Michael Lohscheller Dino Eisele

Opel-Chef Michael Lohscheller im Interview

„50.000 Euro für einen Opel“

Interview

Opel-Chef Michael Lohscheller über das typische Opel-Fahrgefühl, die Rückkehr des Unternehmens in die Gewinnzone, die Entwicklung der Arbeitsplätze, die Chancen der Elektroautos und was ihm seine Kinder dringend raten.

Die Tester von auto motor und sport finden: Auch die neuen Opel auf der technischen Basis des neuen Eigentümers PSA fahren sich anders als die vergleichbaren Peugeot- oder Citroën-Modelle. Das spürt man beim Corsa genauso wie beim Grandland X. Wie lange wird das noch so bleiben?

Das freut uns sehr. So muss das sein. Und so wird das auch bleiben. Denn das ist auch das Entscheidende für PSA: Ein Opel wird immer aussehen, fahren und sich anfühlen wie ein Opel. PSA wollte ja keine vierte französische Marke kaufen, sondern bewusst eine deutsche Marke, die bei Design und bei der Fahrgefühl deutsche Ingenieurskunst in den Mittelpunkt stellt. Das geht bis hin zu den Sitzen, die bei uns ja auch markentypisch sind. Die Autofans sollen bei jedem neuen Modell sagen: „Das ist ein richtiger Opel.“

Ganz generell: Weshalb soll ich einen Opel kaufen? Wofür wird Opel in Zukunft stehen?

Aufregendes Design, sinnvolle Innovationen, bezahlbar für eine breite Käuferschicht. Hightech für alle, das ist unser Mantra. Dazu kommen Zuverlässigkeit und hervorragende Qualität. Wir bringen viele Innovationen aus der Oberklasse in unsere Fahrzeuge. Den neuen Corsa, der auf der IAA seine Weltpremiere feiert, gibt es jetzt zum Beispiel mit LED-Matrix-Licht. Auch die Elektrifizierung der Marke startet ja mit unserem Bestseller Corsa, und nicht irgendwo ganz oben bei unserem Flaggschiff Insignia.

Opel hat zum ersten Mal Gewinn gemacht – nach 18 Verlust-Jahren unter dem alten Eigentümer General Motors. Für 2019 erwarten Sie eine Umsatzrendite von sechs Prozent. Und in drei Jahren dann: acht Prozent?

Zunächst: Der operative Betriebsgewinn von 860 Millionen Euro im Jahr 2018 war das beste Ergebnis unserer 157-jährigen Firmengeschichte. Und die sechs Prozent hatten wir ursprünglich erst fürs Jahr 2026 angekündigt. Doch wir sind auf einem guten Weg, das schon dieses Jahr zu erreichen – sieben Jahre früher als geplant. Das wäre ein Riesenerfolg der ganzen Mannschaft. Ganz klar ist: Wir wollen nachhaltig profitabel sein und immer besser werden. Und es gibt noch viele Dinge, in denen wir uns weiter verbessern können. Der Blitz wird noch heller strahlen.

Ihre operative Rendite lag 2018 bei 4,7 Prozent; die französischen Schwestermarken meldeten 8,4 Prozent. Welcher Druck entsteht daraus für Sie?

Wir optimieren alle unsere Kostenstrukturen und wollen weiter profitabel wachsen. Also gibt es auch keinen Grund, warum wir in Zukunft nicht die gleiche Rendite liefern sollten wie Citroën, DS und Peugeot.

Von Ihrem SUV Grandland X haben sie im ersten Halbjahr 2019 rund 59.000 Stück verkauft, vom Insignia nur rund 29.500 Exemplare. Wenn Sie sich diesen Rückgang im klassischen Segment der Mittelklasse anschauen: Wird der Insignia überhaupt einen direkten Nachfolger bekommen?

Die Welt ändert sich. Der SUV wird zum Mainstream. Wie ein Insignia-Nachfolger aussehen wird, ist noch nicht in Stein gemeißelt, denn unser Flaggschiff ist ja noch topfrisch und schlägt sich sogar im Vergleichstest mit Premium-Wettbewerbern bei auto motor und sport hervorragend. Wobei sich bei den sehr großen Fahrzeugen natürlich schon die Frage stellt: Ist ein SUV immer die richtige Antwort? Denn es gibt ja schon ziemlich scharfe Kritiken gegen die ganz großen SUVs. Und in der Mittelklasse, also dem Insignia-Segment, müssen die SUVs nicht die einzig richtige Antwort sind. Opel hat immer wieder innovative neue Fahrzeugkonzepte in den Markt gebracht. Denken Sie an Meriva, Signum, Frontera, Zafira. Solche neuen Konzepte schauen wir uns auch für die Zukunft an.

