Alfa Romeo 159 Sportwagon 3.2 JTS V6 im Test

Kombi-Lohn

Foto: Hans-Dieter Seufert 15 Bilder

Sehen lassen kann er sich. Wichtiger ist, dass ihn die Kunden nicht stehen lassen. Vom Erfolg des 159 Sportwagon hängt für Alfa Romeo viel ab. Im Test die Topversion 3.2 JTS mit 260-PS-V6 und Allradantrieb.

Alfa, die eine Seite: zu Hause im Souterrain der deutschen Zulassungsstatistik; nur 10 915 ausgelieferte Autos im vergangenen Jahr. Im aktuellen will der neue Deutschland- Chef Ulrich Mehling allerdings 19.000 Verkäufe ins italienische Hauptquartier melden, darunter 3.500 Stück von der 159 Limousine und 7.000 vom Sportwagon. Ehrgeizig muss sein.

Alfa, die andere Seite: zwar eine kleine Marke, aber mit großer Aura. Die Rennsiege, die Schönheitspreise, die anrührenden Geschichten über jene treuen Firmen-Groupies, die sich Alfisti nennen. Jedes aktuelle Modell muss diesen Alfa-Mythos transportieren, wie ein historisches Stückgut. Genau an dieser Stelle deutet sich beim 159 Sportwagon ein Problem an. Wäre das alles echtes Gepäck, äh, wohin damit? Schon die Zuladung ist mäßig, mit fünf Leuten an Bord bleiben kaum mehr als 60 Kilo für Ballast übrig. Aber selbst wenn der Fahrer allein im Sportwagon sitzt – der starke Dacheinzug und die schräg stehende Heckscheibe verhindern das Gütesiegel „geeignet für den Transport der neuesten Wäschetrockner- Generation“, mit dem die Rivalen von Audi, BMW und Mercedes aber auch nicht werben können.

Allerdings lassen sich beim Alfa die hinteren Sitzflächen nicht umklappen, nur die Rücklehnen. Eine schräge Lösung, denn statt einer ebenen Ladefläche entsteht so eine Art Gepäckrampe. Und die mit 78 Zentimetern extrem hohe Ladekante, über die alles gehievt werden muss, hat sich vermutlich ein Hobby- Gewichtheber in der Designabteilung einfallen lassen, der auch unterwegs stets im Training bleiben will. Das kann all jenen eher egal sein, die ohnehin bloß zu zweit unterwegs sind und statt ganzer Tiefkühltruhen nur eine Wochenration Tiefkühlware in einen maximal attraktiven Einkaufswagen packen wollen.

Denn wie das neue Brera-Coupé ist der Sportwagon definitiv ein Alfa mit hohem Wow-Effekt. Wer tanken muss – und bei unanständigen 15,6 Liter pro 100 Kilometer Testverbrauch kommt das häufig vor –, sollte das entweder nachts tun oder viel Zeit mitbringen: Es dauert einfach, wenn die Fahrer automobiler Standardware von ihren Zapfsäulen herüberkommen, Komplimente formulieren, dem 159 in das markante Gesicht mit den sechs Augen und der riesigen Chrom-Kühlernase blicken und endlich fragen, ob sie mal Probe sitzen dürfen. Auch innen ist der Sportwagon eine Schau, verschwenderisch ausgestattet mit Aluminium-Dekor auf Mittelkonsole und Lenkrad. Und mit liebevoll gezeichneten Instrumenten in tiefen Höhlen, in denen hängende Zeiger nach oben schnellen, sobald der Chip im Schlitz neben dem Lenkrad steckt und der Startknopf „andiamo“ in Richtung Maschinenraum befiehlt – auf geht’s.

Der neue 3,2-Liter-V6 stammt zwar im Kern von der australischen GM-Tochter Holden, doch die Alfa-Ingenieure haben ihn nach Art des Hauses verfeinert. Den Gänsehaut-Effekt des legendären Vorgänger-Sechszylinders bietet der neue zwar nicht: Er hängt nicht so spontan am Gas, dreht nicht so gierig hoch, und seine Stimme ist längst nicht so rauchig. Aber er erledigt seinen Job ordentlich.

Der Direkteinspritzer hat zehn PS mehr als sein Vorgänger und statt 300 jetzt 322 Nm Drehmoment. Von 2000 bis 6000 Touren liegen immer mindestens 300 Nm an. Für den Sprint auf Tempo 100 braucht er fast eine Sekunde länger als im leichteren Brera, aber 7,4 Sekunden sind okay. 237 km/h Spitze auch.

