Tesla will schon 2020 vollautonom fahren

Autonome Testfahrt im Video

Auf einer Investoren-Konferenz hat Tesla-Boss Elon Musk jetzt angekündigt, dass bereits ab 2020 autonome Tesla-Taxis fahren sollen – mit einem neuen Samsung-Prozessor als zentraler Recheneinheit. Chiphersteller Nvidia weist in einer Stellungnahme auf fehlerhafte Vergleiche seitens Tesla hin.

Tesla-Chef Elon Musk hat auf einer Konferenz für Investoren angekündigt, bereits ab 2020 autonom fahrende Taxis anzubieten. Dafür hat Tesla in den letzten drei Jahren zusammen mit dem koreanischen Elektronikkonzern Samsung einen speziellen Prozessor entwickelt. Bisher setzte Tesla bei seinem „Autopilot“ genannten Fahrassistenz-Paket auf einen Prozessor namens Drive PX 2 des kalifornischen Grafikprozessor-Spezialisten Nvidia.

Der Samsung-Prozessor soll in Austin, im US-Bundesstaat Texas produziert werden. Laut Musk ist er erheblich besser als die Technik von Nvidia. Für die Entwicklung der Recheneinheit hat sich Tesla mit Pete Bannon einen ehemaligen Apple-Experten ins Boot geholt. Unter Bannons Führung wurden die Apple-Prozessoren der Reihen A5 bis A9 entwickelt – der A9 arbeitet beispielsweise in den iPhones 6s, 6s Plus und SE. Auch alle diese Prozessoren wurden von Samsung produziert.

Stellungnahme von Nvidia: falscher Vergleich

Nvidia räumt das Feld gegen Samsung nicht kampflos – die Kalifornier haben auf Ihrer Website eine Stellungnahme zur Tesla-Investorenkonferenz veröffentlicht. Dort betont der Chiphersteller, dass Tesla auf dem richtigen Weg sei, aber in der Konferenz nicht korrekte Vergleiche zwischen der Rechenleistung der Nvidia-Prozessoren und des Tesla-Computers gezogen zu habe.

Zum Hintergrund: Nvidia hat vor einigen Jahren den Xavier-SoC-Prozessor entwickelt. Dieser berechnet 30 TOPs (trillion operations per second). Diesen Chip hat Nvidia mit einer leistungsstarken GPU (graphics processing unit) gepaart und so die Rechenleistung auf 160 TOPs gesteigert. In seinem Computer namens Drive AGX Pegasus kombiniert Nvidia zwei dieser Recheneinheiten und herauskommen 320 TOPs. Der sich gerade in der Entwicklung befindliche Xavier-Nachfolge-Prozessor Orin soll noch schneller sein.

Nvidia Drive AGX Xavier, Prozessor für autonomes Fahren
Nvidia
Der Xavier-Prozessor von Nvidia schafft in Kombination mit einer GPU bis zu 160 TOPs (trillion operations per second). Damit ist er für teilautonomes Fahren geeignet - vollautonomes Fahren benötigt eine deutlich höhere Rechenleistung.

Tesla hat nun laut Nvidia die Rechenleistung seines mit zwei Prozessoren versehenen FSD (Full Self Driving computer) in Höhe von 144 TOPs mit der Rechenleistung eines einzelnen Xavier-Prozessors verglichen. Dabei gab Musk auch noch fälschlicherweise 21 anstelle der korrekten 30 TOPs für den Nvidia-Prozessor an. Hätte Elon Musk den kompletten Nvidia-Computer zum Vergleich mit dem Tesla-Computer herangezogen, wäre das Nvidia-Gerät bei der reinen Rechenleistung mit 320 TOPs deutlich überlegen. Nvidia weist auch darauf hin, dass ein einzelner Xavier-Prozessor nur für die Systeme des teilautonom agierenden Autopiloten geeignet ist, für vollautonomes Fahren sei natürlich deutlich mehr Rechenleistung nötig.

Nvidia gibt nicht auf

Am Ende der Stellungnahme gibt sich Nvidia kämpferisch: Es gäbe nur einen Hersteller, der der Industrie die fürs autonome Fahren nötige Technik in Form eines Open Source Systems (Software-Quelltext ist Dritten zugänglich und kann von diesen geändert werden) zur Verfügung stellt: Nvidia. Damit positioniert sich der kalifornische Chip-Hersteller klar gegen den Alleingang von Tesla mit Samsung.

Nvidia Drive AGX Pegasus, Computer für autonomes Fahren
Nvidia
In seinem Computer Drive AGX Pegasus kombiniert Nvidia zwei Xavier-Recheneinheiten und kommt auf eine Rechenleistung von bis zu 320 TOPs.

