Reise - Liparische Inseln

Krater-Stimmung

Foto: Gerhard Eisenschink 16 Bilder

Auf den Liparischen Inseln vor Siziliens Küste kann man Vulkanausbrüche live erleben. Doch der Archipel hat auch seine beschaulichen Seiten. Das Wechselbad zwischen Dolce Vita und Weltuntergang kann man am besten mit einer Vespa oder dem Ape-Dreirad erleben.

Der Schweiß rinnt in Strömen, die Augen sind vom gleißend hellen Gestein geblendet und brennen von den Schwefeldämpfen. Mund und Nase sind staubtrocken. Auf die 300 Meter hohe Fossa zu steigen, den schrumpeligen, schwefeligen Kraterberg der Insel Vulcano, ist ein Touristen-Ausflug der anderen Art. Vulkanische Asche in pastellfarbenen Tönen, knallgelb die Schwefelausblühungen und ätzend die Dämpfe – dazu der geometrische Trichter des Kraters in einer leblosen Grenzwelt. Mr. Spock, der Vulkanier mit den spitzen Ohren aus "Raumschiff Enterprise", und die Seinen hätten ihre Freude.

Zu Füßen des Kraterberges warten Einheimische, um das Gepäck der Touristen in die Hotels und Ferienhäuschen zu verfrachten. Nicht im Raumschiff, sondern stilgerecht mit dem braven Raumtransporter der Italiener, der Ape. Das dreirädrige Wägelchen mit dem 50-Kubik-Zweitakt-Motor ist der große Bruder des Vespa-Rollers mit Ladefläche und Fahrerhäuschen. Mit 2,5 PS gerade mal 40 km/h schnell.

Ape heißt "Biene". Und das bienenfleißige Gefährt, das man immerhin mit bis zu 200 Kilogramm beladen darf, genügt auf eine  kleinen Insel mit gerade mal zehn Kilometer Straße als Transportmittel. Für die nächste Anlaufstelle im Besuchsprogramm auf Vulcano braucht man nicht mal dieses minimalistische Gefährt.

Einen Steinwurf vom Kraterberg entfernt liegt die natürliche Wellness-Oase der Insel. Der im Inneren des Vulkans brodelnde Feuertopf bringt an einigen Stellen am Strand das Meer fast zum Sieden und schafft tropische Wassertemperaturen. Mit Steinmäuerchen wurden für die Besucher am Strand kleine Badebecken geschaffen, in denen man herrlich gewärmt im schwefelreichen Wasser dösen kann. Unweit davon gibt es Becken mit schwefelig heißem Schlamm für die vulkanische Fango-Packung.

Während man so im Wasser wellnässt, ziehen draußen auf dem Meer fast im Stundentakt die weißen Fährschiffe vorbei, die die sieben vulkanischen Eilande untereinander und mit dem nahen Sizilien verbinden. Das ideale Revier für Inselspringer. Am Nachmittag, eine Fährpassage weiter auf Lipari, der Hauptinsel des Archipels, wartet am Hafen schon die bekannte Phalanx der Apes, um Beute unter den Quartier suchenden Touristen zu machen.

Lipari hat wesentlich mehr Straßen zu bieten, und so überwiegt die größere Ape mit 220 cm3, zehn PS und Doppelkabine. Obwohl ebenfalls dreirädrig, kann man damit schon mit 60 km/h über die Insel düsen. Aber erst mal entspannen im kleinen Fischerhafen von Lipari Stadt. Kein Gedanke mehr an Mondlandschaft und Schwefeldämpfe: Hier ist Italien wieder so, wie man es mit Postkarten-, Kochbuch- und Eros-Ramazzotti-Klischees im Kopf hat. Die bunten Fischerboote spiegeln sich im Wasser des Hafenbeckens, aus der Tür des Panificio duftet es nach frisch gebackenem Brot. Es tönt von amore, sole und mare aus den Lautsprechern der Cafés an der Piazza.

Wer möchte da glauben, auf der Spitze einer ganzen Serie von Vulkanen zu sitzen, die alle schon einmal in gewaltigen Ausbrüchen die Kraft aus dem Erdinneren entluden. Doch das ist schon Jahrtausende her. Heute lassen lediglich die Spaghetti
"Vulcano al arrabiato" im Mund erahnen, wie es in so einem Vulkan brodelt. Vulcano ist der Gott des Feuers, und die Einheimischen verstehen es, ihre Pasta feurig zu würzen.

