Audi A6 2.4 im Test

Der neue A6 ist dazu bestimmt, das biedere Image seines Vorgängers abzustreifen. Aber die Limousine mit dem forsch gestylten Heck hat mehr zu bieten als optische Reize. Sie verhilft Audi zu einem der vorderen Plätze in der oberen Mittelklasse.

Aufrührerisch wirkt Peter Schreier nicht gerade. Auch für einen Design-Revolutionär würde man den Bayern eher nicht halten. Aber dann entschlüpfen dem Mann, der die Form des neuen Audi A6 zu verantworten hat, Sätze, die alarmieren: „Von Zeit zu Zeit muß eine Rebellion im Design stattfinden.“ Und konkret: „Mit dem A6 machen wir einen revolutionären Schritt nach vorn.“ Rebellion bei Audi? Eher wird Ferdinand Piëch zum Schutzheiligen der Gefeuerten, als daß Audi bewährte Design- Gepflogenheiten auf den Kopf stellt. Sollte man meinen. Schließlich ist die VW-Tochter mit ihrem konservativen Styling gut gefahren. Zur Beruhigung sei festgestellt, daß es so dramatisch, wie von Audi-Rebell Schreier angekündigt, dann doch nicht kommt.

Im Gegenteil: Der neue A6 fängt derart harmlos an, daß man ihn – von vorn gesehen – glatt mit seinem Vorgänger verwechseln könnte. Das dicke Ende folgt, sobald man sich der Heckpartie zuwendet. Die ungewohnten Perspektiven eines extrem flach auslaufenden Dachs und der weit nach außen verbannten Rückleuchten können schreckhaften Betrachtern in der Tat die Sprache verschlagen. Aber schon nach kurzer Gewöhnungsphase keimt der Verdacht, daß es sich hier um die Schokoladenseite des neuen A6 handeln dürfte. Ohne Zweifel gehört die Form zu den Hauptattraktionen des Audi. Mit ihren glatten Flächen und der sauberen Grafik aller Fugen und Linien wirkt sie frisch und hochwertig. Daß der subjektive Qualitätseindruck vom Design geprägt wird, weiß offensichtlich niemand besser als Audi. Aber auch objektiv gesehen gibt es am gehobenen Qualitätsanspruch nichts zu rütteln. Der Testwagen, noch aus der Vorserie, wies bereits die markentypische Solidität auf. Unerschütterliche Verwindungssteifigkeit, hochwertiges Plastik und feines Gewirk im Innenraum, alles sauber verarbeitet, verleihen dem A6 eine Güteklasse, um die ihn auch die Konkurrenten in München und Stuttgart beneiden dürften.

Zumal der neue Audi auch auf der Waage keine schlechte Figur macht. Das Testauto, mit dem neuen 2,4 Liter-V6-Motor ausgestattet, kam auf 1528 Kilogramm, 84 mehr als der dürftiger ausgerüstete Vorgänger A6 2.6. Viel hochfestes Blech, dazu Aluminium unter anderem für Motorhaube, Fensterrahmen und Armaturenträger sparen Gewicht, das teilweise in verbesserte Crashvorsorge gesteckt werden konnte. Auch die Abmessungen verzeichnen nur geringes Wachstum. Der neue A6 sieht stattlicher aus, ist aber nicht länger als der alte (479 Zentimeter). Die Zuwächse beschränken sich auf Höhe (zwei Zentimeter) und Breite (drei Zentimeter). Die Statur des neuen Modells profitiert vom gestreckten Radstand: sieben Zentimeter mehr als zuvor. Positiv macht sich der vergrößerte Abstand zwischen den Achsen auch im Innenraum bemerkbar. Seine Raumfülle plaziert den Audi an der Spitze seiner Klasse.

Im Fond genießen Mitreisende nun Platzverhältnisse, die fast an den großen A8 heranreichen, wobei dank großzügiger Innenbreite selbst drei Passagiere mit Anstand unterzubringen sind. An Kopfraum herrscht ebenfalls kein Mangel, was angesichts der coupéhaften Dachlinie überrascht. Wer nur ausnahmsweise mit fünfköpfiger Besetzung unterwegs ist, kann statt der dreisitzigen Rückbank eine auf zwei Personen zugeschnittene Alternative ordern (Aufpreis 750 Mark), die mehr Seitenhalt bietet, aber auf die dritte Kopfstütze verzichtet. Ein Riesenkofferraum (551 Liter, 422 Kilogramm Zuladung), auf Wunsch durch Umklappen der Sitzlehnen noch zu vergrößern (550 Mark), schluckt umfangreiches Reisegepäck.

Auch der Fahrer wird mitfühlend umsorgt. Die Vordersitze sind bequem, im Kern straff und verfügen über einen ungewöhnlich großen Verstellbereich. Die elektrische Sitzhöhenverstellung und ein axial sowie vertikal justierbares Lenkrad gibt es serienmäßig. Das Armaturenbrett präsentiert sich, typisch für Audi, reichhaltig instrumentiert, und auch die Bedienungselemente geben keine Rätsel auf, zumal das Licht nun mit einem Drehschalter eingeschaltet werden darf. Mehrere Ablagen und große, aufklappbare Türfächer bieten jede Menge Stauraum. Besonders die Klimatisierung dürfte den Kunden erfreuen: Ohne Mehrpreis beschert Audi allen A6 eine Klimaautomatik mit separater Temperaturwahl für Fahrer und Beifahrer, deren Regelung sogar den Sonnenstand ins Kalkül zieht. Ansonsten herrscht nüchterne Gediegenheit. Die stilistischen Extravaganzen des A6 beschränken sich auf das Äußere, woran auch das groß herausgestellte „Interieurkonzept“, bestehend aus drei Varianten, nichts ändert.