Opel Grandland X Hybrid 4
Neuheiten
Also wird es keinen SUV oberhalb des Grandland X geben?

Pure Größe ist nicht alles. Es gibt auf dieser Welt mehr als nur klassische SUVs. Und wir untersuchen da einige neue und vielversprechende Ideen.

Wann beginnt bei Opel die Mildhybridisierung mit 48-Volt-Bordnetz?

Die wird natürlich auch kommen. Wir fangen jetzt mit den Plug-in-Hybriden an. Den genauen Startzeitpunkt für 48 Volt geben wir bald bekannt.

Bis 2024 soll in jeder Baureihe ein elektrifiziertes Modell sein. Sind Sie aus Sicht der kaufwilligen Kunden nicht schon zu spät dran?

Sicher nicht. Der Ampera-e ist ja schon im Markt. Und der Punkt ist: Opel wird elektrisch. Schon 2020. Wir machen kommendes Jahr mit den Volumensegmenten weiter, haben also gleich eine große Wirkung auf dem Markt. Der Corsa: unser meist verkauftes Modell. Der Grandland X: hohe Stückzahlen. Der Mokka: größtes SUV-Segment. Der Vivaro: riesige Bedeutung im Transporterbereich. Und dann kommt ja schon der Astra, der ab 2021 in Rüsselsheim gebaut wird und auch in einer elektrifizierten Variante kommen wird. Wir sind also sehr bald in allen wesentlichen Segmenten mit einem elektrischen Angebot vertreten.

Wann ist wieder mit einer ausschließlich als Elektro-Auto konzipierten Baureihe von Opel, diesmal auf PSA- statt GM-Basis, zu rechnen?

Das ist eine ganz wichtige Frage. Wir sehen ja bei unserem Ampera-e, dass ein reines E-Auto auch Vorteile bieten kann. Andererseits spüren wir jetzt, wie klug der Ansatz der Multi-Energy-Plattform für uns ist, weil wir maximal flexibel in den Werken sind. Wir fangen mit dem Plug-in-Hybrid an. Auf einer Linie im Werk Eisenach zum Beispiel können wir den Grandland X als Plug-in-Hybrid, als Diesel und als Benziner bauen. Wir werden schauen, wie schnell der Zeitpunkt für eine reine E-Auto-Baureihe kommt, weil sich Elektromobilität voll durchsetzt.

Den Elektro-Corsa bieten Sie jetzt knapp unter 30.000 Euro an. Welche Stückzahlen erwarten Sie von ihm?

Wir merken, dass er mit seiner Reichweite von 330 Kilometer, seiner Leistung und serienmäßig guter Ausstattung viele Menschen interessiert. Die Stückzahlen hängen noch von vielen Fragen ab – der Ladeinfrastruktur zum Beispiel. Die ist ja nach wie vor nicht flächendeckend gelöst. Aber in den Niederlanden gibt es zum Beispiel einen richtigen Hype um den Corsa-e. In Norwegen genauso. Und ich bin überzeugt, dass die Elektromobilität auch in Deutschland bald einen Riesensprung nach vorne machen wird.

Opel Corsa-e
E-Auto
Okay. Und welche Stückzahlen planen Sie insgesamt vom Corsa-e?

Wir reden lieber über Verkäufe als über Bestellungen; und der Corsa-e kommt ja erst Ende des ersten Quartals 2020 in den Handel. Es gibt eine klare Planung. Wir haben uns beim Batterie-Lieferanten abgesichert, damit wir immer lieferfähig sind. Aber in diesem Kontext muss man ja auch den neuen Astra sehen.

Inwiefern?

Seinen CO2-Wert haben wir so deutlich gesenkt, dass der Astra auch eine Alternative ist und uns bei den vorgeschriebenen CO2-Grenzwerten sehr hilft. Im Vergleich zum Vorgängermodell haben wir den C02-Ausstoß um bis zu 21 Prozent gesenkt. Fünf von sieben Antriebskombinationen liegen unter der magischen Schwelle von 100 Gramm. So fährt der effizienteste Astra aller Zeiten an die Spitze der Kompaktklasse.

Gibt Opel nach dem Entfall des Karl das Kleinstwagen-Segment künftig auf?