Netzwerk statt Lidar

Mit dem neuen Tesla-Samsung-Prozessor als Basis möchte Musk die Datenmengen verarbeiten, die 500.000 Teslas weltweit jeden Tag mithilfe von Kameras, Ultraschallsensoren und Radar einsammeln. Die Autos sollen ein so genanntes künstliches neuronales Netz bilden und dadurch voneinander lernen, ihre Umgebung zu erkennen. In diesem Zusammenhang erteilt Musk auch der Lidar-Technik (light detection and ranging: System zur optischen Abstands- und Geschwindigkeitsmessung) eine Absage. Lidar galt als eine der Schlüsseltechnologien auf dem Weg zum autonomen Fahren – Elon Musk ist allerdings davon überzeugt, dass auch andere Autohersteller von der Technik Abstand nehmen werden.

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Investoren begeistert, Analysten skeptisch

Die Investoren waren auf der Konferenz von Musks Ankündigungen begeistert und leiteten ihre Fragen beinahe schon devot mit überschwänglichem Lob ein. Aber es gibt Grund zur Skepsis: Aus den Entwicklungsabteilungen anderer Autohersteller ist zu hören, dass sich der Traum vom autonomen Fahren deutlich später verwirklichen könnte – wenn überhaupt. Die Technik scheint noch lange nicht ausgereift genug zu sein. Musks Ankündigungen sind inzwischen legendär – und in Sachen Elektroauto auch oft wahr geworden, wenn auch meist mit erheblicher Verspätung. Beim sogenannten Autopiloten ist das anders: Die Technik ist bisher höchst umstritten, weil sich anscheinend einige Fahrer auf sie verlassen haben und dann bei schweren Unfällen ums Leben kamen. Auch im Vergleich mit den Fahrassistenz-Systemen anderer Hersteller konnte der Tesla-Autopilot bisher nicht punkten.

So vermuten einige Analysten, dass Musk die Konferenz als eine Art Befreiungsschlag diente – schließlich konnte der amerikanische Autobauer in diesem Jahr noch nicht mit allzu vielen guten Nachrichten aufwarten. Als Ergebnis für das erste Quartal 2019 erwarten Analysten einen Verlust von zirka 300 Millionen Dollar (aktuell umgerechnet zirka 266,5 Millionen Euro). In diesem Jahr hat die Tesla-Aktie bisher 15 Prozent an Wert verloren. Anscheinend produziert Tesla teilweise auf Halde und Kooperationspartner Panasonic steigt wegen schlechter Aussichten aus der Finanzierung der Gigafactories im US-Bundesstaat Nevada und in Shanghai aus.

Autopilot in der Vergangenheit mit schweren Fehlern

Unter der möglicherweise irreführenden Bezeichnung „Autopilot“ vermarktet Tesla sein Assistenten-Paket, das rudimentäres autonomes Fahren ermöglicht – vollautonomes Fahren war mit der Technik bisher nicht möglich. Das System enthält aktuell einen Spurhalte-Assistenten, einen Assistenten zum automatischen Wechsel der Spur, einen adaptiven Abstandstempomaten, ein automatisches Einparksystem und die Möglichkeit, das Auto von einem Parkplatz oder aus einer Garage zu rufen. Neue Hardware soll nun vollautonomes Fahren ermöglichen.

Vorgängertechnik wohl doch nicht für vollautonomes Fahren geeignet

Seit Anfang Oktober 2014 ist der Tesla-Autopilot optional für das Model S zu haben, für den von 2008 bis 2012 gebauten Roadster stand das System nie zur Verfügung. Für das seit 2015 ausgelieferte SUV Model X und die seit 2017 verkaufte Mittelklasse-Limousine Model 3 gab es das Assistenzsystem ab Marktstart. Die notwendige Hardware baut Tesla seit Ende 2016 in alle Modelle ein, möchte der Kunde sie nutzen, muss er sie gegen eine Gebühr freischalten lassen – entweder beim Kauf für 3.100 Euro oder später für 4.200 Euro. Der erste von Tesla eingesetzte Selbstfahr-Computer war ein Mobileye EyeQ3, seit 2016 basiert das Autopilot-Paket auf dem Nvidia Drive PX 2. Laut Tesla sollte bereits die Nvidia-Technik vollautonomes Fahren nach Level 5 ermöglichen – bei Level 5 muss rein technisch kein Fahrer mehr an Bord sein. Die Ankündigung war anscheinend falsch, das System erbringt wohl nicht die für einen echten Autopiloten notwendige Rechenleistung – deshalb musste Tesla nachlegen. Der neue Rechner soll 2.000 Frames pro Sekunde verarbeiten können und zehnmal schneller sein als der Vorgänger.

Tesla Model Y (2020)
Tesla
Soll ab 2022 verfügbar sein: Das Model Y dürfte bereits mit einer fortschrittlichen Variante des Autopiloten ausgerüstet sein.

Weiterhin schrittweises Vorgehen

In einer Mitteilung an seine Investoren kündigt Tesla nun an, dass eine neue Hardware „in Produktion“ sei, ohne die Aussage zu konkretisieren. Software-Updates sollen dann das vollautonome Fahren ermöglichen. Einen Marktstart-Termin für den neuen Prozessor hat Tesla noch nicht mitgeteilt, bereits verkaufte Fahrzeuge sollen sich kostenlos nachrüsten lassen. Das System soll unter der Bezeichnung „Volles Potential für autonomes Fahren“ vermarktet werden.

