da es keinen eigenen Typenschlüssel für das Top-Cabrio II gibt. Rein subjektiv fahren auf der Straße deutlich weniger Exemplare als beispielsweise vom 944er-Porsche. Das Baur-Cabrio ist zwar kein Oberklasse-Wagen, aber im besten Sinne ein seltenes Auto und vermag damit die Sehnsucht nach automobiler Exotik zu befriedigen.

Ein Kauf wider besseren Wissens

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Auf den ersten Blick war noch alles in Ordnung.

Bei der Besichtigung meines zukünftigen BMWs offenbarten sich Mängel: Rostansätze an den Kotflügeln, ein verlebter Innenraum, eine kleine Blase am Scheibenrahmen. Ich unterschrieb den Kaufvertrag und bin wenige Tage später zur Abholung gefahren. Es wäre doch gelacht, wenn ein ambitionierter Hobbymechaniker diesen Problemen nicht beikommen könnte. Und es wurde viel gelacht. Über mich, meinen überstürzten Kauf und die daraus resultierenden Konsequenzen. Ich war auf einen Blender hereingefallen.

Ein Alptraum aus Eisenoxid

Zunächst hatte ich viel Freude an meinem Baur-Cabrio. Stellenweise habe ich ein wenig dick aufgetragen, offensichtliche Probleme verklärt und den Kaufpreis verschwiegen. In mir wuchs die Sorge, dass die kurze Verliebtheit bald verschwinden könnte. Im Herbst habe ich das Auto eingewintert und mein Frust begann. Bei der Demontage des Innenraums wurden versteckte Schwächen allzu offensichtlich: Hinter der Blase an der Frontscheibe wartete ein komplett verrosteter Scheibenrahmen. Die durchgerostete Sitzbefestigung war vom Vorbesitzer durch eine Schraube ersetzt worden. Der Unterboden war mehrfach übereinander geschweißt und der Pfusch mit Spachtel und Unterbodenschutz gut versteckt. Hinter den Türverkleidungen lauerte der Rost und tragende Teile der Tür waren zu Gunsten nicht mehr vorhandener Boxen mit einem Trennschleifer herausgetrennt worden. Unter dem Armaturenbrett fand ich das Durcheinander eines verbastelten aber kurioserweise funktionierenden Kabelbaums.

Schlachten oder restaurieren?

Mich überkam Lustlosigkeit, dann Frust und alsbald gewaltige Enttäuschung über meine eingebildete Fachkenntnis und den finanziellen Verlust. Den BMW zu schlachten und in Einzelteilen zu verkaufen schien die logische Konsequenz zu sein. Mund abputzen, weitermachen und das Thema Baur-Cabrio in die Box der verdrängten Erinnerungen stecken.

Jede Menge Arbeit wartet

Ich wagte einen letzten Versuch in der Werkstatt der schwäbisch-kroatischen Brüder Ivan und Zoran. Die beiden arbeiten neben der Mietwerkstatt, in der ich üblicherweise schraube. Auf deren Hof stehen jede Menge rostiger Old- und Youngtimer. Ein bodenständiger Ort für einen realistischen Kostenvoranschlag. Das Ergebnis überraschte: Für einen an der Arbeitsleistung gemessen sehr fairen Preis wurde ein Angebot erstellt. Unterbewusst war die Entscheidung gefallen, als mir im ersten Beratungsgespräch viel Kompetenz, Fairness und der nötige Galgenhumor entgegen schlug. Der Deal war: Ich übernehme die restliche Demontage, die Brüder die Karosserie und die Lackierarbeiten und ich baue das Fahrzeug wieder zusammen.

Trennen, Schweißen, Schleifen

Ich habe den BMW zunächst weiter zerlegt. Ivan entfernte Rudimente, wie die Windschutzscheibe, beide Türen und das Lenkrad. Die alte Frontscheibe war leider in den Scheibenrahmen eingerostet und nicht mehr unfallfrei zu entfernen. Großflächiger Einsatz mit dem Trennschleifer trennten Schadhaftes von intaktem Material. Ivan fertigte diverse Bleche passgenau an, die Zoran anschließend auf Stoß eingeschweißt hat. Ich organisierte währenddessen die Ersatzteile. Ich fand neue Türen und einen rostfreien Scheibenrahmen in einem Schlachtfahrzeug. Dazu musste ich eine unendliche Liste an Schrauben, Stopfen und Plastikteilen finden und bestellen. Mit viel Arbeit, Geduld und der Erfahrung der Brüder entwickelte sich aus dem ruinierten BMW ein immer besser werdendes Fahrzeug. Eine große Freude überkam mich jedes Mal, wenn ich Rostlöcher nicht mehr vorfand: Mein Vertrauen in Ivan und Zoran wuchs.

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Die frisch lackierte Karosse in Lazurblau Metallic.

Nach allen Karosseriearbeiten hat Ivan gefillert und geschliffen. Die notwendige Vorarbeit für eine glatte Oberfläche, bevor der Lackierer dem Auto neuen Glanz verschafft. Statt dem unpassenden Zweitlack Estorilblau sollte es Lazurblau Metallic werden. In Anbetracht des vielfältigen Farbspektrums der 80er Jahre eine schwere Wahl.

Auseinanderbauen geht schnell

Ein Armaturenbrett mit allen Verkleidungen auszubauen ist kein Problem. Aber wer weiß nach über einem Jahr, welche Schraube wohin gehört? Hätte ich den Ausbau noch sorgfältiger dokumentiert, wäre mir der Zusammenbau leichter gefallen. So wurden Explosionszeichnungen und Google zu meinen wichtigsten Hilfsmitteln. In den folgenden Monaten wurden mir zwei Dinge klar: Ich kann mehr als ich dachte, aber weniger als ich wollte.

