Interview, Jörg Rheinländer, Elektromobilität Dino Eisele

HUK-Vorstand Jörg Rheinländer im Interview

Die E-Auto-Zukunft kann kommen

Interview

Laut einer Studie der HUK-Coburg reicht für fast alle Fahrten ein E-Auto. Das wollten wir genauer wissen und haben uns in Coburg mit dem HUK-Vorstand Jörg Rheinländer zu einer Stadtrundfahrt im Hyundai Kona Elektro verabredet.

Herr Rheinländer, wenn man nach der Studie Ihrer Versicherung geht, könnte quasi jeder Deutsche schon heute fast immer Elektroauto fahren. Was fahren Sie denn?

Das stimmt, ich muss aber zugeben, ich fahre selbst auch noch kein Elektroauto, sondern beruflich einen Audi A6, und privat fahren wir einen T5 Transporter mit neun Sitzen. Da ist dann genug Platz für unsere sechsköpfige Familie. Mit dem Gedanken an ein Elektroauto habe ich aber schon gespielt. Den Bus können wir aber kaum durch ein E-Auto ersetzen, und da ich beruflich sehr viel reise, muss der A6 vor allem für sehr lange Fahrten herhalten. Da passt das Elektroauto leider auch nicht ganz ins Fahrprofil. Aber das kann sich mit den neuen Stromern ändern.

Von Ihnen stammen die Zahlen also nicht, woher kommen sie denn dann?

Die haben wir aus den Daten unseres Telematiktarifs erhoben. Den bieten wir vor allem für junge Fahrer an, die sich dafür eine Box ins Auto bauen lassen. Mit ihrem Smartphone können sie dann schauen, wie gut sie fahren und was sie verbessern können. Für den Versicherungstarif heißt das, wer gut und sicher fährt, bekommt einen Beitragsnachlass. Erst einmal nur 10 Prozent. Je nach Fahrweise kann der aber auf bis zu 30 Prozent steigen. Das lohnt sich für beide Seiten. Anonymisiert kann man mit diesen Daten aber eben noch viel mehr machen. Beispielsweise können wir schauen, welche Streckenlängen unsere Fahrer täglich mit ihrem Auto zurücklegen. Das haben wir jetzt bei 25 Millionen Fahrten in einem Zeitraum von acht Monaten gemacht. Dabei kam heraus, dass 47 Prozent der Fahrer in dieser Zeit nie mehr als 250 Kilometer an einem Tag zurückgelegt haben. Sie könnten also schon heute auf ein modernes E-Auto umsteigen. Vielen Leuten ist häufig gar nicht klar, wie selten sie tatsächlich lange Strecken fahren. Denn auch bei den anderen 53 Prozent der Fahrer machten die Strecken von über 250 Kilometern gerade einmal ein Prozent aus.

Was für Fakten konnten Sie denn sonst noch aus den Daten ablesen?

Mit der Studie können wir erstmals aus Einzelfahrverhalten statistische Aussagen generieren. Normalerweise schauen wir als Versicherer auf ganz andere Daten. Wir fragen zum Beispiel, wie viele Kilometer gefahren werden, und bauen darauf den Tarif auf. Das überprüfen wir aber nicht. Jetzt sehen wir echte Werte und können daher viel tiefer in die Daten eintauchen.

Ändert sich damit dann auch die Police?

