Familienautos

Raum-Deuter

Foto: Uli Jooß 31 Bilder

Familienautos müssen alles können. Aber was können sie am besten? Zum nutzwertigen Konzeptvergleich aus dem kinderreichen Alltag stellen sich sechs Modelle, alle typisch für ihr Marktsegment.

Und es geht doch. Unglaublich, es geht wirklich, das Verzichten, sobald sich ein Traumpaar in ein Dreamteam verwandelt: Es geht, nachts nie mehr durchzuschlafen und sich für immer von aufgeräumten Wohnzimmern zu verabschieden. Es geht, so lange auf Kinofilme zu warten, bis die DVD im Laden liegt. Und, hey, sogar der Gedanke an ein Familienauto ist in Ordnung. Vielleicht nicht gleich. Aber dann, wenn Leon oder Tabea doch nicht als Einzelkinder aufwachsen sollen. Spätestens jetzt muss was Praktisches her.

So ein Ding, wie es auch in den Carports der Nachbarn steht, ohne dass es einem je aufgefallen wäre. Schauen wir hin: vor jedem Reihenhaus ein anderer Typ. Langeweile? Von wegen: kompakte Hochdachkästen, massive Siebensitzer-Vans. Ambitionierte SUV neben nüchternen Kleintransportern. Kombis aller Marken, dazwischen die R-Klasse der Besserverdiener von nebenan. Alles Familienautos. Und, natürlich, Herr Nachbar: Jedes von ihnen ist das beste der Welt.

Familientauglichkeit kennt keine DIN-Norm. Es fehlt an der Definition, auch das macht die Auswahl schwer. Marktnischen wuchern ineinander, gewohnte Imagefragen wirken gestrig. Dass ein kompakter Hochdachkombi nicht nur für Gas-Wasser-Installateure taugt, galt noch vor zehn Jahren als fast anarchistische Erkenntnis.

Heute stellen solche Erfolgstypen die Frage, warum es für viel mehr Geld ein klassischer Kombi sein soll. Einer wie der VW Passat Variant: Der war schon populär, als Heinz Erhard noch lebte. Heute steht der Passat neben einem Skoda Roomster, dem tschechischen Kollegen aus dem Konzern- Baukasten, und sorgt schon beim Blick in die Datentabelle für Verblüffung: Nicht der VW punktet mit mehr Innenhöhe vorne und Innenbreite hinten, sondern der kompakte Skoda. Noch dazu ist er über 7000 Euro billiger.

Zwei Kinder sitzen bequem, für drei wird es hinten eng – das haben sie beide gemeinsam. Der Passat schafft sich einen Praxis-Vorteil mit seinen integrierten Kindersitzen (457 Euro extra): Sie sind für kleine Passagiere von 15 bis 36 Kilogramm gedacht, lassen sich ruckzuck ausklappen und bieten mit ihrer Fußablage eine reisetaugliche Sitzposition. Das gibt es beim Skoda nicht. Aber er macht das Manko mit der Weite seines Raums wieder wett: Er lässt viel Licht durch sein riesiges Glasdach (630 Euro), bietet kaum weniger Beinfreiheit und beglückt Benutzer mit seiner Lebensnähe.

Sicher, der Passat wirkt im Vergleich zu ihm wie eine Festung. Das ist fein, für viele Familien aber weniger wichtig als die beiden großen Handschuhfächer, die vielen anderen Ablagen oder die dreiteilige Rückbank, die sich in jede Position klappen, falzen sowie sehr schnell ausbauen lässt.

Und im Passat? Rückenlehnen geteilt umlegen, mehr geht nicht. Dafür hat der VW einen Kofferraum, der mit höherwertigerem Filzstoff ausgelegt ist als mancher deutsche Wohnzimmerboden. Und natürlich schiebt sich der Passat mit seiner Vielfalt von Motor- und Ausstattungsvarianten ins Blickfeld anspruchsvoller Kunden: Der stärkste Roomster leistet 105 PS, beim Maximal-Passat dürfen es bis zu 250 sein. Wenn jedoch nur der Transport von vier, auf Kurzstrecken auch fünf Familienmitgliedern zählt, ist der Roomster kein Abstiegskandidat. Prima leben und sparen, es geht doch. Wenn auch mit Abstrichen: Ausgerechnet der Roomster leistet sich eine sinnfreie Kante in der Ladeöffnung seines Kofferraums.

Das nervt, aber wirklich wichtig wäre ein aufpreisfreies Trennnetz für das Gepäckabteil. Auch der Passat führt es nicht mit, ebenso wenig wie großräumige Hochpreis-Autos, die Land Rover Discovery oder Mercedes R-Klasse heißen. Familiensinn kann sich in Details von entwaffnender Einfachheit äußern.

Und schon sitzt man nicht im Premiumwagen, sondern umgreift das Lenkrad eines aggressiv eingepreisten Minivans. Es geht kaum anders, wenn drei Kinder zum Normalverdiener-Tarif befördert werden sollen. Nicht in zwei Sitzreihen, sondern nebeneinander, wie es etwa im Citroën C4 Picasso gut zu machen ist. Hanna (13), für den Alltagstest zwischen jüngeren Nachbarskindern platziert, freut sich – anders als im Roomster und Passat – über ausreichende Schulterfreiheit und schlägt die Beine nicht nur deshalb übereinander, weil es auf dem Foto besser aussieht.

