VW Vorstandsvorsitzender Herbert Diess Volkswagen

Digitalisierung bei Volkswagen

VW will Software-Spezialist werden

Bis 2025 braucht VW mehr als 5000 Software-Experten, weil bis 2030 die Hälfte aller Entwicklungen im Konzern im digitalen Bereich liegen.

VW-Konzernchef Herbert Diess rüttelt am Althergebrachten: „Wir beginnen, uns vom reinen Autohersteller zum softwaregetriebenen Unternehmen zu wandeln“. Ein gutes Beispiel ist der Klassiker Golf: das aktuelle Modell hat zwischen 50 und 100 Millionen Zeilen an Software-Codes. Das wird sich weiter steigern. Ein vollkommen autonom fahrendes Fahrzeug wird nach VW-Auskunft eher eine Milliarde Code-Zeilen benötigen.

Aktuell ist der Status quo, dass die Entwicklung von Software, Services und Diensten im Konzern über die Marken und viele Beteiligungen verstreut ist. Folglich gibt es auch kaum Synergien. Das VW-Imperium benötigt aber konzernübergreifenden Software-Lösungen, die als Basis für das gern genannte „Kundenerlebnis“ dient oder regelmäßige Software-Updates „over the air“ in die Fahrzeuge der Kunden zu Hause leisten kann.

Digitalisierung läuft auf Hochtouren

Deshalb gibt der Konzern kräftig Gas bei der Digitalisierung und will schon bald erste Ergebnisse liefern. Um 2020 Software-Lösungen wie Apps präsentieren zu können, lässt Volkswagen seine aktuell 20.000 Entwickler weiterbilden. Diese arbeiteten bis dato zu 90 Prozent an Hardware, sagte Diess, „bis 2030 wird sich das radikal ändern. Software wird die Hälfte der Entwicklungsleistung ausmachen“.

VW Software-Vorstand Christian Senger
Volkswagen
Seit 1. März 2019 ist Christian Senger Mitglied des Vorstands der Marke Volkswagen Pkw für das neu geschaffene Ressort Digital Car & Services.

Diess erster Schritt war eine Personalie: Seit März ist Christian Senger Software-Vorstand der Marke Volkswagen und leitet das Ressort Digital Car & Services. Damit spaltete Herbert Diess im Unternehmen die Entwicklung von Hardware und Software auf. Und lieferte auch hier ein Beispiel. So sei beim Anlauf des neuen Golfs bemerkt worden, dass die Vernetzung der unterschiedlichen Steuergeräte heute viel zu komplex sei. Die 70 Steuergeräte von rund 200 unterschiedlichen Lieferanten führte man zu drei Zentralrechnern im Auto zusammen, so der Konzern-Chef. „Wir sind Plattform-Profis in der Hardware und übertragen diese Kompetenz nun auf die Softwareentwicklung“, ergänzt Christian Senger. „Wir werden Software mit einheitlichen Basisfunktionen für alle Konzernmarken entwickeln und können damit die Komplexität enorm reduzieren. Perspektivisch nutzen wir die Skalenvorteile unseres Konzernverbundes. Dies ist gerade im Bereich der Software besonders sinnvoll und führt zu enormen Kostenvorteilen.“

90 Prozent aller künftigen Innovationen werden aus Software-Verbesserungen generiert – und damit will auch Volkswagen entsprechend Umsatz und noch vielmehr Gewinne erwirtschaften. „Während wir bisher in 7-Jahres-Lebenszyklen gedacht und gearbeitet haben, müssen wir künftig in Wochen- oder sogar Tagesschritten denken lernen“, erläuterte Diess. „Wir müssen unsere Fahrzeuge mit einer Software-Welt beleben, die einer viel schnelleren Taktung folgt“.

Ausbildung von Software-Entwicklern

Viel Arbeit wartet somit auf die Marke. Und sie braucht dazu schnell qualifiziertes Personal. Deshalb rief VW für die weitere Qualifizierung der eigenen Truppen die „Fakultät 73“ ins Leben. Das Programm ist mit 100 Teilnehmern gestartet und soll diese innerhalb von zwei Jahren zu Software-Experten ausbilden. Die Teilnehmer erhalten eine hochwertige Software-Ausbildung an der Auto-Uni in Wolfsburg mit intensiven Programmierschulungen und sind nach dem Abschluss „geprüfter IT-Entwickler (Certified IT System Manager)“.

Doch das reicht noch nicht. Um mehr Tempo zu machen, verkündete Konzernboss Diess, auch weitere Lieferanten ganz oder zum Teil übernehmen zu wollen, die bisher Software an Volkswagen geliefert haben. Kurz vor Weihnachten 2018 hatte VW zwei Zukäufe bekannt gegeben. Mit 75,1 Prozent beteiligte sich VW an dem Telematik-Spezialisten Wireless Car, einer Volvo-Tochter, die weltweit schon 3,5 Millionen Autos über ihr System vernetzt. Und mit 49 Prozent an dem E-Commerce-Spezialisten Diconium aus Stuttgart, der auch mit Daimler schon ein erfolgreiches Projekt realisierte.

Eigene Betriebssoftware in der Entwicklung

Mit all den Zukäufen und Ausbildungsprogrammen will es VW schaffen, bis 2025 mehr als 5.000 Experten in Kompetenzbereichen wie der Software-Entwicklung, Elektrik- und Elektronikentwicklung, Konnektivität, automatisiertes Fahren, User Experience (UX), Cloud-Architektur und E-Commerce in einer Einheit namens „Car.Software“ zusammenführen. Sie werden dort in fünf Kernbereichen zusammenarbeiten und markenübergreifende Umfänge entwickeln.

Ziel ist es, sich an den Anforderungen der innovativen Softwareentwicklung zu orientieren. Volkswagen wird hierzu flexible Arbeitsmodelle, neueste Technologien der Kollaboration und agile Formen der Zusammenarbeit einbringen. Noch in diesem Jahr werden rund 500 Experten in dieser agilen Software-Einheit zusammenarbeiten, 2020 sollen es bereits rund 2.000 sein.

VW Logo
VW
Neues Logo, neuer Weg: VW arbeitet an der Entwicklung eines eigenen Betriebssystems.

So schnell wie möglich wollen Konzernchef Diess und sein neuer Software-Chef Christian Senger das geplante Betriebssystem mit dem Namen „vw.OS“ serienreif entwickelt haben. Und wollen damit – ähnlich den Betriebssystemen iOS oder Android in Mobilgeräten – einen Software-Standard setzen, auf dem später die vielfältigen Software-Angebote des Konzerns fußen sollen. Auf der Software-Seite hingegen arbeitet Volkswagen aktuell mit acht verschiedenen elektronischen Architekturen. Dabei will Senger eher eine Lösung schaffen, wie sie Google mit Android bietet. Egal, ob das Smartphone 120 oder 1.200 Euro kostet, das eingesetzte Android ist stets dasselbe. So soll auch das VW-OS funktionieren.

Tatsächlich kann sich Senger sogar vorstellen, Android im Bereich der Mensch-Maschine-Schnittstelle zum Einsatz zu bringen, um den Nutzern so zum einen Zugriff auf das breite Anwendungsportfolio des beliebten OS zu ermöglichen und zum anderen eine Plattform für die Entwicklung der eigenen Apps für die Fahrzeuge zu haben, die wiederum standardisiert und breit verfügbar ist.

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