Am nächsten Tag geht es an die Inselerkundung. Warum nicht auf zwei Rädern mit der kleinen Schwester der Ape, der "Wespe". Den allseits bekannten Vespa-Roller gibt es unten am Hafen zu mieten, und schon geht es entlang der Ostseite der Insel auf kleinen, wenig befahrenen Straßen. Die Vormittagssonne lässt Wolken von Düften aus den Salbei- und Ginsterbüschen an den Vulkanhängen aufsteigen. Für die gerade mal acht Kilometer lange Insel kann man sich Zeit nehmen, vielleicht einen Abstecher machen zum Campo Bianco, einem postkartentauglichen schneeweißen Strand vor türkisblauem Wasser. Korallensand am Mittelmeer? Das Kuriosum ist der weiße Bimsstein. Einstmals bei gewaltigen Eruptionen von den Feuerbergen in die Luft geschleudert, bedeckt er große Flächen Liparis und zeigt seine Qualitäten als Badestrand. Piekst nicht, bröselt nicht, klebt nicht. Und während man so in der Sonne liegt, kann man noch darüber staunen, dass Bims als einziges Gestein sogar schwimmt.

Die Welt der Vulkane hat ihre Besonderheiten. Nach einem Zwischenstopp auf Liparis vulkanischer Schwester Salina ist es für jeden Inselspringer Zeit, dem großen Knaller des Archipels die Reverenz zu erweisen, dem Stromboli. Und da ist Schluss mit den gefälligen Landschaften der erloschenen Vulkaninseln, bei denen Ginster und Frühlingsblumen die meisten Spuren der Ausbrüche überwachsen haben. Der Stromboli ist einer der aktivsten Vulkane der Erde und folglich etwas für abenteuerlich gestimmte Entdeckernaturen. Die erleben als Erstes die Ape aus der Gepäckperspektive. Denn zusammen mit Koffern und Taschen werden sie auf der Ladefläche durchgerüttelt.

Auf Stromboli dominiert die kleine Biene – und die hat eben keinen Platz für Passagiere in der kompakten Fahrerkabine. Seine Wege auf Stromboli macht man daher am besten zu Fuß. Zum Beispiel zur Bar Ingrid an der Piazza des kleinen Nestes San Vicenzo. Der Name erinnert an die Schauspielerin Ingrid Bergmann, die hier während der Dreharbeiten 1949 eine skandalträchtige Affäre mit Regisseur Roberto Rossellini begann. Und beim Aufstieg auf den 924 Meter hohen Vulkan wird garantiert keine Ape oder Vespa helfen können. Steil geht es über Aschehänge und vorbei an scharfkantiger Lava hoch zu den Kratern. Wie eine Besuchertribüne gibt der Gipfel den Blick frei auf die tiefer liegenden aktiven Krater. Der Wind trägt ihr Fauchen und Zischen herüber. Dann der Ausbruch, lange erhofft und doch unerwartet plötzlich, knallhart, gewaltig. Eine Fontäne aus roten Lavabrocken schießt unter metallischem Zischen und Donnern himmelwärts, verbreitert sich wie ein Atompilz, aus dem ein Meteoritenhagel glutroter Steine prasselnd auf den Kraterrand zurückfällt. Der Stromboli gibt fast im stündlichen Rhythmus dem Überdruck in Form kleiner Eruptionen nach. Gefährlich wird der Vulkan nur, wenn sein Schlot einmal verstopft ist und über Tage keine Druckentlastung der angestauten Energie erfolgt.

Nach diesem Spektakel steht man wieder am Hafen und überlegt die nächsten Inselsprünge. Mit dem Schiff weiter nach Neapel? Zurück Richtung Salina und auch die weniger bekannten Inseln Panarea, Alicudi und Filicudi erkunden? Wenn dann gerade die Fähre anlegt, kann man beobachten, wie wieder ein kleines Häufchen Apes munter aus dem Bauch des Schiffes tuckert, um die Einkäufe des Tages auf die Insel zu bringen. Und wenn man Glück hat, sieht man auf mancher Ladefläche sogar einen der bis zu drei Meter langen Schwertfische liegen, die von den Fischern in den Tiefen vor den Inseln gefangen werden. Ein wenig stillos vielleicht für den prächtigen Fisch. Ernest Hemingway hat seine gefangenen Schwertfische schließlich mit einer weißen Yacht nach Hause gebracht. Und nicht auf einem Dreirad mit mageren 2,5 PS.

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