Volvo kooperiert mit Google

Betriebssystem fürs Auto

Vor 22 Jahren ging der IT-Gigant Google an den Start und eroberte das Internet. Jetzt nimmt der Konzern hinter der Suchmaschine die Autobranche ins Visier und landet mit dem Polestar 2 und dem kommenden Elektro-XC40 von Volvo einen Volltreffer: mitten ins Nervensystem des Autos.

Autobauer bauen Autos. Das mag eine Binsenweisheit sein, aber dahinter versteckt sich deutlich mehr. Denn über die Jahre haben sich Autos massiv gewandelt, sodass heute kein Auto mehr ohne Software und Programmiercode auskommt. Aberwitzig viele Millionen Zeilen Code – die die Autobauer in den wenigsten Fällen selbst geschrieben haben. Stattdessen beauftragten sie Zulieferer wie Bosch oder Continental, um ihre Steuergeräte und große Teile der Elektronik zu entwickeln und programmieren. Das Problem: Dadurch arbeiten die einzelnen Elemente meist isoliert voneinander. Es fehlt an einer gemeinsamen Basis. Einem Betriebssystem, wie wir es von unserem PC oder Smartphone kennen, das Dienste, Anwendungen und Services regelt, steuert und miteinander verknüpft.

Genau das liefert Google mit dem Android Auto OS, das seine Premiere im Polestar 2 feiert und auch im kommenden rein elektrischen Volvo XC40 zum Einsatz kommen soll. Damit ist Android Auto OS aber weit mehr als die gleichnamige Smartphone-Integration Android Auto, bei der Inhalte des Smartphones auf den Infotainmentdisplay des Autos gespiegelt und von dort aus bedient werden können. Die drei wichtigsten Punkte am Android Auto-Betriebssystem sind folgende:

  1. Noch nie war Software, die nicht von einem klassischen Autozulieferer kommt so tief in einem Fahrzeug integriert und hatte so umfassende Zugriffsrechte auf die Hardware.
  2. Durch diese Integration haben die Autofahrer die Möglichkeit auf etablierte Anwendungen von Google zurückzugreifen, an deren Entwicklung sich die anderen Autohersteller seit Jahren aufreiben: Einen App-Store, die Navigation Google Maps und den Sprachassistenten Google Assistent.
  3. Android Auto OS ist eng verwandt mit Googles Smartphone-Betriebssystem Android und ist ebenfalls eine kostenlose Open Sources Software.

Das klassische Android läuft heute bereits auf vielen Milliarden von Geräten und Millionen von Entwickler programmieren Apps und Software für dieses System. Laut Googles Mutterkonzern Alphabet sei es für die Entwickler daher ein leichtes ihre Software auch Anwendungen im Auto fit zu machen.

„Für den Anfang geht es dabei vor allem um Anwendungen aus dem Multimediabereich“, erklärt Anders Nilsson, Software Entwickler bei Volvo, der sich aktuell um die Integration des Android Auto OS für den Polestar 2 kümmert und bei einer Demo Einblick in das System gibt. So zeigt der Entwickler Apps wie Spotify oder die des US-Podcastnetzwerk NPR für die es schon jetzt, mehrere Monate vor Serienstart des Polestar 2 im Februar 2020, funktionierende Apps gibt, die das Infotainment bereichern. Weitere sollen folgen.

Hersteller können die Oberfläche des Betriebssystems bei Bedarf anpassen

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Volvo
Den Fahrer begrüßt bei Volvo eine vom Smartphone und Tablet gewohnte Nutzeroberfläche.

Wer jetzt Angst hat, dass alle Infotainment-Systeme zukünftig gleich aussehen, kann aufatmen. Denn bei Android Auto OS verhält es sich ähnlich wie beim Smartphone-Derivat, sodass die Hersteller dem Betriebssystem ihren eigenen Anstrich verpassen können. Das zeigt auch schon das Beispiel von Volvo und Polestar. Während Polestar auf vier Kacheln setzt, ähnlich wie es die aktuelle Version vom Ford Infotainment Sync macht, bleibt Volvo wie schon bei der aktuellen Infotainmentgeneration bei den thematisch sortierten Balken, für Navigation, Multimedia, Telefonie und den Sprachassistenten, wie erste Bilder der kommenden Volvo XC40 mit E-Antrieb zeigen, in dem Android Auto OS bei Volvo debütieren wird.

