Audi RS 6, BMW M5 und Alpina B10 S

Mit 450 PS und Allradantrieb übertrifft der neue Audi RS 6 selbst die bewährten Athleten BMW M5 und BMW Alpina B10 S – nicht nur in Leistung und Drehmoment, sondern auch im Preis. Vergleichstest.

Zugegeben: Als Kombi ist der RS 6 cooler. 450 PS im harmlosen Vertreter- und Handwerker-Look – das hat was. Dass die Vorgänger RS 2 und RS 4 nur als Avant gebaut wurden, war ihrem Kultstatus also durchaus dienlich. Understatement pur. Bei starken Limousinen kommt der Effekt nicht so schneidig rüber, aber in gewissem Sinne kann der neue Audi selbst in dieser Form als Kombinationskraftwagen gelten. Denn er kostet nicht nur so viel wie vier Normalos, sondern schafft auch für vier. Eine ganz besondere Klientel findet offenbar Gefallen daran, mit einem einzigen unauffälligen Viertürer auf Geschäftsreise zu gehen, den Nachwuchs zur Schule zu bringen, zur Berghütte zu fahren und ganz nebenbei noch einen Porsche zu verblasen. Fragen Sie mal die Kicker von Bayern München: Sie haben sich im Sturm auf den RS 6 eingeschossen. Wenn Spitzensportler auf ihresgleichen treffen, drohen die anderen Titelanwärter ins Abseits zu geraten. Weder der seit 1998 gebaute BMW M5, Urmeter aller Powerlimousinen, noch der erstarkte BMW Alpina B10 V8 S auf Fünfer-Basis können dem Express der Audi-Tochter Quattro GmbH Paroli bieten, wenn es um Leis­tung und Drehmoment geht. Zudem hilft ihm der se­rienmäßige Allradantrieb, seine überragende Durchzugskraft mit größter Effizienz auf die Straße zu bringen. Genau genommen beginnt die Fürsorge schon eine Abteilung früher, denn Audi liefert den RS 6 ausschließlich mit einer Fünfstufen-Automatik. Sie sortiert die Gänge mit hoher Treffsicherheit und garantiert, dass die 450 PS stets kontrolliert fließen, ohne kumulierte Scherkräfte loszutreten. In diesem Paket wird die Naturgewalt mit einer Beherrschtheit dargeboten, die man bei Hecktrieblern nicht in gleichem Maße findet. Selten hat so viel Feuer so wenig Erregung entfacht – im positiven wie im negativen Sinne. Die beiden Turbolader mit Ladeluftkühlung bringen den 4,2-Liter-Alu-V8 bereits knapp oberhalb der Leerlaufdrehzahl derart auf Trab, dass selbst der kleinste Gasstoß scheinbar grenzenlosen Schub freisetzt. Es zieht und zieht und zieht, als hätte jemand in Windsor Castle alle Fenster offen gelassen, aber von Spektakel keine Spur. Der Achtzylinder brabbelt dumpf wie ein Can-Am-Bolide vor sich hin und verkneift sich bis hinauf zum Drehzahllimit (6500/min) jegliche Hysterie. Wer es besonders dynamisch angehen lassen will, kann die Automatik in der Position S zu früherem Runter- und späterem Hochschalten animieren.

Auch im Normalmodus lässt sich per Schaltpaddel am Lenkrad jederzeit eingreifen, doch angesichts der gewaltigen Durchzugskraft scheint dies höchst selten erforderlich. Nicht einmal am Volant gibt es viel zu tun, denn trotz des etwas trägen Ansprechens der Lenkung und der kopflastigen Gewichtsverteilung folgt der RS 6 unerschütterlich dem eingeschlagenen Kurs. Dank DRC (Dynamic Ride Control), einer mechanischen Veränderung der Stoßdämpfer-Kenn-linien beim Einfedern, sind Nick- und Wankbewegungen kaum wahrzunehmen, und die hervorragende Traktion treibt den Wagen nach Kurven ohne Verzug wieder nach vorn. Mit sonderlichem Komfort dürfen die Insassen allerdings nicht rechnen. Besonders auf kurzen Bodenwellen und bei Langsamfahrt wirkt der Audi reichlich unruhig; Stöße, Polter- und Windgeräusche stören das Wohlbefinden ebenso wie die straffen, auf Dauer unbequemen Sitze und die ächzende Karosserie. So viel Härte will nicht zu einem Reise­wagen passen, auch wenn die Abstimmung bei hohem Tempo viel mehr überzeugt. Da wirkt der BMW M5 ungleich verbindlicher. Für eine Hochleistungs-Limousine bietet er einen gelungenen Kompromiss aus Fahrsicherheit und Komfort, den sein ­etwas hölzernes Ansprechen auf kurzen Bodenwellen kaum unterminiert. Mit seinen geschmeidig abrollenden Dunlop-Reifen, den kommoden Sportsitzen und dem kernigen, aber wohlklingenden Motor macht er selbst lange Strecken zum Vergnügen. Vor allem aber kommen ambitionierte Fahrer hier eher auf ihre Kosten. Seine ausgeprägte Agilität und die sehr ­exakte, gute Rückmeldung liefernde Lenkung vermitteln das Gefühl, einen Sportwagen zu dirigieren. Die Beherrschbarkeit im Grenzbereich ist trotz hoher, spontan einsetzender Leistung kein Thema, solange das jeweils serienmäßige ESP aktiviert bleibt. Aber der Bremseingriff bei drohendem Unter- oder Übersteuern erfolgt bei ihm spürbar härter, um vor allem bei Nässe böse Überraschungen zu vermeiden. Könnern am Volant bietet sich indes die Möglichkeit, mit ausgeschalteter Stabilitätskontrolle den Leistungsüberschuss für einen gefühlvol­len Drift zu nutzen. Das Potenzial dazu bringt der knapp fünf Liter große V8 jedenfalls mit. 400 PS und 500 Nm Drehmoment reichen zwar nicht ganz an die Fabelwerte des RS 6 heran, relativieren sich jedoch bei der Beschleunigung schon auf Grund des Gewichtsvorteils. Beim Öffnen der acht Drosselklappen erinnert sein von tiefem Grollen untermalter Vortrieb an einen startenden Jet, und jenseits von 130 km/h liegt der M5 ­sogar eine Nasenlänge vorn. Per Druck auf die Sport-Taste lässt sich der Biss subjektiv noch steigern, denn dann wird dem Motor mehr und schneller Luft zugeführt. Damit offenbart der BMW erneut sein spezifisches Naturell, das dem Fahrer eine aktivere Rolle zuteilt.

