Pagani Zonda F und Lamborghini Reventón

Karbonbomber

Foto: Hans-Dieter Seufert 13 Bilder

Teuer und selten im Superlativ – der Pagani Zonda F und der Lamborghini Reventón. Für eine viel zu kurze Fahrt beglücken diese beiden V12-Titanen die italienische Erde, bevor sie wieder in ihre Parallelwelt entschwinden.

Stunden der Vollkommenheit – in denen Phantasien und Obsessionen Realität werden. Stunden, in denen man im Lamborghini Reventón und im Pagani Zonda F durch Italien lustwandelt – diesen beiden lebensfernsten Autos aus dem Land der Tifosi. Schon auf Bildern haben die Kostbarkeiten eine berückende Gegenwart, Karbon geworden erzeugen sie nackte Begierde, eine Sitzprobe erwärmt die Lenden. Und beim Fahren? Da kocht das Rückenmark, so viele Reize fluten die Libido.

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Impression Lamborghini Reventón, Pagani Zonda F
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Provokanter Stier

Mit spröder Sachlichkeit ist diesem Faszinosum nicht beizukommen, mit Vernunft erst recht nicht: Der Pagani kostet mindestens 586.000 Euro, sein Jahreskontingent ist bereits vergriffen, den Lamborghini erhalten ohnehin nur 20 Kunden – gegen die Zahlung von mehr als dem Doppelten. Welcher Gegenwert erwartet die Auserwählten? Nüchtern betrachtet ein umkarossierter Murciélago LP 640. Auf dessen Rohrrahmen baut der Reventón auf, ist allerdings mit Kohlefaser-Tafeln komplett neu beplankt. Sie scheinen Zorros Klinge entsprungen und grobschlächtig zusammengefügt, verhöhnen Linien-Harmoniker, triezen das zusammengekniffene Auge, das rastlos innerhalb der Silhouette umherzuckt.

Die Unsymmetrie düpiert Sehgewohnheiten, provokative Details fügen sich in verstörender Konsequenz, lassen den Betrachter fassungslos und rätselnd zurück. Dabei hat er schlicht die Karbon gewordene Kernthese der Marke vor sich – so müsste ein Neuzeit-Countach aussehen. Die optische Brutalität verspricht nicht zu viel: Vor der Hinterachse sind zwölf Zylinder längs in V-Form aufgereiht. 6,5 Liter Hubraum, dröhnend voll mit 650 PS und 660 Nm. Da wirkt die Stealthbomber-Anmutung des in Natoolivgrün-inszenierten Innenraums keineswegs übertrieben.Permanent im Landeanflug

Zwar gibt es statt Steuerknüppel tatsächlich noch ein Lenkrad, doch die Instrumente scheinen permanent einen Landeanflug darzustellen, haben mit Sportwagen-Chronometern nichts mehr gemein: Zwei farbige TFT-Bildschirme in Startbahn-Optik informieren über die Motordrehzahl, den gewählten Gang, die Geschwindigkeit und über die anliegenden Querkräfte. Bei 340 km/h liegt die Schallmauer des 1,2 Millionen Euro teuren Reventón, der erste Gang reicht bis über 100 km/h, ist schon nach etwa dreieinhalb Sekunden ausgedreht. Dann, nach einem kurzen Zug an der Lenkradwippe, knallt das Sechsganggetriebe den Zweiten in den allradgetriebenen Antriebsstrang und den Kopf der Passagiere gegen die Kopfstützen. Der unbeherrscht tobende Zwölfzylinder schüchtert durchgebeutelte Murciélago-Novizen zusätzlich ein.

Wie versöhnlich klingt dagegen das helle Heulen des Pagani. Der Zonda F röhrt eindeutig den Formel 1-Akzent aus der V12-Zeit von Jody Scheckter und Niki Lauda, als die Motoren noch keine Tinnitus-Sirenen waren. Der leichtfüßige Ton deutet auf kleine Kolben und geringe Schwungmasse hin. Doch weit gefehlt: Den Pagani treibt ein Zwölfzylinder im 7,3-Liter-Format an. Zwar leistet das Mercedes AMG-Triebwerk fast 50 PS weniger als der Lamborghini-Zwölfer, übertrifft diesen aber um 100 Nm. Und der Drehmomentgipfel ist schon bei 4.000 statt 6.000/min bestiegen.

