Aston Martin V12 Vanquish im Test

Cool Britannia

Mit dem 446.000 Mark teuren, 460 PS starken Vanquish wagt der kleine britische Hersteller Aston Martin den Sprung vom Bastelbetrieb zur High-Tech-Schmiede.

Der Respekt vor altem Adel ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Wo derVanquish gestern Abend noch bequem eine Parklücke am Straßenrand fand, sind die Autos am nächsten Morgen auf Tuchfühlung an das teure Blech herangerückt. Den Begleiterscheinungen der Vermassung, nach dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz eine der sieben Todsünden der zivilisierten Menschheit, können offenbar selbst die rarsten und vornehmsten Vertreter jeder Spezies kaum noch entkommen. Dabei tauchen die Modelle der 1914 gegründeten britischen Nobelmarke Aston Martin hier zu Lande kaum häufiger auf als das Ungeheuer von Loch Ness. Gerade ein Drittel der Produktion ging bisher in den Export. Dass im letzten Jahr immerhin gut 1.000 Autos gebaut und verkauft werden konnten, ist allein dem 1994 vorgestellten Einstiegstyp DB7 zu verdanken. Selbst wenn tatsächlich 300 Stück vom doppelt so teuren Vanquish künftig hinzukommen sollten, wird ein Aston ein sehr exklusives Vergnügen bleiben.

Ein sehr britisches ist es überdies, denn gegenüber den etwas exaltierten, meist roten Ferrari trägt der in dezentem Grau lackierte Testwagen seine Kraft mit landestypischem Understatement zu Markte. Seine von Ian Callum meisterhaft gezeichnete Karosse besticht durch perfekte Proportionen und strenge Disziplin, auf Machogehabe wurde ebenso verzichtet wie auf effektheischende Schriftzüge. Nur für die Passagiere gibt er sein Inkognito auf, wenn sie über die in Aluminium gravierten Lettern V12 Vanquish am Schweller den Innenraum betreten und in den betörenden Duft gegerbter Tierhaut eintauchen, der sich wie Weihrauch auf ihr Haupt legt.

Sie dürfen es beim Einsteigen aufrecht tragen und müssen dabei nicht einmal besonders gelenkig sein, denn im Gegensatz zu anderen Sportwagen-Herstellern hat es Aston Martin stets als unwürdig befunden, seine Kunden Tag für Tag zu erniedrigen. Eine akzeptable Höhe (1,32 Meter) gehört ebenso zur Seriosität der Marke wie komfortable Sitze und ein reisetauglicher Kofferraum. Hintere Notsitze anstelle der Gepäckablage gibt es aber nur noch als 16.000 Mark teure, mangels Beinraum entbehrliche Option. Auch von der Pracht hochglanzpolierten Walnussholzes gilt es sich zu verabschieden. Der neuen High-Tech-Ausrichtung entsprechend dominiert nun im Innenraum blankes Aluminium – an Lenkrad, Pedalen, Türgriffen und vor allem der Mittelkonsole. Ihre Gestaltung setzt die kühle Eleganz des Designs überzeugend fort, während der Zündschlüssel, die Lüftungsgitter sowie die Plastikhebel und -schalter (von Jaguar und Volvo) in diesem hochnoblen Umfeld etwas deplatziert wirken.

Andererseits haben Einfluss und Kapital der Konzernmutter natürlich ihr Gutes. In Funktionalität und Verarbeitung zeigt der Vanquish unverkennbare Ford-Schritte, und technische Neuerungen wie Regensensor, Navigationssystem oder automatische Reifendruckkontrolle fließen leichter und schneller in die Serie ein. Der Preisklasse entsprechend ist die Ausstattung fürstlich, was nicht verhindert, dass ESP, Tempomat oder Sidebags ganz fehlen und die heizbare Frontscheibe oder ein Verbandkasten extra kosten. Ähnlich kleinlich wirken die chromgerahmten Instrumente mit eierschalenfarbenen Zifferblättern, sowohl wegen ihrer geringen Größe wie ihrer Zahl. Denn Anzeigen für Öldruck und -temperatur statt simpler Kontrollleuchten sind in Sportwagen dieses Kalibers sicher kein übertriebener Luxus, und wegen der breiten Mittelkonsole mangelt es auch an Fußraum. Ansonsten ist von den bequemen, hervorragend geformten Sitzen bis zur effektiven Klimatisierung alles an Bord, was man von einem hochklassigen Gran Turismo erwartet.

Ein Kupplungspedal fehlt indes ebenso wie ein Schalthebel, denn dieses Modell gibt es nur mit automatisiertem Sechsganggetriebe. Wer den Zündschlüssel rumdreht und sich wundert, dass der Motor keinen Ton von sich gibt, outet sich gleich als Anfänger. Um den gewaltigen Zwölfzylinder mit sechs Liter Hubraum, vier oben liegenden Nockenwellen und 48 Ventilen zum Leben zu erwecken, müssen die beiden Schaltwippen zum Lenkrad gezogen und dann der rote Knopf mit der Aufschrift Engine gedrückt werden. Was darauf folgt, wird man so schnell nicht vergessen. Ohne Verzug nimmt ein vielstimmiges Orchester den Spielbetrieb auf und schmettert alsbald einen donnernden Fanfarenstoß hinaus, auf dass die Fensterscheiben der Umgebung erzittern. Beim ersten Grollen blicken die Leute nach oben, es klingt nach dunklen Wolken und schwerem Regen. Dabei ist der Leerlauf doch nur die Ouvertüre.

