Alfa Romeo 166 2.0 TS im Test

Alfa Romeo fährt wieder auf der Strasse der Sehnsucht. Mit dem neuen 166 will die Fiat-Tochter endlich über ihre Mauerblümchenrolle in der oberen Mittelklasse hinauswachsen. Im Test: das Basismodell mit Zweilitermotor.

Hat sie der Mut verlassen, die Alfa-Designer, die mit dem 156 einen hinreißenden Blickfang schufen? Ihr neuestes Werk, der Nachfolger des 164, erregt beim Publikum nicht halb soviel Aufsehen. Wer ihn zur Kenntnis nimmt, und das sind vornehmlich die Fahrer des Vorgängermodells, bescheinigt ihm elegante Linien, aber nicht die stilistische Extravaganz des kleineren Bruders. Dahinter steckt natürlich Absicht. Die Oberklasse-Kundschaft, meist älter und konservativen Zuschnitts, wird von zurückhaltenden Formen eher angesprochen. Und von Allerwelts- Design kann schließlich auch beim neuen 166 nicht die Rede sein. Fast schon coupéhaft wirkt die Alfa Limousine, wozu auch die langen, ungeteilten hinteren Seitenfenster beitragen, die dafür den Nachteil haben, daß sie sich nicht vollständig versenken lassen. Die sanft abfallende Dachpartie beschert Fondpassagieren, die länger sind als 1,80 Meter, eine knappe Kopffreiheit, aber ansonsten haben es die Mitfahrer auf der Rückbank gut. Weich gepolstert und eindeutig auf nur zwei Personen zugeschnitten, bietet sie einen guten Sitzkomfort. Auch die Beinfreiheit, optisch eingeschränkt durch die ungewöhnlich üppige Sitztiefe von 560 Millimetern, entspricht dem, was in dieser Klasse üblich ist.

Das gilt auch für den glattflächigen, gut nutzbaren Kofferraum, der mit 490 Litern umfangreichem Reisegepäck gewachsen ist. Nur schwer sollte es nicht sein. Die erlaubte Zuladung ist mit nur 368 Kilogramm eindeutig zu gering ausgefallen. Sehr lange Sitzflächen haben auch die vorderen Sessel, was für kurzbeinige Figuren zum Problem werden kann. Allen anderen paßt die Sitzposition, zumal sich auch das Lenkrad in zwei Ebenen verstellen läßt. Die Sitze selbst bieten befriedigende Seitenführung und, als liebevolles optisches Detail, ein sauber eingesticktes Alfa- Wappen in der Lehne. Generell läßt das Innenraumdesign erkennen, daß das Auge des Alfa-Fahrers erfreut werden soll. Die zarten Chromränder um die Rundinstrumente sind dafür ebenso ein Beispiel wie der im Holzlenkrad (540 Mark) sichtbare Metallstreifen – fast wie zu den Zeiten, als Nuvolari noch für Alfa fuhr. Ganz neuzeitlich dagegen die Ergonomie der Bedienung von Klimaanlage, Bordcomputer und Radio sowie auf Wunsch von Telefon und Navigationssystem. 

Dafür gibt es, ähnlich wie bei der neuen S-Klasse von Mercedes, ein Kontrollsystem mit Bildschirm (siehe Seite 18), das nach einer kurzen Eingewöhnung keine Rätsel aufgibt. Und die Qualität, das ewige Sorgenkind von Alfa Romeo, von dem die Firma bei der Vorstellung eines jeden neuen Modells behauptet, sie habe seine Erziehung jetzt voll im Griff? Das Aussehen der im Interieur verwendeten Materialien läßt hoffen, auch der subjektive Eindruck, der bei der Bedienung, beim Fühlen und Tasten, entsteht und für den sich der neuzeitliche Begriff Haptik eingebürgert hat.

Störende Karosseriegeräusche auf schlechten Straßen glänzten beim Testwagen durch Abwesenheit. Gute Aussichten also, auch wenn ein Alfa, wie sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt hat, für Überraschungen gut sein kann. Die bleiben, ganz im positiven Sinne, aus, was die Fahrqualitäten des neuen Flaggschiffs angeht. Alfa Romeo hat traditionell eine Vorliebe für aufwendig konstruierte Hinterachsen und beherrscht den Frontantrieb bemerkenswert souverän – dafür liefert auch der 166 wieder ein Beispiel. Antriebseinflüsse sind zumindest beim nur 155 PS starken Basismodell kaum zu spüren, die Lenkung arbeitet leichtgängig und vermittelt ein präzises Gefühl für die Fahrbahn. Schon damit ist für ein Handling gesorgt, das im Kreis der Limousinen dieser Größenordnung mit zum Besten gehört. Ein übriges tut das Eigenlenkverhalten in schnell gefahrenen Kurven.