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Konservierungswachs hinter alle rostanfälligen Stellen verhindert die Korrosion durch Feuchtigkeit.

Daher habe ich Tätigkeiten, die meine Fähigkeiten überstiegen, den Profis überlassen oder um Rat gefragt. Arbeiten, die ich gut und gerne selbst erledigte, haben Ivan und Zoran mir überlassen: Bevor auch nur ein Teil wieder montiert war, habe ich beispielsweise zehn Liter Konservierungswachs in alle Hohlräume der Karosserie gespritzt.

Vor der Montage diverser Anbauteile aus schwarzem Plastik habe ich diese zunächst mit feinem Schleifpapier nass geschliffen und matt lackiert. Dadurch wird die oberste Schicht des Plastiks aufgeraut, sodass der leichte Farbnebel besser darauf haftet. Die Chromteile mit Spezialpolitur auf Hochglanz poliert. Danach habe ich den Teppich verlegt – natürlich erst nachdem ich ihn sorgfältig mit einem Dampfstrahler gereinigt hatte. Die Menge an Staub und Dreck, der sich in 35 Jahren angesammelt hat, war unbeschreiblich. Ein neuer Teppich wäre schöner gewesen, aber die dafür aufgerufenen 800 € schreckten mich ab.

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Mit einem Leihgerät aus der Drogerie und passendem Reiniger lässt sich der Schmutz gut entfernen.

Zwischen den Arbeiten fragte mich Zoran öfter, ob ich gern doppelt arbeite. Zunächst wusste ich nicht, was er mir damit sagen wollte. Die Reihenfolge beim Zusammenbau nach einer Restaurierung ist kriegsentscheidend, erklärte er. Auch wenn du ein schnell sichtbares Ergebnis hast, ist es sinnlos die Frontscheibe jetzt einzusetzen, fuhr er fort. Hinter jeder Aufgabe stehen viele Vorarbeiten und Abhängigkeiten, die es vorher gedanklich abzuwägen und vorzubereiten gilt: Die Montage des Armaturenbretts ist deutlich einfacher, ehe die Scheibe eingesetzt ist. Bevor das Armaturenbrett eingesetzt wird, sollte aber die Elektrik im Innenraum funktionieren. Um die zu testen, müssen jedoch zuerst die elektrischen Fensterheber eingebaut werden… Nachdem dies alles erledigt war, haben Ivan und ich die neue Windschutzscheibe eingesetzt.

Wenn ich schon dabei bin...

… überhole ich noch kurz das Fahrwerk. Solche Sätze bringen Projekte zur Explosion. Ich habe den kompletten Abgastrakt, das Zündgeschirr, die Dämpfer und Federn gewechselt. In der Theorie einfach, in der Praxis eine Herausforderung, wenn Schrauben nach 35 Jahren erstmals geöffnet werden müssen. Natürlich wollte ich auch das verlebte Interieur ersetzen. Ich besorgte neue Bezüge für Sitzgarnitur, Hutablage und Türverkleidungen in schwarzem Leder und blauer Naht: Ein Traum für mein neues Wohnzimmer.

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Die Reparatur der Elektrik brachte mich an meine Grenzen und wäre ohne den Elektrik-Papst Zoran für mich alleine nicht zu bewerkstelligen gewesen. Die integrierte Taschenlampe im Handschuhfach funktioniert bis heute nicht. Ich vermute inzwischen, dass es an der Lampe selbst liegt.

Das letzte Hindernis

Die TÜV-Prüfung hat der BMW fast auf Anhieb bestanden. Die offenbar falsche Standardbereifung verhinderte den Stempel. Die ursprünglich montierte Größe war nur für Limousinen zugelassen. Für das Original-Cabrio gelten andere Reifendimensionen. Baur-Cabrios gelten per Typen-Schlüssel aber als Limousine, da sie auf Basis der zweitürigen Limousine produziert werden. Somit war die montierte Reifengröße eigentlich korrekt. Mit neuen Reifen in der richtigen Dimension hatte ich es: Mein neues altes Cabrio – ohne Mängel!

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Vor dem ersten Probelauf war noch etwas Motivation durch ein Starterkabel notwendig. Der gutmütige 190er hilft natürlich gerne.

Aus der Restaurierung wurde für mich ein Praktikum in einem Werkstattbetrieb, aus dem letztlich nicht nur ein toller BMW hervorgegangen ist. Durch gute Ratschläge und leichten Druck konnte ich meine Fähigkeiten verbessern. Dafür bin ich sehr dankbar! Ich habe den Werkstattalltag kennen gelernt, den zwei Konstanten zusammenhalten: Zigaretten und kalter Kaffee aus dem Supermarktregal.

Fazit

In der Retrospektive betrachtet ist die Restaurierung nicht aus Liebe zum lazurblauen 316 erwachsen. Vielmehr hätte ich es nicht verkraftet, diese Niederlage in Einzelteilen verkaufen zu müssen. Inzwischen habe ich einen wunderbaren Sommer mit meinem Cabrio verbracht. Meine Lieblingsvariante ist das geöffnete Targadach. Der tägliche Weg zur Arbeit in diesem Auto macht selbst den Stuttgarter Verkehr angenehm. Ich liebe das sonore Grummeln des 1,8-Liter Vergasers und den Duft der Verbrennung des M10-Vergasermotors. Der Sound dringt ungefiltert zu mir ans Lenkrad vor. Trotz heute lächerlich geringer 90 PS hängt der 3er bereits im unteren Drehzahlbereich gut am Gas und macht beim Beschleunigen auf der Landstraße besonderen Spaß.

Noch heute besuchen wir Ivan und Zoran auf kalten Kaffee und eine Zigarette und freuen uns gemeinsam. Wir haben es alle verdient.

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