Was bei Audi hochtrabend Advance, Ambition und Ambiente genannt wird, reduziert sich auf unterschiedliches Make-up in Form verschiedener Farben und Bezüge. Zusätzliche Ausstattungsumfänge sind darin nicht enthalten, weshalb alle drei Varianten zum Serienpreis angeboten werden. Der Testwagen präsentierte sich als „Ambiente“, eine Geschmacksrichtung, die „dezente Eleganz“ mit „mediterraner Lebensfreude“ verknüpfen soll, sich aber auf tristes Grau in Grau beschränkte. Mehr Lebensfreude versprach da schon der 2,4 Liter-V6-Motor, der im A6 debütiert und sich als kleiner Ableger des 2,8 Liter-Fünfventilmotors zu erkennen gibt.

Interessant ist an dieser Variante auch der Preis: Die 165 PS starke Sechszylinder- Limousine kostet 56.800 Mark, womit sie die Konkurrenz gnadenlos in den Schatten stellt. Fürs gleiche Geld gibt es bei Mercedes gerade einen E 200. Erschwerend kommt hinzu, daß sich der kleine V6 als höchst angenehme Antriebsquelle herausstellt. In den üblichen Drehzahlbereichen läuft er ausgesprochen geschmeidig. Erst ab 5000/min machen sich dezent jene Vibrationen bemerkbar, die einem V6-Aggregat angeboren sind. Auch an Leistung fehlt es nicht, zumindest nicht in der Schmauchzone, die der 2,4 Liter- Motor bei knapp 3000/min erreicht. Darunter muß man sich mit verhaltenem Schub begnügen oder rechtzeitig herunterschalten, was mit der verbesserten Schaltung keine Mühe macht. Der Lohn sind Fahrleistungen auf dem Niveau eines 523i, für den BMW immerhin 3000 Mark mehr verlangt. Zur Leistungsklasse paßt der Verbrauch: Im Test verkostete der A6 2.4 durchschnittlich 11,5 Liter/100 Kilometer.

Da kann man sich den V6 getrost gönnen, zumal er dem kulti- vierten Charakter des A6 bestens gerecht wird. Das neue Fahrwerk, dessen Achsen eng mit denen des A4 und VW Passat verwandt sind, wurde ganz auf Komfort getrimmt. Entsprechend ausgeprägt ist das Federungsvermögen. Grobe Stöße werden souverän entschärft, und auch das sanfte Abrollen bei langsamer Fahrt beeindruckt. Weniger perfekt verarbeitet der Audi jedoch Querrillen auf Autobahnen, die den Vorderwagen zu leichtem Stuckern veranlassen. Auch eine Neigung zum Aufschaukeln bei schneller Fahrt auf stark ondulierten Straßen trübt etwas den Gesamteindruck. Doch das sind Nuancen. In der Komfort-Liga verdient der A6 auf jeden Fall einen Spitzenplatz, und den verdankt er nicht zuletzt seinem geradezu sensationell geringen Innengeräuschpegel.

Selbst bei Tempo 160 dringen nur 71 Dezibel an die Ohren des Fahrers, ein Niedrigstwert, der mit dem subjektiven Eindruck voll übereinstimmt. So leise ist es sonst allenfalls in der Luxusklasse. Was die fahrdynamischen Qualitäten betrifft, so entspricht der A6 weitgehend dem Standard moderner Fronttriebler. Er läuft sauber geradeaus und erledigt Kurven normalerweise leicht untersteuernd, um dann im Grenzbereich verstärkt über die Vorderräder zu schieben. Bei der angeborenen Frontlastigkeit des Audi (60,4 Prozent auf der Vorderachse) vermag letzteres nicht zu verwundern Die Lenkung arbeitet direkt und leichtgängig, was den A6 erfreulich handlich macht, während die serienmäßige Differentialsperre (EDS) ausreichende Traktionsreserven garantiert. Auch an den Bremsen gibt es nichts auszusetzen. Sie entsprechen dem guten Durchschnitt. Addiert man zu diesem Angebot noch die reichhaltige Serienausstattung, dann ist zumindest eines sicher: BMW und Mercedes dürfen sich Sorgen machen.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • sehr gutes Raumangebot, hervorragende Qualität, umfangreiche Ausstattung, großer Kofferraum
  • eingeschränkte Übersichtlichkeit
Antrieb
  • kultivierter V6-Motor, gute Fahrleistungen, leichtgängige Schaltung
  • mäßiges Durchzugsvermögen bei niedrigen Drehzahlen
Fahrkomfort
  • sehr niedriges Innengeräusch, bequeme Sitze, guter Federungskomfort, Klimaanlage ohne Aufpreis
  • leichte Neigung zum Stuckern
Fahreigenschaften
  • sicheres Kurvenverhalten, geringe Lastwechselreaktionen, ausgeprägte Handlichkeit, gute Traktion
  • deutliches Untersteuern im Grenzbereich
Sicherheit
  • Seitenairbags serienmäßig, Dreipunktgurte auf allen Plätzen, fünf Kopfstützen
  • nur durchschnittliche Bremsverzögerung
Kosten
  • günstiger Anschaffungspreis, 15 000 km-Wartungsintervalle, günstige Versicherungskosten
  • kurze Garantie (1 Jahr)
Umwelt
  • Einsatz wasserlöslicher Lacke, schadstoffarm nach Euro 2, Rücknahmegarantie, angemessener Verbrauch
Technische Daten
Audi A6 2.4
Grundpreis 31.300 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4796 x 1810 x 1453 mm
KofferraumvolumenVDA 551 l
Hubraum / Motor 2393 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 121 kW / 165 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 222 km/h
0-100 km/h 8,4 s
Verbrauch 9,8 l/100 km
Testverbrauch 11,5 l/100 km
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