Kleinstfahrzeuge für die Straße

Elektro-Tretroller sind bald legal - unter Bedingungen

Elektromobilität Elektromobilität Elektromobilität Elektromobilität 33 Bilder

Bislang sind die meisten Elektro-Tretroller im öffentlichen Verkehr verboten. Das will die Bundesregierung in Kürze ändern. Allerdings sind die Regeln sehr streng, und viele andere Kleinstfahrzeuge mit E-Antrieb warten weiter auf Zulassung.

Elektrisch betriebene Kleinstfahrzeuge mit an der Steckdose aufladbarem Akku sollen bei der Mobilitätswende eine entscheidende Rolle spielen. Vor allem in Innenstädten gelten sie als sinnvolle Alternative zum Auto. Vielerorts sind sie schon unterwegs, in Europa unter anderem in Österreich, der Schweiz, Belgien, Frankreich, Dänemark und Finnland. Ihre Vorteile: Sie lassen sich dank kompakter Größe gut in öffentlichen Verkehrsmitteln transportieren. Außerdem lässt sich mit ihnen wegen ihres Elektroantriebs die sogenannte letzte Meile schnell, ohne große Anstrengung und einigermaßen komfortabel absolvieren. Sie vernetzen also die verschiedenen Verkehrsträger und fahren obendrein lokal emissionsfrei und geräuschlos.

Noch sind die Elektro-Tretroller illegal

Nicht umsonst wächst der Markt derzeit unaufhörlich. In immer kürzeren Abständen bringen nicht nur spezialisierte Firmen und Start-ups, sondern auch immer mehr Fahrradhersteller elektrische Tretroller auf den Markt. Segway mischt ebenso mit wie BMW, Seat und Ford. Und Daimler will in Kürze über sein Tochterunternehmen MyTaxi ins E-Tretroller-Sharing-Geschäft einsteigen. Für eine geteilte Nutzung eignen sich die Fortbewegungsmittel nämlich hervorragend.

Es gibt aber auch ein großes Problem: Derzeit ist das Bewegen der meisten elektrisch angetriebenen Kleinstfahrzeuge im öffentlichen Straßenraum illegal. Nach aktueller Rechtslage gelten motorbetriebene Fahrzeuge, die schneller als sechs km/h fahren, als Kraftfahrzeuge und benötigen für die Nutzung im öffentlichen Raum eine Zulassung, Führerschein und Versicherung. Zudem ist das Fahren auf Gehwegen für motorbetriebene Fahrzeuge, die über sechs km/h fahren können, nicht erlaubt.

40-Seiten-Verordnung der Bundesregierung

CES 2017, Board Foto: Gregor Hebermehl
Solche elektrisch angetriebenen Kleinstfahrzeuge dürfen weiterhin nicht im öffentlichen Verkehr bewegt werden.

Strenggenommen dürfen solche Fahrzeuge also nur auf Privatgrundstücken oder Werksgeländen bewegt werden. Wer mit einem solchen E-Mobil auf öffentlicher Straße erwischt wird, muss laut ADAC mit einer Geldbuße, einem Punkt in Flensburg und einem Strafverfahren rechnen. Kommt es zu einem Unfall, haftet ausschließlich der Fahrer für Sach- und Personenschäden.

Grundsätzlich gilt es besonders für die Nutzung neuer Verkehrs- und Fortbewegungsmittel, die Sicherheit im Straßenverkehr zu gewährleisten und Verkehrsteilnehmer vor Gefahren zu schützen. Vor allem deshalb ist die „Verordnung über die Teilnahme von Elektrokleinstfahrzeugen am Straßenverkehr“ so umfangreich geraten: Der Entwurf der Bundesregierung umfasst 40 Seiten. Demnach dürfen die Tretroller mit Elektromotor und Akku bald offiziell auf dem Radweg fahren – oder auf der Straße, wenn es keinen Radweg gibt. Ursprünglich sollte die Verordnung noch in diesem Jahr verabschiedet werden. Den neuesten Prognosen zufolge wird es wohl im Frühjahr 2019 soweit sein. Derzeit befindet sich der Entwurf in der Ressortabstimmung, ein paar gesetzliche Hürden muss er noch nehmen.

Abgefahrene Elektro-Vehikel 5:30 Min.

Strikte technische Vorgaben

Mit der Verordnung wird extra eine neue Fahrzeugklasse eingerichtet, die derlei Vehikel genau definiert. Sie sollen dann „verkehrsrechtlich wie Fahrräder mit der Maßgabe besonderer Vorschriften“ behandelt werden. Die Definition regelt nicht nur die Geschwindigkeit der E-Tretroller, die zwölf km/h nicht unter- und 20 km/h nicht überschreiten darf. Sie müssen außerdem mit einer Lenk- oder Haltestange ausgerüstet sein, über zwei voneinander unabhängige Bremsen verfügen sowie Fahrtrichtungsanzeiger (Blinker) und eine Klingel oder Glocke haben. All das führt dazu, dass andere ähnliche Mobilitätslösungen wie Skate- und Hoverboards oder einzelne Einräder mit Elektroantrieb von der Verordnung nicht erfasst und somit auf öffentlichen Straßen und Wegen weiterhin verboten bleiben – zumindest anfangs. Gehwege bleiben aber auch für E-Tretroller weiterhin tabu.

