Reportage, Selbstversuch autonomes Fahren, ams0819 Dino Eisele

Getarnt hinterm Steuer

Wie reagieren Passanten auf fahrerlose Autos?

Wie reagieren die Menschen auf ein autonomes Fahrzeug? Und wie kommunizieren sie mit ihm? Zwei Fragen, auf die wir im Selbstversuch Antworten fnden.

Man kann nicht nicht kommunizieren„ – das lernen Studierende der Kommunikationswissenschaften schon in der ersten Vorlesung. Was der Philosoph und Psychoanalytiker Paul Watzlawick damit meint: Auch ohne Worte stehen wir jederzeit im Austausch mit unseren Mitmenschen, ob wir wollen oder nicht. Blicke und Gesten signalisieren Fußgängern beispielsweise, ob sie auch vom Fahrer wahrgenommen werden. Aber was ist, wenn wir plötzlich nicht mehr einem Menschen, sondern einer Maschine gegenüberstehen?

Ein Problem, mit dem sich weltweit alle Hersteller und Zulieferer, die sich mit autonomer Mobilität befassen, auseinandersetzen müssen. Aber wie testet man Umweltreaktionen unter realen Bedingungen, ohne andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden? Zumal der Gesetzgeber selbstfahrende Autos im öffentlichen Straßenverkehr verbietet?

Reportage, Selbstversuch autonomes Fahren, ams0819
Dino Eisele
Allein anziehen lässt sich der „Undercover“ ­Sitz nicht. Damit er richtig passt, hilft Anette Sawonski beim Überstreifen.

Die Lösung ist ebenso simpel wie genial. Der Fahrer des Testwagens bekommt einfach einen Bezug übergestülpt, der ihn optisch mit dem Sitz verschmelzen lässt. Für flüchtige Blicke von außen wird der Redakteur hinter dem Steuer somit nahezu unsichtbar, während er selbst durch eine verspiegelte Folie rausschauen kann. Nun, wirklich bequem ist die Hülle nicht, denn Sichtfeld und Bewegungsfreiheit sind etwas eingeschränkt, und unter der dicken Lederhaut nützt die beste Klimaanlage nichts. Doch was tut man nicht alles im Dienste der Wissenschaft.

Kommunikationsprobleme

Allein anziehen lässt sich der “Undercover„-Sitz übrigens nicht. Damit er richtig passt, hilft Anette Sawonski beim Überstreifen. Die Maschinenbau-Ingenieurin leitet bei Ford das Projekt “Global Lighting Core„, das in Kooperation mit der TU Chemnitz zwei Studien mit diesem Versuchsfahrzeug durchgeführt hat. “Ziel war es, herauszufinden, ob und welche Kommunikation andere Verkehrsteilnehmer von einem selbstfahrenden Auto erwarten„, erklärt sie. Dabei sendet die auf dem Dach montierte LED-Leiste drei verschiedene Leuchtsignale aus, die durch Blinkzeichen in türkisem Farbton auf das autonome Auto aufmerksam machen sollen. So werden etwa das Anfahren und Abbremsen nach außen kommuniziert.

Erste Erkenntnis: Die Lichter werden zwar von den Passanten wahrgenommen, doch ihre Bedeutung ist oft unklar. “Wie Ampelfarben müssen die neuen Signale autonom fahrender Autos erst gelernt werden„, schlussfolgert Isabel Neumann von der TU Chemnitz daraus. Eine der größten Herausforderungen sei es zudem, weltweit einheitliche Regelungen zur Gestaltung der Signale und eine spezielle Farbe für autonom fahrende Autos zu finden. Deshalb seien weitere Studien, die unter anderem die Akzeptanz von auf die Fahrbahn projizierten Zebrastreifen untersuchen, in Planung, so die wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Selbstversuch mit autonom fahrendem Auto
3:05 Min.

Undercover-Einsatz

Zeit, selbst zu erfahren, wie sich der Unsichtbare in H. G. Wells’ Science-Fiction-Roman gefühlt haben muss. Zunächst nehmen jedoch nur wenige im Vorübergehen Notiz vom vermeintlich leeren Fahrersitz. Zu stark ziehen die blinkenden LEDs die Blicke auf sich. Das ändert sich, als wir einen Drive-in ansteuern. Statt die bestellten Pommes zu überreichen, schiebt die Bedienung panisch die Scheibe wieder zu. Allerdings können ihr auch die herbeigerufenen Kolleginnen nicht helfen. Erst als wir die Situation aufklären, beruhigen sich die Damen wieder.

Deutlich gelassener reagiert das Personal der nahe gelegenen Waschstraße. Da die LED-Leiste nicht wasserdicht ist, muss sie vorher abmontiert werden. Trotzdem nimmt der Kölner Besitzer das fahrerlose Treiben gelassen hin, zieht den vorbereiteten 10-Euro-Schein aus dem Scheibenspalt und beginnt, den Ford abzuspritzen. Hinterher erfahren wir, dass er einen TV-Streich hinter dem fahrerlosen Auto vermutete und einfach mitspielte.

Tatsächlich wäre eine Computer-stimme, wie sie K.I.T.T. in der 80er-Serie “Knight Rider„ hatte, hier hilfreich gewesen. Doch bevor Autos mit uns reden können, müssen sie erst mal die Zeichensprache beherrschen.

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