Laurin & Klement 300

Belle Epoque

Laurin & Klement 300, Seitenansicht Foto: Arturo Rivas 9 Bilder

Eine Reise in die Vergangenheit: Unsere Mitarbeiterin Bérénice Schneider fuhr im tschechischen Marienbad in einem Rennwagen des Jahres 1923.

Kalt ist es. Kalt und nass. Wenn die Leute vom goldenen Herbst schwärmen, sind sie entweder nicht ganz bei Trost oder wetterfest. Denke ich mir, und mit meinen modischen Schuhen aus dem Kostümverleih weiche ich einer Pfütze aus.

9.15 Uhr. Marienbad, Tschechien, im November. Das Ungetüm erwacht. Oldtimer-Experte Oleg Dohalský, den alle "Olda" Dohalský nennen, hat im Hof des Hotels den Motor des Laurin & Klement 300 gestartet. Auch die letzten Schläfer müssten nun wach sein, denn die gesamte Hotelanlage scheint unter dem infernalischen Donnern des 50 PS starken Vierzylinders zu erbeben. Auf den Balkonen erscheinen Menschen in Morgenmänteln, zücken Handykameras. Livrierte Angestellte, die zum Rauchen an die Hintertür gekommen sind, treten vor. Lauschen dem Lärm und beobachten verwundert das Schauspiel, das ein alter Rennwagen und zwei Kostümierte da abliefern.

Laurin & Klement 300 mit Wendekreis eines Öltankers

Passend zum Baujahr des Autos fahre ich nicht selbst: Das ist Aufgabe des Mannes. Olda manövriert den Laurin & Klement von 1923 zur Ausfahrt. Das dauert. Die Lenkung sei schwergängig und ohne Rückmeldung, erklärt der Fahrer. Der Wendekreis entspricht dem eines Öltankers. Irgendwann ist der Zweisitzer gewendet, und ich beginne den Aufstieg. "Vorsicht", ermahnt mich Olda. Das heißt, er schreit, damit ich ihn über dem ohrenbetäubenden Tschok-tschok-tschok der Maschine im Leerlauf hören kann. "Achte auf die Auspuffrohre!"

Schon nach fünf Minuten sind sie so heiß geworden, dass ich beim Drüberklettern meine Kleidungsschichten zusammenraffen muss, damit sie nicht das glühende Metall streifen und in Flammen aufgehen. Befürchte ich. Olda hilft mir galant vom Steuer aus. Unfallfrei gelange ich ins Cockpit des des Laurin & Klement 300 und zwänge mich neben Olda. Die ledergepolsterte Bank erinnert an einen Kutschbock. Bietet auch ähnlich viel Platz. Fahrer und Beifahrer müssen sich mögen, sonst wird die Fahrt im Rennwagen zur Folter. Zumindest, was die Enge betrifft. Ansonsten ist der Renner erstaunlich komfortabel. Was die Blattfedern nicht wegbügeln, fängt die Polsterung ab.

Von der 300er-Baureihe stellten die tschechischen Motorrad- und Autobauer Laurin & Klement Anfang der 1920er-Jahre insgesamt 80 Stück her. Fast alle waren Spezialanfertigungen, meist Lkws. Wie viele heute noch existieren, ist nicht bekannt. Dieses Exemplar aus dem Skoda-Museum bekam einen Landaulet-Aufbau, erst in den 60er-Jahren erhielt es die zweisitzige Karosserie - eine Replika des Rennwagens von Graf Alexandr Kolowrat, einem berühmten tschechischen Rennfahrer jener Epoche.

Laurin & Klement Teil der Skoda-Geschichte

1925 übernahm Skoda das Unternehmen, Laurin & Klement wurde Teil der Skoda-Geschichte. Entsprechend kaufte der Hersteller in den 70er-Jahren den Laurin & Klement 300 für das Museum und restaurierte den Wagen. Nun fährt Olda, im Hauptberuf Techniker des Skoda-Museums in Mlada Boleslav, mit ihm regelmäßig bei Oldtimer-Veranstaltungen.

Auf dem Weg durch Marienbad beginnt es zu regnen. Kleine Fontänen spritzen von den Reifen. Erstaunlicherweise bleiben meine Beine trocken. Und warm. Wie schnell wir fahren, weiß ich nicht. Tacho? Fehlanzeige. Inzwischen sind wir im dritten Gang unterwegs. Der 4,8 Liter große Motor sei ziemlich elastisch, erklärt Olda. Und schaffe 100 km/h Spitze. Dann würde er aber unerträglich laut. Olda zwingt das Schaltgestänge in die vierte Position.

Wir biegen um eine Kurve und begegnen einem Taxi. Mitten auf der Kreuzung ist der Fahrer stehen geblieben, hat das Fenster runtergelassen und lehnt sich heraus. Verdreht den Kopf und folgt dem Laurin & Klement 300 mit seinen Blicken. Ein verzücktes Grinsen im Gesicht. Ein Dackel am Straßenrand kommt an den Bordstein getrippelt, Schlappohren und Rute aufgerichtet, den Kopf schief gelegt. Selbst auf Hunde scheint dieser Wagen zu wirken.

Mit dem Laurin & Klement 300 rund um die Stadt

Marienbad, auf Tschechisch Mariánské Lázne - gesprochen "Mariaaanskeee Laaas-nje" -, liegt rund 40 Kilometer von der bayerischen Grenze entfernt. Seit dem 17. Jahrhundert kommen Kranke zur Behandlung und Erholung hierher. Sechs Quellen sollen Heilung bringen. Auch Goethe verbrachte seinen Urlaub hier. Und Wagner komponierte hier zwei seiner wichtigsten Werke.

Wir röhren geschwungene Waldstraßen rund um die Stadt entlang. Erst hier schaltet Olda wieder in einen niedrigen Gang. Er braucht die Motorbremse, denn die Verzögerung der Trommelbremsen war schon damals so schlecht, dass die Ingenieure zusätzlich eine Kardanbremse einbauten. Sie sei, sagt mein Begleiter, die "Berg-Notbremse" und wirke direkt auf die Kardanwelle.

Während wir die letzten Fotos machen, reißt die Wolkendecke auf. Die Sonne kommt hervor. Meine linke Hand ist rußgeschwärzt. Sie riecht stark nach Öl und verbranntem Benzin. Ich habe sie zu oft am Auspuff gewärmt. In meinen Ohren dröhnt die Maschine, und ich bin sicher, dass ich noch eine Weile taub sein werde.

Das Laub schimmert im Licht, die Regentropfen glitzern. Doch, denke ich, dies ist der goldene Herbst. Arkadien. Nur kalt, das ist es noch immer.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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