Tesla verspricht für den neuen Autopiloten spannende Funktionen, ohne wiederum konkret zu werden. Für Ende 2019 sind eine Stopp-Schild- und Ampelerkennung angekündigt, die ein automatisches Abbremsen und Wiederanfahren ermöglichen sollen. Zudem soll ein Spurwechsel auf der Autobahn ohne Aktivierung durch den Fahrer erfolgen – der Tesla soll sich selbst die richtige Spur suchen können. Außerdem soll autonomes Fahren in Innenstädten möglich sein – was eine kleine Sensation wäre. Schließlich gehören Innenstädte mit ihrem dichten Verkehr und teilweise unübersichtlichen Verkehrssituationen inklusive Fußgängern, Radfahrern und Hunden zu den größten Herausforderungen beim autonomen Fahren. Kommen dann noch Dunkelheit und Regen oder die Sensoren überdeckender Schneefall hinzu, wird es noch komplizierter. Die meisten anderen Hersteller halten sich nicht ohne Grund mit Aussagen darüber zurück, wann und ob überhaupt autonomes Fahren in Städten möglich ist.

Unfälle mit Autopilot

Der Begriff „Autopilot“ für Teslas Assistenzsysteme zum teilautonomen Fahren ist umstritten, da er suggeriert, mit dem Fahrzeug sei bereits jetzt vollautonomes Fahren möglich. So gab es inzwischen schwere Unfälle, die mit eingeschalteten Autopiloten stattfanden – möglicherweise, weil die Fahrer die Fahrzeugkontrolle komplett den Assistenzsystemen überließen. Insbesondere mit der Erkennung stehender Objekte scheinen die Radarsysteme des Autopiloten manchmal überfordert zu sein. Am 7. Mai 2016 raste in Florida ein Tesla Model S mit einer Geschwindigkeit von 119 km/h unter den Anhänger eines Sattelschleppers – der Fahrer war sofort tot. Spätere Untersuchungen ergaben, dass der Autopilot den Anhänger nicht als Hindernis, sondern als ein hoch hängendes Verkehrsschild registriert hatte. Am 22. Januar 2018 knallte ein Tesla Model S in Kalifornien in ein auf dem linken Seitenstreifen stehendes Feuerwehrauto. Der Fahrer überlebte. Am 23. März 2018 schlug ein Tesla Model X in Kalifornien in die beschädigte Mittel-Betonbarriere eines Highways ein – anscheinend, weil die Spurerkennung oder der Lenk-Assistent versagten. Der Fahrer, ein 38-jähriger Apple-Ingenieur, starb. Am 11. Mai 2018 fuhr wieder ein Tesla Model S unter Einsatz des Autopilot-Systems ungebremst in eine stehende Feuerwehr. Der Fahrer brach sich den Fuß und verklagte Tesla wegen fehlender Warnungen durch den Autopiloten – das Verfahren läuft noch.

Neue Hardware für umstrittenen Autopiloten: Tesla kündigt vollautonomes Fahren an

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Bekanntgabe des Funktionsumfangs noch im April

Trotz der genannten Zwischenfälle selbst beim teilautonomen Fahren hält Tesla erbittert an der Bezeichnung „Autopilot“ für das Assistenzpaket fest. Am 19. April 2019 stellt Musk jetzt die Kooperation mit Samsung vor ohne zu kleckern: Der Funktionsumfang des neuen Systems soll schlicht autonomes Fahren sein. Musk spielt bereits mit dem Gedanken, das Lenkrad aus seinen Modellen zu entfernen. Sollte die Technik tatsächlich vollautonomes Fahren ermöglichen, müssten vor ihrem Einsatz noch regulatorische Hürden genommen werden – aktuell lässt die Gesetzeslage beispielsweise in den USA und Europa pauschal kein vollautonomes Fahren zu. Musk sieht sich aber auch dort auf einem guten Weg und meint, dass einige Hürden bald fallen würden.

Fazit

Sein Assistenzpaket-Bündel „Autopilot“ zu nennen, war von Tesla ein gelungener Marketing-Trick. Allerdings ist der Begriff inzwischen nicht nur positiv besetzt, da unter Einsatz der Technik bereits schwere Unfälle passiert sind – das System ist bisher nicht für vollautonomes Fahren geeignet. Und Assistenzsysteme zum teilautonomen Fahren bieten andere führende Hersteller genauso an – nur nicht unter einem Namen, der die Fähigkeit zum vollautonomen Fahren suggeriert.

Mit neuer Hardware sollen die Tesla-Modelle jetzt fit sein für autonomes Fahren nach Level 5 – mehr ginge in Sachen Autonomie nicht. Ob Tesla bereits 2020 vollautonomes Fahren anbieten kann, ist äußerst fraglich – zu viele technische Hürden sind noch zu überwinden. Handelt es sich bei der Konferenz-Ankündigung um einen Befreiungsschlag in Zeiten von für Tesla schlechten Nachrichten oder wirklich um einen sensationellen technischen Fortschritt? Das wird bereits das nächste Jahr zeigen.

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