Die Verordnung enthält zudem „zulassungs-, fahrerlaubnis-, genehmigungs- und verhaltensrechtliche Aspekte“. Darunter fällt beispielsweise, dass die kleinen E-Kickroller ähnlich wie Mofas oder 50-cm³-Motorroller eine Versicherungsplakette benötigen. Außerdem müssen die Fahrer mindestens 15 Jahre alt sein und einen Mofa-Führerschein oder eine andere Fahrerlaubnis besitzen. Eine Helmpflicht gibt es dagegen nicht.

Starke Kritik an den deutschen Regeln

Mercedes Vision Urbanetic Mercedes Vision Urbanetic Der modulare Mercedes

Genau diese Vorgaben, die deutlich strikter und umfangreicher sind als jene im Ausland, rufen Kritik hervor. Zum Beispiel die Gleichstellung mit Kraftfahrzeugen. Sie würde dazu führen, dass die Mitnahme der Elektro-Tretroller in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erlaubt wäre. Aber nur, wenn dies grundsätzlich möglich ist, ergeben die Roller als Verkehrsmittel für die letzte Meile wirklich Sinn, heißt es bei Interessenverbänden. Auch die Versicherungspflicht sei des Guten zu viel, die allgemeine Haftpflichtversicherung müsse beim Benutzen eines Elektro-Tretrollers ausreichen. Fahrradverbände dagegen fürchten, dass die Roller fortan die Radwege verstopfen.

Sinnvoll erscheinen strenge Regeln, sobald die ersten Sharing-Anbieter auf den Markt drängen. Per Smartphone-App reservieren, auf- und abschließen sowie bezahlen: Derartiges gibt es in vielen Städten ja schon mit Fahrrädern und dürfte schon bald auch mit den Rollern umgesetzt werden. Doch dabei gilt es alte Fehler zu vermeiden. In manchen Städten sind die Leihrad-Desaster noch präsent, als sie von asiatische Anbietern wie Obike mit Billig-Velos geflutet wurden, die letztlich öfter kaputt am Straßenrand und auf den Wiesen herumlagen, denn als vernünftiges Verkehrsmittel eingesetzt zu werden.

Nicht nur gute Erfahrungen beim Roller-Sharing

Ähnliches passiert derzeit in den USA, wo die Marktführer Lime und Bird E-Kickroller zum Leihen anbieten. In San Francisco musste der Markt schnell reguliert werden, um dem entstandenen Chaos Herr zu werden. Auch seien dort die Unfallzahlen in die Höhe geschnellt. Ein weiteres Problem ist die kurze Haltbarkeit der Fortbewegungsmittel im Sharing-Betrieb. Den Anbietern zufolge landet ein Exemplar nach etwa drei Monaten auf dem Müll – eine sehr kurze Zeitspanne für ein Fahrzeug mit E-Motor und Akku und deshalb alles andere als nachhaltig. Dass die ausländischen Firmen der Share-Economy oft den strengen deutschen Datenschutz nicht so ernst nehmen, kommt noch hinzu.

Ford und Seat auf zwei Rädern
Elektrische Tretroller

Fazit

Es ist prinzipiell gut, dass die Bundesregierung ein Zulassungsverfahren für „elektrisch betriebene Kleinstfahrzeuge“ auf den Weg gebracht hat und Elektro-Tretroller bald offiziell genutzt werden können. Nur wenn vernünftige Regeln herrschen, können diese Vehikel in der Praxis zeigen, ob sie eine sinnvolle Alternative im innerstädtischen Verkehrsmix darstellen. Dennoch scheint das Thema auf typisch deutsche Weise überreguliert zu werden. Grotesk wäre vor allem, wenn die kleinen Stadtflitzer nicht legal in öffentlichen Verkehrsmitteln transportiert werden dürften; einer ihrer größten Vorteile wäre dahin. Wichtig wären dagegen strenge Regeln für die Sharing-Anbieter. Die Desaster bei Leihfahrrädern haben gezeigt: Nur wenn neue Konzepte als Ergänzung und nicht als Überflutung wahrgenommen werden, bekommen sie auch eine Chance von potenziellen Nutzern.

Neues Heft
Top Aktuell Diesel Fahrverbot Urteil kassiert RDE-Grenzwerte Fahrverbote für EU6-Diesel?
Beliebte Artikel BMW C1 Elektroroller BMW C1-Comeback als E-Roller Govecs erhält BMW-Lizenz 11/2018, Seat eXS Ford und Seat auf zwei Rädern Elektrische Tretroller
Anzeige
Sportwagen Jaguar Land Rover Fahrdynamik Advertorial Auf Knopfdruck: Sport Mehr Fahrspaß durch Technik Porsche 911 (992) Cabrio Erlkönig Erlkönig Porsche 911 Cabrio (992) Offener Elfer startet 2019
Allrad Toyota RAV 4 2018 New York Sitzrobe Toyota RAV4 (2018) SUV-Neuauflage ab 29.990 Euro Porsche Macan, Facelift 2019 Porsche Macan (2019) Facelift Scharfes Heck, starke Motoren
Oldtimer & Youngtimer Porsche 911 (996) Carrera Coupe Porsche 911 (996) Kaufberatung Probleme des Schnäppchen-Elfer Aston Martin Heritage EV Concept Aston Martin Heritage EV Concept Elektroantrieb für Klassiker