Ja, die Police enthält im Telematiktarif mit der Box, die die Daten aufzeichnet, ja schon eine Technikkomponente. Und hinter der Box steckt eine komplette Infrastruktur zur Verarbeitung der Daten. Das Spannende ist aber, wir haben als Versicherer früher immer gedacht, wir hätten Big Data. Jetzt wissen wir aber erst, was Big Data wirklich ist. Lassen Sie es mich mit einem Beispiel veranschaulichen. Wenn wir sagen, dass die Datenmenge, die wir bisher brauchten, um für unsere über elf Millionen Kraftfahrzeugkunden einen Versicherungstarif zu berechnen, einem Meter entspricht, dann haben wir mit dem Telematiktarif im ersten halben Jahr so viele Daten zusammengefahren, wie der Mount Everest hoch ist, und mittlerweile sind wir bei einem 180 Kilometer hohen Datenstapel. Das liegt daran, dass wir jetzt eben mit Echtzeitdaten arbeiten, das heißt, die Informationen kommen mehrmals pro Sekunde. Um das alles zu verarbeiten, haben wir Deep-Learning-Algorithmen im Hintergrund laufen, die die ganzen Daten automatisch auswerten, um sie dann dem Versicherungsnehmer als Fahrwert zur Verfügung zu stellen.

Das klingt nach Zukunft. Was glauben Sie, wie sich das Mobilitätsverhalten in den nächsten Jahren ändern wird? Werden alle Ihre Kinder noch einen Führerschein machen?

Meine Kinder werden sicherlich noch einen Führerschein machen – auch weil ich das möchte und sponsern werde. Aber allgemein wird sich das Verhalten sicher sehr ändern. Eine der ersten großen Veränderungen werden wir noch im Frühjahr oder Sommer dieses Jahres sehen, wenn die Elektro-Kleinstfahrzeuge auf die Straße kommen. Es gibt zwar schon einige dieser E-Scooter auf der Straße, die sind aber, anders als etwa in Paris, bei uns bislang noch nicht erlaubt. Das wird bei anderem Spielzeug wie dem Monowheeler (elektrisches Einrad) wohl auch so bleiben, obwohl ich die ziemlich cool finde. Die kleinen Scooter haben aber das Potenzial, richtig Bewegung in die Sache zu bringen. Vor allem, weil man mit dem Scooter ein Fahrzeug zur Verfügung hat, das doch relativ schnell und handlich ist, mit dem man sehr bequem auch große Distanzen in der Stadt zurücklegen kann. Ich glaube, das Mobilitätsverhalten ändert sich, weil man immer mehr nutzen kann. Ich war beispielsweise neulich mit der Bahn unterwegs. Vor zehn Jahren wäre ich am Bahnhof zum Taxistand gelaufen und von dort aus dann weitergefahren. Schon heute kann ich Apps benutzen, die mir die komplette Strecke optimieren und mir sagen, dass ich beispielsweise zehn Minuten mit der S-Bahn spare, und weitere fünf, wenn ich hier in den Bus einsteige und dort in die Stadtbahn oder mit einem Carsharing-Auto weiterfahre.

Das heißt, Sie persönlich haben für sich schon etwas verändert. Was könnte sich daraus für die Versicherungen ändern? Sind E-Autos nicht teurer zu versichern als andere? Schließlich sind die Stromer auch deutlich teurer und haben teils sehr teure Bauteile wie den Akku

Grundsätzlich gibt es da keine Unterschiede. Statistisch lässt sich aber sagen, dass Fahrer von umweltfreundlicheren Fahrzeugen eher geringere Schadenhäufigkeiten haben als andere. Das ist aber auch nicht so erstaunlich. Wenn ich weniger Reichweite zur Verfügung habe, stehe ich auch nicht die ganze Zeit voll auf dem Gas. Die Fahrer sind daher wohl insgesamt etwas vorsichtiger unterwegs. Es gibt übrigens auch kaum Unterschiede bei der Schadenhöhe. Aus allen bei uns versicherten E-Autos haben wir eine Stichprobe von 120 Unfällen gezogen und analysiert. Davon hatten nur zwei Fahrzeuge einen Batterieschaden. Das einzige Problem bei E-Autos und Hybriden sind ab und an die Ladedosen. Das sind sicherheitsrelevante Bauteile, die gern an der Front oder dem Heck untergebracht sind und bei Parkschäden auch etwas abbekommen können. Ansonsten gibt es aber keine Unterschiede, sodass dem E-Auto auch aus Versicherersicht schon heute nichts im Wege steht.

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