Von frontantriebstypischem Untersteuern kann keine Rede sein. Der Alfa bleibt auch bei hoher Querbeschleunigung nahezu neutral und reagiert auf Gaswegnehmen nur mit einem ganz leichten Ausschwenken des Hecks – gerade recht, um sauber auf der gewünschten Linie zu bleiben. Der bemerkenswert gute Grip der angetriebenen Vorderräder bestätigt sich bei voller Beschleunigung in engen Kurven. Selbst auf nasser Straße bringt der 166 seine Leistung gut auf den Boden, und bei Trockenheit bedarf es schon eines ziemlich rücksichtslosen Umgangs mit dem Gaspedal, um dem entlasteten, kurveninneren Vorderrad einen entrüsteten Kiekser zu entlocken. Trotz der guten Traktion gibt es auf Wunsch eine Antriebsschlupfregelung (400 Mark). Sie muß nur selten eingreifen, und wenn sie es tut, dann sehr zurückhaltend und ohne die Leistung so stark zurückzunehmen, daß der Vortrieb darunter leidet. 

Dank der Präzision des Fahrverhaltens und der hohen aktiven Sicherheit, zu der allein die nur durchschnittliche Kaltverzögerung der Bremsen nicht passen will, ist es ein Vergnügen, mit dem Alfa auf kurvenreichen Straßen unterwegs zu sein. Daran ändert auch die Federung nichts, die, ganz dem sportlichen Charakter des 166 und der Alfa-Philosophie entsprechend, über eine straffe Abstimmung verfügt. Die macht sich vor allem bei geringem Tempo bemerkbar. Da wirkt das Abrollen über Unebenheiten etwas steifbeinig, aber das Ansprechen der Federung bessert sich mit zunehmender Geschwindigkeit. Was bleibt, ist eine spürbare Stuckerneigung beider Achsen auf kurzen Unebenheiten, während lange Bodenwellen mit der gebotenen Geschmeidigkeit von der Federung absorbiert werden. Das zahlt sich bei hoher Reisegeschwindigkeit auf der Autobahn aus, wo der Alfa seinen Insassen ein gutes Komfortniveau zu bieten hat. Dafür sind auch die sehr geringen Windgeräusche und der unaufdringliche Klang des Motors verantwortlich. Obwohl die Gesamtübersetzung zugunsten spritziger Leistungsentfaltung so kurz gewählt wurde, daß der Motor bei Höchstgeschwindigkeit mit 6.600 U/min nahe an seine erlaubte Maximaldrehzahl von 7.000 U/min herankommt, wird er nicht störend laut.

Sein Arbeitsgeräusch tritt nur dann deutlich in Erscheinung, wenn er in den unteren Gängen voll ausgedreht wird, weil dabei die übrigen Fahrgeräusche nicht zu dessen Überlagerung beitragen. Der gesamte Habitus des 166 weckt erwartungsgemäß den Wunsch nach einem Sechszylinder, aber schlecht macht der Vierzylinder seine Sache nicht. Zwei Ausgleichswellen unterdrücken die freien Massenkräfte dieses Motorenprinzips – mit dem Ergebnis, daß das Triebwerk ausgesprochen vibrationsarm läuft und damit eine für Vierzylinder-Maßstäbe sehr gute Laufkultur bietet. Wünschen würde man sich eine bessere Durchzugskraft im Drehzahlbereich bis 3.000 U/min, in dem die Maschine reichlich lethargisch wirkt. Obwohl der Motor deshalb bei schneller Fahrt auf einem hohen Drehzahlniveau gehalten werden muß, hält sich der Verbrauch mit durchschnittlich 10,5 Liter/ 100 Kilometer in Grenzen. So gibt es keinen Zweifel, daß Alfa Romeo mit dem 166 die mit Abstand beste Limousine der Firmengeschichte geschaffen hat. Und das zu einem Preis, der gute Voraussetzungen für einen Erfolg schafft. Bonne route.  

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • befriedigendes Raumangebot
  • großer Kofferraum
  • geschmackvolles Interieur
  • reichhaltige Ausstattung
  • unpraktische Türgriffe
  • geringe Zuladung
Antrieb
  • vibrationsarmer Motorlauf
  • hohes Drehvermögen
  • leichtgängige und exakte Schaltung
  • gut abgestuftes Getriebe
  • unbefriedigende Durchzugksraft bei niedrigen Drehzahlen
Fahrkomfort
  • bequeme Sitze
  • geringe Windgeräusche
  • gutes Ansprechen der Federung auf langen Wellen
  • Stuckerneigung auf kleinen Unebenheiten
  • mäßiger Langsamfahrkomfort
Fahreigenschaften
  • sehr gute Handlichkeit
  • sportliches Kurvenverhalten
  • gute Traktion
  • präzise Lenkung
Sicherheit
  • gute Sicherheitsausstattung
  • kein Bremsfading
  • nur mäßige Kaltverzögerung
  • Kopfstützen im Fond zu niedrig
Kosten
  • günstiger Anschaffungspreis
  • lange Inspektionsintervalle
  • teure Vollkaskoversicherung
  • nur ein Jahr Garantie
  • dünnes Servicenetz
Umwelt
  • erfüllt D3-Abgasnorm
  • angemessener Benzinverbrauch
Technische Daten
Alfa Romeo 166 2.0 T.Spark
Grundpreis 26.843 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4720 x 1815 x 1416 mm
KofferraumvolumenVDA 490 l
Hubraum / Motor 1970 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 114 kW / 155 PS bei 6400 U/min
Höchstgeschwindigkeit 213 km/h
0-100 km/h 10,7 s
Verbrauch 9,7 l/100 km
Testverbrauch 10,5 l/100 km
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