Audi RS 4 gegen Mercedes C 55 AMG

Stern-Ringer

Foto: Hans-Dieter Seufert 30 Bilder

Muskulös sind sie beide. Doch kann der Audi RS 4 sein Leistungsplus und den Quattro-Bonus tatsächlich ausnutzen und den Mercedes C 55 AMG auf die Matte schicken?

Mittelklasse-Limousinen. Das klingt nach Vernunftentscheidung und Dienstwagen- Nutzungspauschale. Es sei denn, die Jungs von AMG oder der Quattro GmbH greifen befruchtend ein. Dann kann die Verbindung durchaus so vielversprechend werden wie beim Traumpaar Brad Pitt und Angelina Jolie, nur dass das freudige Ereignis dort noch ein paar Monate auf sich warten lässt. Bei Audi RS 4 und Mercedes C 55 AMG liegt der Fall anders. Sie brabbeln schon eine ganze Weile aus dem Auspuff. Ach was, brabbeln, eigentlich grollen die beiden V8 – und zwar schon im Leerlauf. Dazu duckt sich der RS 4 mit ausgestellten Kotflügeln auf 19- Zoll-Optionsrädern, scheint den knapp sitzenden Sportdress sprengen zu wollen.

Der gedopte Enkel des Baby-Benz kontert im AMG-Nadelstreifen-Anzug mit dezenten Spoilern und Schwellern sowie einer um 80 Millimeter verlängerten Frontpartie samt Pokerface à la CLK. Dahinter lauert der 367 PS starke, 5,4 Liter große AMG-V8-Sauger. Ein sanfter Tritt aufs Pedal genügt, und der hubraumstarke Dreiventiler schlendert in Comfort-Stellung flauschig- wandlerweich durch die fünf Gänge der Automatik, zoomt die C Klasse auf Tempo. 510 Newtonmeter Drehmoment betten entspanntes Cruisen auf eine solide Basis.

Aber bei entsprechendem Kickdown-Befehl federt der AMG – nach kurzer Verzögerung – wuchtig heraus. Im manuellen Modus dreht er mühelos bis 6700/min, stampft in fünf Sekunden auf 100, in weiteren 13 auf 200. Was eigentlich genügen sollte, um die Konkurrenz dumm aus der Wäsche gucken zu lassen, gäbe es da nicht die Quattro-Truppe in Neckarsulm. Sie hat dem ikonengleich verehrten Vorgänger mit 2,7-Liter- Biturbo-V6 einen V8 mit Hochdrehzahlkonzept hinterhergeschoben. Hochdrehzahlkonzept?Honda V-Tec – ick hör dir trapsen. Aber von wegen unten rum Luftpumpe, oben raus Halleluja. Die Sache mit der Hochdrehzahl ist nämlich kein Muss. Sondern eher ein Kann. Der scharf gemachte 4,2- Liter-Vierventiler attackiert bei Bedarf in jedem Drehzahlbereich. In jedem. Niedertouriges Gezuckel durch die Innenstadt: bitte sehr. Pendlertypisches Lückenhopping: na klar.

Augenwinkeltaxieren mit Ampelstart-Showdown: unbedingt! Schlupf: kaum. Ansprechverhalten: sofort. Sieg: gewiss. In nur 1,7 Sekunden steht die Tachonadel auf 50. Und wer sie nicht stets im Auge behält, steht ruck zuck mit beiden Beinen im Knast.

Also Vorsicht beim lustvollen Ausdrehen jenseits von 6500 Umdrehungen, wenn der Direkteinspritzer dieses frenetische Pochen bekommt, wie es sonst höchstens der V2-Motor in der Ducati Testastretta zustande bringt, wenn der Schalthebel wie von selbst durch die Gassen der Sechsgangschaltung klackt. Momente also, in denen bloß noch die StVO wie eine imaginäre Bleikugel am RS 4 hängt. Im Gegensatz zur unbeugsamen Straßenverkehrsordnung darf der Audi die Gesetze der Physik nämlich großzügig zu seinen Gunsten auslegen. Ein geschicktes Fahrwerks- Setup – Vorderachse mit vier Aluminium- Querlenkern und Trapezlenker- Hinterachse – wappnen ihn ebenso erfolgreich gegen lähmendes Untersteuern wie der modifizierte Allradantrieb.

Das neue Torsen C-Mittendifferenzial leitet im Normalfall 60 Prozent des Antriebsmoments nach hinten, bei Bedarf ist eine Momentverteilung von fast 100 zu Null und umgekehrt möglich. Der Mercedes muss dagegen das Beste aus permanenten 100 Prozent an der Hinterachse machen. Bei sehr sportivem Einsatz und abgeschalteter Traktionskontrolle verraucht mancher Newtonmeter hilflos am kurveninneren Rad. Da helfen auch elektronisch befohlene Bremseneingriffe als Differenzialsperren- Ersatz kaum weiter. Bei aktiviertem ESP stürzt sich der AMG kalkulierbar-sicher und nur mäßig untersteuernd in die Kurve, bekommt allerdings beim beherzten Herausbeschleunigen nach einem angedeuteten Heckschwenk sofort den bremsenden Ruck der Elektronik-Leine zu spüren. Erst wenn die Schlupfund Regelphase überwunden ist, dürfen sich die 245/35 ZR 18-Zöller effizient in den Asphalt krallen.

