Biscaretti Automuseum in Turin

Klassiker im neuen Glanz

Biscaretti-Museum, Fiat 600 Multipla Foto: Schruf 38 Bilder

Nach vierjähriger Renovierung hat das Biscaretti-Automuseum in Turin wieder seine Pforten geöffnet. Es ist eines der schönsten auf dieser Welt.

Wer, bitte schön, ist Biscaretti? A. Carlo Biscaretti di Ruffia wurde 1879 in Turin als Sohn von Count Robert geboren, einem späteren Fiat-Mitbegründer. Im Alter von 16 Jahren sah er das erste Autorennen Italiens, Turin–Asti–Turin. Der von der Automobilentwicklung faszinierte Biscaretti studierte Jura und widmete sich anschließend seinen Talenten als Maler und Zeichner. 1908 gründete er das Studio Tecnico in Turin und fertigte auch technische Darstellungen und so genannte Explosionszeichnungen für die aufstrebende Autoindustrie.

In den dreißiger Jahren hatte er sich zudem einen guten Ruf als Organisator von Ausstellungen klassischer Autos erworben. Damals initiierte er auch das Museo dell Automobile, das 1939 von Mussolini eröffnet wurde und zwei Jahrzehnte später an seinen heutigen Standort in Turin umzog. Kurz vor der Einweihung des kantigen Baus mit imposanter, 114 Meter langer Frontfassade am Corso Unità starb Biscaretti in seinem toskanischen Landhaus, wo er gerade Illustrationen zum Schmuck der Museumswände anfertigte. Giovanni Agnelli hatte die glänzende Idee, dem neuen Automuseum den Namen Biscarettis zu geben.

200 Autos in der Sammlung

Eine eher bescheidene Büste am Eingang erinnert heute an den großartigen Künstler, dessen Geist das Museum auch nach vierjähriger Schließung und aufwendiger, 33 Millionen Euro teurer Renovierung in fantastischer Weise prägt. Daran ändert die neue Bezeichnung nichts: Seit der Wiedereröffnung am 19. März 2011, rechtzeitig zum 150-Jahre-Jubiläum Italiens, heißt es offiziell  Museo Nazionale dell Automobile di Torino. Sagen Sie einfach Biscaretti-Museum – und jeder in und um Turin weiß, wovon die Rede ist.

Nicht die 200 Autos umfassende Sammlung von 80 verschiedenen Marken aus aller Welt macht diese Ausstellung einzigartig. Vielmehr schafft die großartige Darbietung der Exponate ein ganz besonderes Flair, dem man sich kaum entziehen kann. Dazu tragen offene, meist relativ dunkle Räume, stilvoll in Szene gesetzte Modelle mit historischem Bezug sowie farbige Illustrationen an den Wänden und prachtvolle Dioramen bei. Zahlreiche Überraschungseffekte bei Themenwahl und Darstellung zaubern auch bei verwöhnten Besuchern immer wieder ein Lächeln auf die Lippen oder wecken spontane Begeisterung.

Autoentwicklung in Zeitraffer

Der Rundgang beginnt im obersten der drei Geschosse, das man mit der Rolltreppe bequem erreicht. Ein starkes Thema zum Auftakt – Pferde werden zu Phantomen: Auf einer Leinwand galoppierende Schimmel ziehen mit lautem Hufeklappern schnell eine riesige Kutsche. Die Gäule werden langsam ausgeblendet, gleichzeitig tritt eine große Dampfmaschine im Kutschenheck dank gezielter Spot-Beleuchtung in den Fokus. Nun hält der Kutscher auch keine Zügel mehr in Händen, sondern ein imaginäres Lenkrad. 20 weitere Räume auf der 3.600-Quadratmeter-Etage zeigen die Geburt des Automobils, seine Evolution im 20. Jahrhundert sowie seine Rolle im Lauf der Geschichte. Die Zeitreise führt durch eine frühe Garage mit Wagen im Kutschenstil, zur 16 500-Kilometer-Fernfahrt Peking–Paris von 1907 mit dem Itala 35/45 HP, in die wilden Zwanziger und Dreißiger mit den Isotta Fraschini-Modellen 8 und 8A, in den Zweiten Weltkrieg mit dem Jeep, vorbei am Fiat Balilla vor leeren Autobahnen in den Fünfzigern, durch Konstruktionsbüros mit Cisitalia 202 und Fiat Turbina, zum Strandpicknick mit dem 600 Multipla sowie zum Trabi-geschmückten Checkpoint Charlie.

Erlesene Rennwagen in der Sportabteilung

Eine Etage tiefer werden nicht nur die Räume größer, auch die Faszination nimmt zu. Etwa auf der begehbaren, über 100 Quadratmeter großen Turin-Karte unter Glas, in der alle ehemaligen und aktuellen Firmen der Autobranche vor Ort mit Farbpunkten und Daten markiert sind – insgesamt über 150. Oder in der mit Motoren, Chassis und Rädern reich garnierten Mechanischen Symphonie, deren Wände Illustrationen historischer Fahrgestellmontagen zieren. Zudem schmücken automobile Stillleben den Weg zur Sportabteilung des Museums, die von einem Grand-Prix-Starterfeld mit 15 Formel-Rennwagen aus einem Jahrhundert dominiert wird. Die eindrucksvolle Gala reicht vom Fiat 130 HP aus dem Jahr 1907 bis zum Ferrari 248 F1 von 2006.

Das Erdgeschoss ist dem Thema Design gewidmet. Es beherbergt zahlreiche Serienautos und Studien sowie eine Kammer, in der die Großen dieses Metiers wie Giorgietto Giugiaro oder Walter de Silva einen kleinen Einblick in ihre stilistischen Vorlieben geben. Si, si: Für Auto-Freunde ist das Biscaretti-Museum einer der schönsten Flecken von Bella Italia.

Das Biscaretti-Museum:

Das Museum hat üblicherweise zu folgenden Zeiten geöffnet: Montag 10-14 Uhr, Dienstag 14-19 Uhr, Mittwoch, Donnerstag und Sonntag 10-19 Uhr,  Freitag und Samstag 10-21 Uhr. Eintrittspreis: 8 Euro. Für Senioren über 65 und Jugendliche unter 15 Jahren 6 Euro. Kinder unter sechs Jahren bezahlen keinen Eintritt.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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