Der Verbrauch – fast drei Liter mehr pro 100 Kilometer als der BMW 330 xi Touring – ist es überhaupt nicht. Auf dem Testgelände fährt der Sportwagon gute Noten ein. Die Lenkung? Ist alfatypisch direkt, nur bei schnellen Rechts-Links-Haken geht die Rückmeldung an den Piloten etwas verloren. Die Bremsen? Richtig gut, auch halten sie ihr Niveau bis zur zehnten Vollbremsung. Die Schaltung? Sortiert die sechs Gänge problemlos. Ein Alfa, auch dieser, ist immer ein Auto, das Fahren direkt in Fahrspaß verwandelt. „Ich bin nicht nur gut anzusehen“, scheint er zu sagen, „ich will mich auch mal austoben.“ Beim verwindungssteifen 159 kommt dazu, dass er sich in Kurven kaum neigt, dass er schwerer ist und satter liegt als seine Vorfahren. Das wirkt sehr souverän.

Auch der Allradantrieb mit dem selbstsperrenden Torsen-Mitteldifferenzial macht sich sofort Freunde. Im Normalfall schickt er 57 Prozent des Antriebsmoments an die Hinterräder. Diese heckbetonte Auslegung und die sehr gute Traktion passen zum sportlichen Ehrgeiz jener Alfa- Fahrer, die durchdrehende Vorderräder und Gummi-Tattoos auf dem Asphalt noch nie besonders lässig fanden. Dass das elektronische Stabilitäts- Programm relativ spät eingreift, kommt da gerade recht. Selbst wenn der neue 159 Sportwagon im Handling nicht mehr ganz so spontan wirkt wie sein Vorgänger, im Federungskomfort ist er eine Klasse besser als der 156.

Eine Klasse für sich ist er, verglichen mit dem T-Modell der Mercedes C-Klasse oder dem Audi A4 Avant, trotzdem nicht. Doch der Sportwagon-Fahrer muss sich schon fiese Querfugen aussuchen, um über mangelnde Arbeitsmoral der Vorderachse jammern zu können. Das kann er dann über andere Dinge. Die Verarbeitung zum Beispiel. So beeindruckend solide die Karosserie an sich wirkt, eine Antwort auf folgende Fragen will einem nicht einfallen: Warum lassen sich Alu-Zierleisten nicht präzise auf einer Höhe montieren?

Und wieso ist eine A-Säule innen so knapp verkleidet, dass sich das dahinter liegende Füllmaterial in der Windschutzscheibe spiegelt? Das sind Kleinigkeiten, aber Alfa will Premium sein. Da kommt es auf Kleinigkeiten an. Schade deshalb, dass im 21. Jahrhundert das Deutschland-Datenmaterial fürs Navi noch auf zwei CDs ausgeliefert wird – auf denen der Laser auch noch ständig nervös herumscratcht –, während andere ganz Europa auf eine DVD packen. So was lässt sich ändern.

Anderes sollte bitte schön so bleiben, wie es ist. Die sehr gute Sicherheitsausstattung inklusive Kniebag zum Beispiel, die dem 159 auch fünf Sterne im Euro-NCAP-Crashtest brachte. Oder die stille Freude, die ein strikt fahrerorientiertes Cockpit auslöst, in dessen Instrumenten statt schnöder Symbole auch noch Wörter stehen wie „Acqua“, „Benzina“ und „Olio“.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • hohe Verwindungssteifigkeit
  • hochwertige Materialien
  • gut ablesbare Instrumente
  • teils unpraktische Bedienung
  • eingeschränktes Raumangebot
  • geringe Zuladung
  • Verarbeitungsmängel
Fahrkomfort
  • akzeptable Grundfederung
  • bequeme Sitze vorn
  • wenig Komfort auf Querfugen
Antrieb
  • gute Fahrleistungen
  • exakte Schaltung
  • geringe Reichweite
  • eingeschränkte Drehfreude
Fahreigenschaften
  • neutrales Kurvenverhalten
  • sehr gute Traktion
  • agiles Handling
  • direkte Lenkung
  • empfindlich bei Spurrillen
Sicherheit
  • standfeste Bremsen
  • gute Sicherheitsausstattung
Umwelt
  • sehr hoher Verbrauch
Kosten
  • gute Serienausstattung
  • hohe Anschaffungskosten
  • hohe Unterhaltskosten

Fazit

Klasse Design, reichlich Leistung, viel Traktion und gute Bremsen stehen auf der Habenseite. Dagegen stehen die geringe Zuladung, der extrem hohe Verbrauch und Mängel in der Verarbeitung.

Technische Daten
Alfa Romeo 159 Sportwagon 3.2 JTS V6 24V Q4 Progression
Grundpreis 37.100 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4660 x 1830 x 1452 mm
KofferraumvolumenVDA 445 bis 1235 l
Hubraum / Motor 3195 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 191 kW / 260 PS bei 6300 U/min
Höchstgeschwindigkeit 237 km/h
0-100 km/h 7,4 s
Verbrauch 11,6 l/100 km
Testverbrauch 15,6 l/100 km
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