Die sechs Gänge müssen mit Nachdruck per Hand eingelegt werden, was allein bei sehr bewusstem Umgang mit dem Gaspedal ohne Antriebsruckeln gelingt. Und weil die Kraft in deutlich höheren Regionen wohnt und sich nicht automatisch sortiert, sind Drehzahlen und Schaltvorgänge gefordert. Hingegen qualifiziert sich der Alpina B10 nicht nur mit seinem geringfügig besseren Drehmoment für die serienmäßige Ausrüstung mit Fünfgang-Automatik. Verfeinerung in vielerlei Hinsicht ist die Devise des „Herstellers exclusiver Automobile“, der seit Jahrzehnten mit Erfolg die immer rareren Lücken im BMW-Programm aufspürt. In diesem Falle geht es um die Synthese von M5-Power mit dem (Antriebs-)Komfort des 540i. Dazu wurde dessen 4,4-Liter-V8 weit reichenden Modifikationen (Hubraum, Kurbelwelle, Ventiltrieb, Sauganlage) unterzogen, womit es der 4,8-Liter auf 375 PS und 510 Nm bringt. Beim Testwagen standen die Pferde offenbar besonders gut in Futter, denn die Messwerte sehen den Alpina auf Augenhöhe der Rivalen, in der Spitze – nicht abgeregelt – klar darüber. Spielerisch und sonor untermalt erstürmt der B10 jede Steigung, und diese Entspanntheit überträgt sich wohltuend auf den Fahrer. Der spontan, aber nicht nervös schaltende Automat reicht die Wucht des Motors in der passenden Dosis an die Hinter­räder weiter, so dass sich manuelle Eingriffe meist erübrigen. Auch das Fahrverhalten ist geprägt von Leichtigkeit, wobei vor allem das sensible Handling heraussticht. Anders als das zuvor getestete Exemplar mit aufpreisfreier 19-Zoll- Bereifung (Heft 8/2002) konnte der B10 in diesem durchweg mit 18-Zöllern ausgerüs­teten Umfeld mit dem besten Federungskomfort überzeugen. Zusammen mit seinem nie­drigen Geräuschniveau avanciert er damit zur ersten Wahl, wenn Alltags- und Reisetauglichkeit gefragt ist. Bei Karosserie, Bremsen und Sicherheit sind die Unterschiede ohnehin gering, doch in dynamischer Hinsicht liegen RS 6 und M5 vorn. Leider gilt das auch für die geforderten Preise, wobei vor allem der Audi den Bogen weit überspannt. So geht der Sieg letztlich an den BMW, der vor allem den aktiven Fahrer anspricht. Am Steuer dieses Dampfhammers hat er zwar nicht immer die Nase vorn, aber vermutlich mehr Spaß dabei.

Technische Daten
Audi RS 6 Alpina B10 V8 S Switch Tronic BMW M5
Grundpreis 87.500 € 70.400 € 75.500 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4858 x 1850 x 1425 mm 4775 x 1800 x 1415 mm 4784 x 1800 x 1432 mm
KofferraumvolumenVDA 424 l 460 l 460 l
Hubraum / Motor 4172 cm³ / 8-Zylinder 4837 cm³ / 8-Zylinder 4941 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 331 kW / 450 PS bei 5700 U/min 276 kW / 375 PS bei 5800 U/min 294 kW / 400 PS bei 6600 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h 284 km/h 250 km/h
0-100 km/h 5,2 s
Verbrauch 14,6 l/100 km 12,7 l/100 km 14,0 l/100 km
Testverbrauch 14,4 l/100 km
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