Insgesamt ist der rund 6500 Euro günstigere C 55 AMG damit die souverän- entspannte, niemals fordernde Power-Limousine. Das liegt auch an der – unter sportlichen Gesichtspunkten – akzeptabel filternden Federung und seiner konservativ ausgelegten Lenkung.

Sie ist gegenüber den C-Klasse- Geschwistern um sieben Prozent direkter ausgelegt, spricht aber speziell um die Mittellage etwas zögerlich an – jedenfalls im Vergleich zum RS 4, der alltagstauglichen Inkarnation eines Renn-Tourenwagens.

Sportliche Sitzposition in zupackenden Recaro-Schalen, spielfreie Mensch-Maschine-Schnittstellen, gewürzt durch die S-Taste am Lenkrad: Öffnende Extra-Auspuffklappen lassen den V8 furios ausatmen, die elektrisch verstellbaren Sitzwangen packen fester zu, die Drosselklappen schnappen noch zackiger. Der RS 4 scheint auf einer Briefmarke Pirouetten drehen zu können: ohne zickige Nervosität, übertriebene Härte oder verwässernde Filter, dafür mit einer Konsequenz, die dem Mercedes in kurvigem Terrain und auf dem auto motor und sport-Fahrdynamikparcours keine Chance lässt.

Egal ob auf der Bremse, in Kurveneingang, -scheitel oder -ausgang – wo der RS 4 ist, ist vorn. Straff abgestimmte Dämpfer und die Dynamic Ride Control – eine definierte Ölströmung zwischen den diagonal gegenüberliegenden Dämpfern – reduzieren Eintauchund Wankbewegungen. Im Gegenzug rollt der Audi herb ab, gestattet erst bei höherem Tempo einen einigermaßen bekömmlichen Komfort. Wer danach sucht, wird bei AMG etwas besser bedient.

Für alle anderen gibt es nur einen Grund, sich jetzt keine RS 4 Limousine zuzulegen: nämlich den, auf den Avant zu warten. Der steigt wie das starke Cabrio erst im Sommer in den Ring.

Fazit

1. Audi RS 4
497 Punkte

Furios ansprechender, drehfreudiger V8, agiles Handling, enorme Fahrsicherheit und Traktion als Pflicht, stilsicher-sportliche Ausstattung und frenetisch pochender Sound als Kür. So gewinnt man Herzen – und Tests.

2. Mercedes C 55 AMG
484 Punkte

Hubraumgewaltig, wuchtig, kultiviert und automatikgezähmt: Die starke C-Klasse bietet üppige Leistung und Dynamikreserven in gediegenem Ambiente. Trotz besserer Federung reicht es nur für Rang zwei.

Zur Startseite
Technische Daten
Audi RS 4 Mercedes C 55 AMG
Grundpreis 71.700 € 64.322 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4586 x 1816 x 1415 mm 4611 x 1744 x 1412 mm
KofferraumvolumenVDA 460 bis 720 l 455 l
Hubraum / Motor 4163 cm³ / 8-Zylinder 5439 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 309 kW / 420 PS bei 7800 U/min 270 kW / 367 PS bei 5750 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h 250 km/h
0-100 km/h 4,4 s 5,0 s
Verbrauch 13,5 l/100 km 11,9 l/100 km
Testverbrauch 14,9 l/100 km 14,4 l/100 km
Alle technischen Daten anzeigen
Noch nicht registriert?

Erstellen Sie jetzt Ihr kostenloses Profil und profitieren Sie als registrierter Nutzer von folgenden Vorteilen:

  • Exklusiver Zugriff auf alle Test- und Messdaten der Redaktion
  • 360°-Ansichten von Autos
  • Schneller PDF-Kauf
Kostenlos anmelden
Die neue Ausgabe als PDF
SUV Cupra Terramar Cupra Terramar (2020) SUV-Coupé mit 300 PS 02/2019 Bentley Bentayga Speed Bentley Bentayga Speed Der schnellste SUV der Welt
promobil
Günstig gegen Teuer Markisen, Hubstützen, Sat-Anlagen & Co. Campingzubehör: Günstig gegen Teuer Stellplatz am Weingut Geiger Stellplatz-Tipp Dierbach Stellplatz am Weingut Geiger
CARAVANING
Gaspedal Gaspedal-Tuning von DTE Systems Sportlich unterwegs mit der Pedalbox Mercedes CLS 350d 4Matic Mercedes CLS 350d 4Matic Das Luxuscoupé im Test
Anzeige
Alle Automarken von A-Z
Markenbaum Sideteaser Erlkönige, Neuvorstellungen und Tests von allen Marken