Pro und Contra Modellpolitik Mini und Fiat 500

Etikettenschwindel bei den Nachfahren

Mini One Foto: Achim Hartmann

BMW und Fiat haben mit Mini und 500 zwei Kleinwagen-Klassiker stilsicher in die Gegenwart überführt. Längst bauen zusätzliche Varianten den Erfolg weiter aus. Doch wie weit dürfen sich diese vom Original entfernen, um noch glaubwürdig zu sein, fragt sich Peter Wolkenstein.

Natürlich kann man die Frage stellen, ob Mini und Fiat 500 in ihrer heutigen modernen Form nicht ohnehin schon zu groß geworden sind – schließlich waren ihre legendären Urväter mit knapp unter (Fiat) beziehungsweise über drei Meter Länge (Mini) deutlich kürzer.

Doch die Bedürfnisse und Maßstäbe haben sich in den letzten 50 Jahren stark verändert, beide Neo-Klassiker entsprechen mit ihren Abmessungen den aktuell üblichen Kleinwagen-Dimensionen. Hier wie dort gaben sich die Verantwortlichen viel Mühe, die charakteristischen Proportionen und Designzitate glaubwürdig in die Neuzeit zu übertragen, ohne sich allzu weit vom historischen Vorbild zu entfernen. Dass ihnen das geglückt ist, steht außer Frage: Beide erweisen sich seit ihrer Markteinführung als echte Volltreffer. Ihre Akzeptanz und Anziehungskraft reicht weit über die Zielgruppe hinaus, die sich sonst normalerweise für ein Auto dieser Marke oder Größe interessieren würde.
Angesichts der zahllosen Mitbewerber sind Produkte mit einem derart begehrenswerten Image für den Hersteller wie ein Sechser im Lotto. Was kann ihnen Besseres passieren, als dass Kaufinteressenten ihr Hauptaugenmerk nicht nur auf Produkteigenschaften und Preis legen, sondern schon deshalb zugreifen, weil ihnen die Autos schlicht gefallen und sie in ihre Lebenswelt passen? Speziell unter jüngeren Leuten sind Mini und Fiat 500 selbst jenen ein Begriff, die mit Autos sonst überhaupt nichts am Hut haben.

Historie wird ausgeschlachtet

Um das Interesse hoch zu halten und den Kundenkreis auszuweiten, wurde aus beiden Ur-Typen nach und nach eine ganze Modellfamilie mit zahlreichen Karosserie- und Antriebsvarianten entwickelt. Dabei schlachtet man nach Herzenslust die eigene Historie aus und reaktiviert Namen damaliger Tuner wie John Cooper oder Abarth sowie klassische Abwandlungen wie etwa den Clubman.

Doch damit nicht genug: Speziell beim Mini scheint keine Nische zu klein, um sie nicht zu besetzen. Neben einem Cabrio gibt es zusätzlich einen Roadster und davon wiederum ein Coupé, obwohl schon das klassische Hatchback eigentlich ein solches ist.

An diesen Spielarten habe ich wenig auszusetzen, weil sie zum pfiffig-dynamischen Auftritt des agilen Kurvenkünstlers passen. Bauchschmerzen bereiten mir dagegen Varianten wie der aufgeblasen wirkende viertürige Countryman und dessen zweitüriger Ableger Paceman. Da Mini zugleich für das kleinste Modell wie für die Marke steht, tragen auch die größeren diese Bezeichnung, obwohl sie alles andere als mini sind.
Aber muss man das so eng sehen? Wenn ein Polo-Besitzer bei seiner Marke ein geräumigeres Modell sucht, kann er zum Golf oder Touran greifen. Beim Mini funktioniert das nicht, ohne die ursprüngliche Idee aufzuweichen. Aber wenn sich selbst ein Sportwagenhersteller wie Porsche nicht scheut, einen Cayenne ins Programm zu nehmen, kann man BMW den Schritt zum Countryman wohl kaum verübeln.

Vielleicht hätte sogar das Schicksal von British Leyland einen anderen Verlauf genommen, wäre man dort schon damals auf diese Idee gekommen. Denn beim Blick auf die Verkäufe innerhalb der Mini-Familie rangiert der Countryman weit vorn. Ob wegen oder trotz der üppigen Formen, ist allerdings nicht bekannt.

Fiat 500 wird aufgeweicht

Bei Fiat hat man sich diese Entwicklung genau angesehen und entschieden, den Nachfolger der kompakten Van-Modelle Idea und Multipla der Familie des 500 zuzuordnen. Doch mit dem hat der neue 500 L optisch wenig und technisch so gut wie nichts gemeinsam. Er hätte also als eigenständiges Modell auch einen eigenen Namen verdient.

BMW hat sich beim Countryman wesentlich mehr Mühe gegeben. Vieles von dem, was einen Mini ausmacht – charakteristische Silhouette, verspieltes Cockpit, ausgeprägte Fahragilität –, findet sich auch beim SUV-artigen Viertürer. Beim 500 L, der sogar als noch längerer Siebensitzer kommen wird, kann ich mir kaum vorstellen, dass sich 500er-Fans von diesem allzu offensichtlichen Etikettenschwindel täuschen lassen. Klingt der Markenname "Fiat" etwa schon so schlecht, dass er künftig stets durch die
magische Ziffer 500 ergänzt werden muss? Und wie mag dann wohl der Nachfolger des Fiat Ducato heißen?

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