Ansichtssache Nischenmodelle

Fiktive Vielfalt

„Die explodierende Zahl an Nischenmodellen nährt unsere Sehnsucht nach echter automobiler Abwechslung.“ Foto: Beate Jeske 3 Bilder

Zwei- und viertürige Coupés, SUV in allen Größen und sogar als Cabrios - der Markt bringt derzeit eine erstaunliche Zahl automobiler Spielarten hervor. Dabei produziert der moderne Nischenwahn lediglich einen trügerischen Modellreichtum, meint Stefan Cerchez.

Werfen wir einen Blick in die nahe Zukunft: Auf dem Genfer Auto-Salon Anfang des Jahres versorgen uns die Hersteller wieder mit einer Vielzahl von Neuheiten. Darunter befinden sich nicht nur Weiterentwicklungen vorhandener Modelle, sondern auch zahlreiche Varianten oder Mischformen, die wir uns noch vor wenigen Jahren nicht vorstellen konnten. Weil die klassischen Segmente bereits üppig besetzt sind, suchen sich die Hersteller eben immer neue Nischen. Aber ist wirklich jedes Nischenmodell auch eine echte Bereicherung für den Markt?

Echte Vielfalt sieht anderes aus

Manche Neuheit markiert durchaus eine Premiere für ihre Marke - nämlich dann, wenn es keinen direkten Vorgänger gibt und das Modell möglicherweise auch technisch von bisherigen Standards des Herstellers abweicht. Wie beispielsweise der Crossover Citroën C4 Cactus, der mit Airbumps, Leichtbau und einem neuartigen Airbag-Konzept das Innovations-Image der Franzosen aufpolieren soll. Oder der BMW 2er Active Tourer, der für die Münchner die Ära der Frontantriebsautos einläutet und zudem der erste Van der Marke ist. Aber nicht immer sind neue Modelle so klar positioniert. Bleiben wir bei BMW: Aus 3er Coupé und Cabrio wurde per Marketing-Handstreich der 4er, beide Baureihen schmücken sich zudem noch mit eigenen Fließheckvarianten (GT und Gran Coupé). Ähnliches gilt für die 5er- und 6er-Baureihen der Bayern. So begrüßenswert diese Derivate im Sinne des Kunden auch sein mögen, so bescheiden bleibt ihr Innovationswert und so trügerisch der resultierende Modellreichtum. Echte Vielfalt sieht anders aus.

Unter-Unter-Segmente nehmen teilweise groteske Züge an

Wo früher bereits die Zahl der Türen als eindeutiges Unterscheidungskriterium der Karosserieformen genügte, stellt die Marktsegmentierung Designer, Journalisten und Kunden heute vor immer neue Herausforderungen. Während Markenverantwortliche stetig weitere Nischenmodelle in das Gesamtprogramm eingliedern, um Kundenwünschen zu entsprechen, nimmt die Aufteilung in Unter- und Unter-Unter-Segmente teilweise groteske Züge an und sorgt bei Autofahrern für zunehmend größeren Orientierungsbedarf. Das ist eine Aufgabe, der wir Journalisten uns natürlich gerne stellen.

Doch nicht jeder Schritt in automobile Nischen ist von Erfolg gekrönt oder wird auf allen Märkten gleichermaßen honoriert. Beispiel Mercedes: Als Reaktion auf die schwächelnden großen Vans und den beginnenden SUV-Boom standen die Stuttgarter schon 2005 mit ihrer R-Klasse parat, die vornehmlich auf den US-Markt ausgerichtet war. Selbst das vermeintlich ideale Timing und marktspezifische Optionen (Sechs- und Achtzylinder, Kurz- und Langversion) konnten ihren Erfolg aber nicht erzwingen, und so verschwand sie nach zwei Facelifts und knapp sieben Jahren Bauzeit 2012 in den USA (und Deutschland) vom Markt – ohne Nachfolger. Am Beispiel der Schwaben lässt sich auch gut ablesen, dass der zunehmende Konkurrenzkampf die Entwicklung vom Spezialisten für Mittel- und Oberklasse-Limousinen hin zum automobilen Vollsortimenter förderte – in Bezug auf den Marktanteil in Deutschland jedoch beinahe ohne messbare Auswirkungen.

Klar ist: Nicht jedes trendige Nischenmodell kommt bei den Kunden gleich gut an, selbst wenn die Idee dahinter durchaus ihre Berechtigung hat. Weder der Hybridantrieb des Honda CR-Z noch die Schiebetüren des Peugeot 1007 waren Erfolgsgaranten. Aber trotzdem möchte ich für genau solche Autos an dieser Stelle eine Lanze brechen: konventionelle Konzepte mit cleveren Detail-Innovationen, die derzeit unbeachtet in den Schubladen der Entwicklungsabteilungen schlummern – vielleicht, weil sie ihrer Zeit voraus sind. Nur weil die Autowelt gerade SUV- verrückt ist, heißt das nicht, dass wir keine anderen Typen mehr brauchen. Ganz im Gegenteil: Die explodierende Zahl an Nischenmodellen nährt unsere Sehnsucht nach echter automobiler Abwechslung.

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