Wir setzen aktuell ganz klar auf den neuen Corsa, anstatt unsere Ressourcen zu zerstreuen.

Wann leistet sich Opel wieder einen echten Imageträger wie Opel GT oder Calibra?

Der Nachfolger des Mokka X wird eine richtige Markenlokomotive sein, eine Lifestyle-Rakete. Der kommt zum Glück schon nächstes Jahr. Das wird ein Riesen-Imageträger für uns.

Und darüber hinaus? Denken wir mal an die großen alten Namen Monza und Manta. Von deren Wiedergeburt träumen Sie doch auch, oder?

Ja, sicher denken wir auch an die Wiederauflage solcher Ikonen... Ich sage immer: Wir sollten zurück in die Zukunft gehen. Denn wir sind einer der traditionsreichsten Automobilhersteller. Wir feiern dieses Jahr bekanntlich 120 Jahre Opel Automobile. Eine Neuauflage von Manta, Monza, GT oder Calibra würde sicher richtig Spaß machen. Aber wir machen nur, was auch wirklich wettbewerbsfähig ist.

Sie haben verraten, dass sie die CO2-Grenzwerte der EU schon im kommenden Jahr erreichen, weil Sie alle alten GM-Architekturen ausrangieren. Wie zahlt sich das – auch in Euro – für Opel aus?

Zum einen erspart uns das Strafzahlungen, und die gehen ja gleich in die Milliarden, wenn man die Ziele nicht erreicht. Zum anderen ist es auch ein ethisch-moralischer Punkt. Die Politik hat hier ein Ziel gesteckt, also 95 Gramm CO2 pro Kilometer. Und dieses Ziel nicht zu erreichen, wäre ein echtes Problem. Auch die Qualitätsverbesserung der Luft ist ein entscheidendes Thema. Dazu werden wir einen wichtigen Beitrag leisten. Da führt kein Weg dran vorbei.

Michael Lohscheller, Interview
Dino Eisele
Hier mit Chefredakteur Ralph Alex bei der Klassik Tour Kronberg, wo Lohscheller im Opel Diplomat unterwegs war.
PSA und Opel haben sich um die Förderung für den Aufbau einer eigenen Batterie-Fertigung beworben. EU und Bundesregierung entscheiden im Laufe des Jahres. Wie sieht Ihr Plan konkret aus?

Wir wollen die nächste Generation der Batteriezellen in Europa bauen, also die dritte Generation der Lithium-Ionen-Akkus. Denn das kann man nicht nur ausländischen Anbietern überlassen. Wir haben uns beworben und hoffen, bald die entsprechenden Zusagen zu bekommen. Wir erwarten noch dieses Jahr eine Entscheidung.

Seit der PSA-Übernahme baute Opel in seinen deutschen Werken jeden dritten der einstmals 19.300 Jobs ab. Auch deshalb sind Sie profitabel geworden. Was ist Ihr Ziel für die deutschen Werke?

Wir haben bei der Ankündigung von PACE! versprochen, keine Werke zu schließen und in alle Standorte zu investieren. Dazu stehen wir. Wir haben das Werk Eisenach wettbewerbsfähig aufgestellt, da ist der Grandland X jetzt angelaufen. In Kaiserslautern machen wir ebenfalls viel, bringen dort Komponentenfertigung rein. In Rüsselsheim kommt 2021 der neue Astra. Der Übergang von Opel-Entwicklern zum französischen Entwicklungsdienstleister Segula ist gelöst. Wir sind damit auch in Deutschland wieder wettbewerbsfähig aufgestellt.

In Rüsselsheim werden Sie bis zum Start des Astra vermutlich monatelang Kurzarbeit fahren, oder? Statt 123.000 Autos wie im Jahr 2018 dürften dort 2020 nur rund 42.000 Autos produziert werden.

Es ist richtig, dass wir in unsrem Stammwerk in einer Übergangsphase bis zum Astra-Anlauf Auslastungsprobleme lösen müssen. Aber es zeigt gleichzeitig, wie wichtig und richtig unsere Entscheidung war, den Astra nach Rüsselsheim zu holen. Über die Details sprechen wir mit unseren Sozialpartnern.

Sparen alleine reicht nicht. Sie müssen die Opel-Käufer auch dazu bringen, pro Auto mehr auszugeben. Wie machen Sie das?