Jana (4) und Yannik (6) entdecken derweil, dass sich hinter den Klapptabletts der Vordersitze DVD-Bildschirme verbergen. „Schau mal: cooooool! Fernsehen!“ Man muss Vans für ihre Erdenschwere und die oft lausige Übersichtlichkeit nicht lieben. Und praktisch ist auch am Picasso nicht alles: Weil er zur modischen Gattung der Siebensitzer gehört, bietet er bei voller Auslastung nur noch 208 Liter Ladevolumen.

Dennoch fällt es Familienmenschen schwer, undankbar zu sein für die vantypischen Nettigkeiten: Im Citroën gehört ein kleiner Panorama-Spiegel für den Rückbank- Blick ohne Umdrehen dazu. Ein gekühltes Getränkefach ist an Bord, außerdem zwei gedeckelte Ablagemulden im Fahrzeugboden. Und, noch ein Argument in deutschen Vorort-Spielstraßen: Die Ladekante ist so niedrig, wie es sein soll, wenn täglich Klappkinderwagen ins Heck gewuchtet werden.

Die trendbewussten Mütter, die sich nach einem Familien-Geländewagen verzehren, sollten das mal beim Land Rover Discovery probieren: Es ist kein Spaß, auch deshalb, weil sich die zweiteilige Heckklappe eher zum Draufsitzen beim Angeln eignet denn als Ladehilfe auf dem Lidl-Parkplatz. Trösten kann ein SUV dagegen Benutzer, die oft Kindersitze ein- und ausbauen: Sie erledigen das, der Fahrzeughöhe sei dank, stehend und ohne Verrenkungen. Um die körperliche Mühe kommen sie trotzdem nicht herum, weil sie ihre Kinder bei jedem Einsteigen ins Auto heben müssen. Nicht, dass die Grandiosität des Innenraums dem äußeren Umfang entspricht: Im Discovery lässt es sich kaum luftiger reisen als im Picasso.

Der Land Rover-Vorsprung reduziert sich auf einen Zentimeter mehr Innenbreite vorne, fünf Zentimeter hinten und einen Tick mehr Innenhöhe. Ja doch, es gibt 607 Liter mehr Maximal-Kofferraum, aber 15 Kilogramm weniger erlaubte Zuladung. Vor allem kostet ein Discovery beinahe so viel wie zwei C4 Picasso in der günstigsten Ausführung.

Die Charisma-Wertung sieht natürlich anders aus, weil SUV-fahrende Väter automatisch Daddy Cool sind. Auch Testkind Yannik, dessen Papa keinen Führerschein hat, findet den Landy so „geilll“ wie die lange Mercedes R-Klasse, obwohl die den Familientest nur knapp besteht. Dann jedenfalls, wenn eine mehr als vierköpfige Sippe auf die Reise geht.

Erster Kritikpunkt: Eine lange RKlasse kostet mindestens 54 621 Euro. Welcher Familienvater hat das übrig, wenn er den Raumkreuzer nicht als Unternehmer vom Firmengeld leasen kann? Und: Eine vernünftige Nutzung des Kofferraums ist nicht mehr möglich, sobald fünf Fahrgäste an Bord sind. Wer auf einem der hintersten Einzelsitze reist, hat das Gepäck direkt neben sich.
Immerhin, viel ist es nicht: Ein Klapp-Kinderwagen kann nur mit, wenn er auf der Seite liegt. Das schmälert die Eleganz des Reisens, obwohl Beinfreiheit und Sitzkomfort kaum zu schlagen sind. Aber im Grunde ist der R ein exklusiver Viersitzer. Deshalb muss es für besser gestellte Größer-Familien eben doch ein VW Multivan sein. „Papa, toll! Ein Hochwagen!“ kräht Jana, das Einzelkind, und zeigt damit, dass er auch Kleinfamilien glücklich machen kann. Sie müssen ihm aber verzeihen, dass er nur theoretisch ein großer Verwandlungskünstler ist. Gestandene Kerle rufen den Nachbarn, um die ausgebauten Einzelsitze zu zweit in die Garage zu schleppen. Dann schwören sie, die bleischweren Sessel bis zur Volljährigkeit ihrer Kinder im Wagen zu lassen.
Selbst das Kofferraum-Maximum von über 4500 Litern ist kein Grund, das Multivan-Innere auszuräumen – weil Speditionsdienste auf eine Zuladungs- Grenze von 560 Kilogramm stoßen. Immerhin lassen sich die VW-Sitzmöbel auf langen Schienen durch den Raum schieben: Sie ermöglichen exakt dosierte Beinfreiheit nach Wunsch – hier ist er, der Vollwert-Siebensitzer, der die Großfamilie auch bei der Urlaubsfahrt nicht zu Gepäckknausern macht. Dann wenigstens, wenn sie sich neben der Anschaffung des Kingsize- Quaders (ab 38 062 Euro) noch Urlaub leisten können.

Denn die Aufpreisliste ist elend lang. Für Eltern mit ganz großen Plänen: Zum Preis eines gut ausgestatteten Multivan gibt es zwei Picasso. Oder drei Roomster – falls nicht nur beide Eltern mobil sein wollen, sondern auch noch ein Au-pair-Dienstwagen fehlt.

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