Sein volles Repertoire entfaltet das Alutriebwerk erst, wenn der rechte Zeigefinger einen Gang aktiviert und die elektromagnetische Kupplung den Kraftschluss hergestellt hat. So schnell, wie der Sound vom drohenden Fauchen über ekstatisches Stampfen zum martialischen Triumphgeheul übergeht, mahnt die Nadel des Drehzahlmessers einen Gangwechsel an. Erst bei 96 km/h ist der erste ausgereizt und die Kupplung gefordert, weshalb die magische Fünf-Sekunden-Hürde für den Spurt von null auf 100 km/h knapp verfehlt wird (5,6 s). Der erste Versuch mit abgeschalteter Traktionskontrolle droht in Rauch aufzugehen. Optimale Ergebnisse lassen sich nur erzielen, wenn knapp 3.000 Touren anliegen, bevor man die Bremse freigibt. Doch selbst wenn am Schluss womöglich noch ein paar Zehntelsekunden auf der Strecke bleiben und neben jedem Ferrari auch der viel billigere Porsche Carrera am Vanquish vorbeisprintet: Die gemessene Beschleunigung und die Höchstgeschwindigkeit verschaffen Anerkennung bis in die verwöhnteste Expertenrunde.

Wichtiger dürfte der betuchten Klientel ohnehin sein, mit welcher Laufkultur und Leichtigkeit der V12 die schon leer fast 1,9 Tonnen schwere Karosse antreibt. Vor allem im Bereich des höchsten Drehmoments (542 Nm bei 5.000/ min) gleicht der Durchzug einem Naturereignis, das vom sehr schnellen, ruckfrei schaltenden Getriebe nur für einen Wimpernschlag unterbrochen wird. Bis auf die Kupplung, die beim Anfahren etwas ruppig greift, gehört es mit seinen drei Schaltprogrammen zu den derzeit besten seiner Art. Auch beim Fahrwerk gibt der Vanquish zu erkennen, dass bei Aston Martin die Neuzeit angefangen hat. Nach Leistung, Größe und Gewicht ist er zwar ein Bolide, aber keiner mehr von der schwerfälligen Art seiner V8-Vorgänger. Abgesehen von der etwas üppigen Breite und der sehr flachen, besonders bei Kurvenfahrt störenden A-Säule offenbart er eine Handlichkeit, die ihn auch in der Stadt und auf windigen Landstraßen nicht deplatziert erscheinen lässt.

Überzeugender spielt er freilich die Rolle des Gran Turismo, denn die entspannte Sitzposition, geringe Wind- und Abrollgeräusche sowie ein stoischer Geradeauslauf machen selbst lange Autobahnetappen zum Genuss. Die extrem wirksamen, jedoch nicht ganz so präzise dosierbaren Bremsen stehen der gebotenen Leistung in nichts nach, während das Fahrverhalten mit den breiten Yokohama-Reifen auf Nässe Umsicht und behutsamen Leistungseinsatz fordert. Im normalen Betrieb ist es jedoch völlig problemlos. Das und vielleicht mehr mag es auch bei Autos wie dem neuen Mercedes SL geben, aber nicht das unnachahmliche Flair von Individualität und handwerklicher Fertigung. Sie macht den Vanquish sehr exklusiv und sehr teuer, und obendrein ist er durch und durch englisch. Diese Eigenschaften kann man je nach Geschmack schätzen oder ablehnen. Doch den Respekt versagen kann man dem jüngsten Spross aus altem Adel nicht. 

Fazit

Wie bei jedem Aston Martin fasziniert das Flair von Individualität und Handarbeit, doch darüber hinaus verbindet der Vanquish guten Reisekomfort mit hoher Fahrsicherheit und souveräner Kraftentfaltung. Die Laufkultur und Durchzugskraft des überarbeiteten V12 sind ebenso beeindruckend wie sein Sound. Der Kaufpreis ist enorm, der Verbrauch hoch.

Zur Startseite
Technische Daten
Aston Martin V12 Vanquish
Grundpreis 244.809 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4665 x 1923 x 1330 mm
Hubraum / Motor 5935 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 338 kW / 460 PS bei 6800 U/min
Höchstgeschwindigkeit 322 km/h
0-100 km/h 5,6 s
Verbrauch 16,7 l/100 km
Testverbrauch 17,8 l/100 km
Alle technischen Daten anzeigen
Noch nicht registriert?

Erstellen Sie jetzt Ihr kostenloses Profil und profitieren Sie als registrierter Nutzer von folgenden Vorteilen:

  • Exklusiver Zugriff auf alle Test- und Messdaten der Redaktion
  • 360°-Ansichten von Autos
  • Schneller PDF-Kauf
Kostenlos anmelden
Die neue Ausgabe als PDF
SUV 01/2019, Shibata R31 Roadhouse Suzuki Jimny Suzuki Jimny Tuning Monster Truck, G-Klasse-Kopie oder Land-Rover-Klon Kia Telluride Detroit Motor Show 2019 Kia Telluride SUV (2019) Neuer großer Korea-SUV mit acht Sitzen
Promobil
Luxemburg Wohnmobil-Tour Luxemburg Durch die Ardennen-Region Éislek Skydancer Apero (2019)
CARAVANING
Camping Tiroler Zugspitze Campingplatz-Tipp Zugspitze Camping an der Zugspitze Camping Porto Sole - Titel Campingplatz-Tipp Kroatien Camping Porto Sole
Anzeige
Alle Autos von A-Z
BMW oder doch VW?