Pro und Contra Youngtimer

Giftiges Protzmobil oder schickes Kultauto?

Mercedes 280 SE Foto: Dino Eisele 31 Bilder

Unser Autor Jörn Thomas versteht nicht, wie man zu Youngtimern eine automobile Liebesbeziehung aufbauen kann. Jens Katemann sieht das ganz anders, er hat gerade eine solche begonnen.

Jörn Thomas, contra Youngtimer

Ach, geht mir doch fort mit Youngtimern. Youngtimer – ein fieser Euphemismus, mit dem man automobilen Kruscht zu Gold macht. Richtige Klassiker sind ja okay, aber angegammelte Gurken, mit denen Menschen ihre Jugend zurückholen wollen? Freunde, das läuft nicht. Gestern bleibt gestern, ist morgen schon vorgestern – und wird nie mehr heute. Blickt lieber nach vorn.

Oder findet Ihr es toll, Uriah Heep, Led Zeppelin oder irgendwelche anderen Schauer-Bands zu exhumieren und auf schummrige Bühnen zu zerren, damit Mutti und Vati davor im Cola-Whisky-Rausch ungelenke Tanzbewegungen vollführen, die sie an früher erinnern? Stopp, Ihr seid keine 17 mehr, lebt nicht in den späten Siebzigern oder Achtzigern – selbst wenn Eure Karre um die 30 ist. Wir haben 2011 und nicht 1976 oder 1981. Und eine S-Klasse war doch schon früher dicke Limo für Vorstände und feiste Mittelständler, Zigarre qualmend, selbstgerecht. Elegant wie Heinz Kluncker, progressiv wie der dicke Kohl. Eine Stufe drunter war der bürgerliche Stillstand, piefige Lackpolierer in Feinripp. Was bitte ist daran cool?

Youngtimer bedeutet Verzicht auf Komfort und Sicherheit

Ja, aber die schöne Patina. Patina? Das ist Gammel. Wenn der Kofferraum muffelt wie der Keller eines Geisterhauses, das zerbröselte Armaturenbrett nicht mal mehr beim Fähnchenhändler Staat macht, die Sitzbezüge zerfleddern wie der Bürostuhl eines aserbaidschanischen Grenzpostens, hört der Spaß auf. Vor allem, wenn ich für diesen Schrott auch noch meine Lungenbläschen opfern soll. Schon klar, echt tolles Aroma, was da aus dem Auspuff röchelt, prima zubereitet womöglich von einem verharzten Vergaser. Das Einzige, was ich spüre, sind die Aromate. Und zwar die giftigen. Wenn ich feuchte Augen bekomme, dann nicht vor Ehrfurcht, sondern wegen des beißenden Abgasqualms. Umso toller, dass die Altmetaller auch noch die grüne Plakette bekommen.

Da fällt mir eine gemeinsame Ausfahrt mit einem Mercedes 560 SEL und einem S 500 ein, auf der der Oldie ein Drittel mehr verbrauchte. Bei weniger Komfort, Platz und Sicherheit. So, so, Letztere ist überbewertet. Aber nach einem Unfall ist es doch schöner, neben dem Wrack stehend eine Beruhigungszigarette zu rauchen, als mit Blaulicht abgeholt zu werden, oder? Man kann die Zeit weder aufhalten noch zurückholen. Und schon gar nicht mit einer abgerockten Hippe, die schon beim Verlassen der Produktionshalle wenig prickelnd war.

Es soll ja tatsächlich Menschen geben, die mit einem 82er Ford Taunus um die Ecke wanken und denken, sie führen einen klasse Youngtimer. Moment, ich hatte selbst schon welche: Opel Kadett C und D etwa. Aber das war Ende der Achtziger, die Dinger waren günstig, schrauberfreundlich, schrottplatzgängig und hielten ein paar Jahre, bevor ihnen der Rost den Gnadenschuss gab. Transportmittel, gern. Aber Kulturgut? Dann müsste ich auch Tritop-Flaschen, Ravioli-Dosen und stockfleckige Quelle-Kataloge aufheben. Im Notfall kann man sich ja immer noch mit Creme 21 beschmieren.

Jens Katemann, pro Youngtimer

Kann etwas spektakulärer sein als der Blick über die majestätische Haube eines Mercedes W124? Bestimmt. Aber nicht für den kleinen Zehnjährigen, der auf dem Beifahrersitz seines Onkels quasi auf Augenhöhe mit dem Stern sitzt. Jetzt, 27 Jahre später, stellt sich dieses schöne, ehrfurchtsvolle Gefühl wieder ein, wenn ich mit meiner alten S-Klasse entspannt durch die Lande cruise. Ich erstand den rostfreien Benz für kleines Geld und möchte mit ihm alt werden.

Jedes Jahr ein paar Kilometer im Retro-Look, wo ist denn da das Problem? Ein rollendes Risiko? Sicher, der Mercedes hat längere Bremswege als moderne Autos, keine Fahrerassistenzsysteme oder Airbags, aber er ist auch keine verkehrsunsichere Rostlaube. Ich passe meine Fahrweise eben an. Natürlich verbraucht er mehr als ein modernes Auto, aber er wird auch nur wenige ausgewählte Kilometer im Jahr bewegt. Der Mehrkonsum steht jedenfalls in keinem Verhältnis zum Energiebedarf bei der Herstellung eines neuen Autos. Warum dann nicht gleich ein restaurierter Oldtimer mit glorreicher Historie?

Youngtimer mit Katalysator und grüner Plakette

Mir geht es nicht um ein gesellschaftlich anerkanntes Kulturgut, am besten noch mit viel Status, sondern um den Geruch meiner Kindheit und Autos aus dieser Zeit sind eben noch keine 30 Jahre alt und damit per Definition keine Old-, sondern Youngtimer. Die haben gegenüber Oldtimern übrigens den Vorteil, dass sie schon ein gutes Stück der automobilen Technikentwicklung mitgegangen sind. Mein Mercedes hat bereits einen Katalysator und die grüne Umweltplakette.

Aber was sollen die Vergleiche überhaupt? Schallplatten klingen nicht so sauber wie digitale Tonträger, deshalb kaufe ich keine neuen Platten mehr. Aber schmeiße ich deswegen meine alten weg? Nein, ich hole sie bei passender Gelegenheit hervor und erinnere mich beim knisternen Klang von Nirvanas "Smells like Teen Spirit" gerne an die Partys, bei denen die Platte lief. Zu unserer eigenen Geschichte gehören eben Dinge, die uns persönlich wichtig sind, uns berührt haben und immer noch berühren. Das können Schallplatten, Schmuckstücke, Klamotten oder wie bei mir Autos sein. Ich bin auch nicht dafür, jedes vergammelte Altauto gleich zu einem Kultobjekt zu stilisieren, doch auch Youngtimer müssen die Chance bekommen, zu beliebten Oldtimern zu reifen.

Nur: Welches Modell ist erhaltenswert, und welches gehört besser in die Schrottpresse? Für die einen ist es der teure Sportwagen oder die damals bewunderte Luxus-Limousine, andere schwärmen für Opel Kadett D oder VW Golf II jedem seine Träume und Erinnerungen. Ob ein Auto erhaltenswert oder gar cool ist, liegt doch ganz allein im Auge des Betrachters.

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