Sparen ist wichtig. Aber man darf nicht übersehen, dass wir pro Auto auch mehr Umsatz und Gewinn gemacht haben. Unsere Kunden kaufen wieder besser ausgestattete und größere Opel. Das ist ein Indiz für eine verbesserte Markenstärke. Ein Grandland X in Ultimate-Ausstattung mit 180 PS oder ein fast vollausgestatteter Insignia mit Allrad und 210-PS-Diesel zeigen: Unsere Kunden sind bereit, 50.000 Euro für ihren Opel auszugeben.

Was bedeutet es Ihnen, als erster Deutscher im PSA-Vorstand zu sitzen?

Das ist eine wichtige Nachricht, die viel Symbolkraft hat. Viele Beobachter waren ja skeptisch, dass wir den Erfolg überhaupt schaffen. Jetzt erreichen wir ihn sogar deutlich schneller als geplant. Die Ernennung ist also eine Anerkennung für die gesamte Opel-Mannschaft, denn es ist ein Vorstand mit nur vier Mitgliedern. Opel macht rund 25 Prozent vom Gesamtumsatz des PSA-Konzerns. Bei GM hingegen zählten wir immer zu den Kleinen im Konzern. Durch die Ernennung gilt: Opel hat im PSA-Konzern eine noch stärkere Stimme.

Bei der Brennstoffzelle haben Sie die Entwicklungshoheit im Konzern. Bei welchen anderen Themen noch?

Unter anderem bei Sitzen, beim Thema Licht, bei manuellen Schaltsystemen, alternativen Kraftstoffen, Software-Industrialisierung und Assistenzsystemen. Dazu übernehmen wir in Rüsselsheim die Entwicklung der nächsten großen Benzinmotorenfamilie von PSA und verantworten die Entwicklung aller leichten Nutzfahrzeuge.

Und für die Brennstoffzelle: Was erwarten Sie da?

Das wird sich in nicht allzu ferner Zukunft durchsetzen. Wir bei Opel waren schon mal führend in der Brennstoffzellenentwicklung, und können mit unseren Know-How vieles beitragen, um in dieser Technologie weiterzuforschen. Wir werden bald zeigen, wohin die Reise geht.

Auf welchen Märkten neben Russland erhoffen Sie sich Absatzchancen?

Wir gehen jetzt nach Russland und müssen das richtig gut machen. Der Markenname Opel ist dort ja schon bekannt. Und wenn wir das perfekt hinkriegen, dann können wir mit Sicherheit auch über China reden. Opel goes global; wir werden weltweit tätig sein: Wir gehen nach Südamerika, Afrika, in den mittleren Osten. Es gibt keine Begrenzung, solange diese Exportgeschäfte profitabel sind.

Wie sehen Sie die Ankündigung heftiger Proteste gegen die IAA, inklusive zivilem Ungehorsam? Im hessischen Kronberg haben maskierte Täter schon im Vorfeld mehr als 40 Jaguar, Land Rover und Aston Martins zertrümmert.

Das verurteile ich scharf. Man kann doch nicht sagen: „Ich bin anderer Meinung beim Thema Auto und mache einfach alles kaputt.“ Das geht nicht. Wir müssen einen guten Dialog finden.

IAA 2017 Sneak Preview
Politik & Wirtschaft
Sie haben zwei Kinder im Teenager-Alter. Sind die Schülerproteste „Fridays for Future“ bei denen ein Thema?

Ja, das ist ein Thema. Meine Tochter fragte schon: „Kann ich da auch mal hin?“. Wir diskutieren das in der Familie. „Da können wir gerne drüber reden, wenn die Schule nicht drunter leidet“, haben wir als Eltern gesagt. Es ist eine andere Generation, die beeindrucken wir nicht, wenn wir mit 600 PS nach Hause kommen. Als ich ein Corsa-e Entwicklungsfahrzeug zum ersten Mal mitgebracht habe, war auch bei meinen Kindern die Begeisterung groß.

Als Top-Automanager müssen Sie sich ständig mit dem Thema Umwelt beschäftigen. Ist es anders, wenn dieses Thema dann über die eigenen Kinder eingeflogen wird?

Das macht es konkreter und anschaulicher. Wenn die eigene Tochter sagt: „Papa, bitte alles nur noch mit Elektroautos, auch für Mama. Und iss weniger Fleisch, wegen CO2“, dann ist das sehr viel näher, als wenn es abstrakt in der Gesellschaft diskutiert wird. Die Welt ändert sich. Das merkt man am deutlichsten in der Familie.

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