Wem bereits in einem voll beschleunigten Reventón die Luft wegbleibt, der sollte für den Pagani erst recht seine Lungen trainieren. Nur beim Start hadert der Hecktriebler mit seinen durchdrehenden Hinterrädern, dann jedoch reißt es die leichtgewichtige Kohlefaser-Karosserie nach vorn. Der Pagani Zonda F ist nach dem Monocoque-Prinzip aufgebaut, der Motor sitzt mittschiffs in einem Hilfsrahmen aus Stahl. Räder mit Zentralverschluss, Pullrod-Stoßdämpfer, verstellbarer Heckflügel, justierbare Winglets sowie ein Fächerkrümmer aus dem titanhaltigen Inconel sind aktuelle Rennsportzutaten – wären da noch die historischen: Metall-Kipphebel, Holzlenkrad, Lederriemen und ein manuelles Sechsgang-Schaltgetriebe.

Luxusversion eines Rennwagens

Horacio Pagani, der in der Nähe von Modena lebende argentinische Karbon-Couturier, realisiert Märchenautos wie aus Tausendundeiner Nacht. Der extrem knappe vordere Überhang, die Pilotenkanzel und der Stretch-Rücken samt langem Radstand sind allenfalls mit Gruppe C-Boliden zu vergleichen. Personifiziert durch einen Schwall an liebevollen Details entsteht die Luxusversion eines Rennwagens. Der Dolce & Gabbana unter den Supersportlern lullt seine Gegner mit wollüstigem Rokoko-Design ein und stanzt dann eine Nordschleifenrunde in 7:27,82 Minuten in die Ring-Annalen. Da muss die etablierte Zunft schlucken.

Und selbst der Streitwagen Reventón hat dem nichts entgegenzusetzen. Allen voran sein Gewicht dämpft ernsthafte Rekord-Ambitionen. Zwar hat Lamborghini den Murciélago über die Jahre erfolgreich verbessert, ihn handlicher getrimmt, das Ansprechverhalten der Federung verbessert und die Schaltgeschwindigkeit erhöht. Doch der Verstellbereich der Sitze orientiert sich noch immer an italienischen Konfektionsgrößen. Schon der nackte Kopf eines durchschnittlich großen Mitteleuropäers stößt an den Dachholmen an – wie soll man erst mit behelmtem, aber schief gehaltenem Haupt Rundstrecken-Großtaten vollbringen?

Torero am Steuer

Sie wären hart erkämpft – zumal der Reventón als Murciélago-Spross auch dessen Charakter erbt. Erst ab 4.000/min scheint der Motor seine Drosselklappen voll aufzureißen, dann jedoch presst er das Schwergewicht eigensinnig voran. Vor allem in schnellen Wechselkurven muss der Pilot seine Reflexe in Habacht-Stellung halten. Trotz Allradantrieb will Vollgas-Vertrauen in die Hinterachse hart errungen werden – keine Fahrdynamikregelung, welche die auskeilende Hinterhand des Stieres einfängt; eine Traktionskontrolle muss dem Torero als Hilfestellung genügen. Der Reventón übermittelt Grüße aus der Zeit der verschwitzten Haudegen, als nur die Tapfersten einen Sportwagen im Grenzbereich bewegen konnten.

Auch dem Pagani-Piloten eilt im Ernstfall nur der elektronische Schlupf-Bändiger zur Hilfe. Doch der ausbrechende Zonda F ist mit der feinfühligen Lenkung schnell wieder eingebuchtet. Anders als die opulente Optik suggeriert, tänzelt der Pagani leichtfüßig übers Kurvenparkett und kündigt Ausfallschritte rechtzeitig an. So stimmt die Harmonie von äußerer und innerer Welt wie kaum in einem zweiten Supersportwagen. Gigantisches Potenzial haben viele Supersportwagen – doch im Pagani lässt es sich auch genüsslich nutzen. Am späten Nachmittag treten Pagani und Lamborghini die Heimreise an. Wir bleiben zurück, erhitzt und leicht verunsichert – kann das wirklich Realität gewesen sein?

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