Die Bedienung läuft dabei in beiden Fällen fast ausschließlich über den Touchscreen. Im Polestar gibt es neben den Lenkradtasten nur noch eine Softkey-Taste für den Home-Butten am unteren Ende 11,15-Zoll-Displays, sowie den Play-Pause-Knopf in der Mitte des Lautstärkereglers. Der Volvo hat darüber hinaus noch zwei Skip-Tasten.

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„Das Display ermöglicht uns alles, was wir brauchen, deshalb versuchen wir die restlichen Elemente auf das Wesentliche zu reduzieren“, erklärt Maximilian Missoni, Designchef von Polestar. „Tasten und Knöpfe gibt es dafür nur noch für Dinge die der Fahrer schnell und ablenkungsfrei bedienen kann. Das sorgt für mehr Sicherheit.“

Reduziert wird durch Android Auto OS auch ein großer Teil der Infotainmentdienste, um die sich die Hersteller selbst kümmern müssen. Wie bereits beschrieben, ist es durch das Google-Betriebssystem denkbar einfach auch Google-Dienste ins Auto zu bringen. Zu den bekanntesten gehört dabei wohl Google Maps. Wer jetzt denkt, dass sei doch nichts neues, Bei VW und Audi gebe es doch seit Jahren Google-Karten im Infotainment, dem sei gesagt, dass die Verträge zwischen Wolfsburg, Ingolstadt und Mountain View auslaufen und bald nicht mehr zur Verfügung stehen werden. Außerdem wurde dort nur ein so genannter Kartenlayer angezeigt, also eine grafische Oberfläche mit Geoinformationen. Die Navigation und Routenplanung selbst stammte in der Regel von den alten Navianbietern wie TomTom, Inrix oder Here, mit denen abseits von Tesla auch alle anderen Hersteller arbeiten. Bei Volvo und Polestar kommt dagegen auch das Routing, von Google Maps, inklusive Funktionen, die das Unternehmen für den Autofahrer bereitstellt.

Auch Elemente der Smart Home Umgebung steuerbar

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Volvo
Die Sprachassistenten funktionieren dank dem neuen Betriebsystem zukünftig besser.

Zudem ersetzt der Google Assistent die meist schlecht funktionierenden Sprachsteuerungen der Autohersteller und erweitert deren Funktionsumfang erheblich. Denn neben klassischen Kommandos wie der Zieleingabe oder dem Radiosenderwechsel können über den Google Assistent im Polestar 2 oder elektrischen Volvo XC40 auch alle anderen Dinge aus der Smart Home Umgebung gesteuert werden. Vom Licht im Wohnzimmer, über den Rollladen bis zur Kaffeemaschine. Eben alles was schon bisher über den Googles Sprachassistent erledigt werden konnte.

Möglich ist das durch die festverbaute LTE-SIM-Karte, die das Auto ständig mit dem Server vernetzt. So werden zum einen die Sprachbefehle analysiert und umsetzt zum anderen aber auch Kartenmaterial, Verkehrsdaten aber auch Softwareupdates automatisch heruntergeladen. „Auf diese Weise können wir aber auch Funktionen nachreichen und das Auto immer weiter verbessern“, erklärt Thomas Ingenlath, CEO von Polestar und Chefdesigner bei Volvo. „Das bietet ungeahnte Möglichkeiten“, ist er sich sicher.

Die bietet wohl vor allem der dritte Google Dienst, der dank Android Auto OS bestens integriert werden kann: Der Google Play Store. Denn hier ist es nicht nur den Entwicklern von Volvo, Polestar, Google oder den Herstellern, die ebenfalls auf das Infotainmentbetriebssystem des Techgiganten setzen werden, vorbehalten, neue Apps und Dienste zu veröffentlichen, sondern allen Entwicklern – zumindest so lange sie sich an die Richtlinien von Google halten.

Vor diesem Hintergrund müssen App-Entwickler ihre Software nicht mehr an jeden einzelnen Hersteller anpassen, sondern die Hersteller einigen sich quasi auf eine globale Vorgabe. Dadurch wird es auch für kleine Anbieter viel attraktiver ihre Anwendung fit fürs Auto zu machen, da sie vergleichsweise einfach ein riesiges Publikum bedienen können.

Wer jetzt übrigens Angst um sein Datenvolumen hat, der sei beruhig. „Der Polestar bekommt eine Flatrate für alles. Von der Musik bis zum Softwareupdate.“ Am Ende scheint es fast so, also ob doch nicht mehr alle Autobauer nur Autos bauen.

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