Audi RS 6 Plus im Test

Avantissimo

Foto: Hans-Dieter Seufert

Zum Abschied des aktuellen A6 Avant präsentiert Audi noch einen ganz besonders sportlichen Leckerbissen. Er ist mit 480 PS nicht nur das stärkste, sondern mit 280 km/h Spitze auch das schnellste Serienmodell der Marke mit den Ringen

Das Ende einer langen Dienstreise naht: Im Herbst will Audi die Produktion des A6 Avant einstellen. Dessen Nachfolger kauert schon in den Startlöchern, er soll ab Frühjahr 2005 verkauft werden. Bei der Limousine wurde der Modellwechsel ja bereits vor wenigen Wochen vollzogen. Dann verabschiedet sich zwangsläufig auch der RS 6, den es derzeit nur noch als Kombi gibt. Sein Abgang wird wegen des großen Erfolgs – stolze 8.000 Verkäufe in zwei Jahren – gebührend gefeiert: mit dem auf 999 Exemplare limitierten Sondermodell RS 6 Plus. Was ist das Plus am Plus im Vergleich zum bekannten RS? Wie es sich für ein Produkt der Audi-Tochter Quattro GmbH geziemt, hat er natürlich mehr Leistung, in diesem Fall 30 PS. Damit steigt die Ausbeute auf stattliche 480 PS, die im Leistungsdiagramm zwischen 6.000 und 6.400 Touren als kleines Plateau dargestellt sind. Ein höheres Drehmoment gibt es nicht, gleichwohl aber etwas mehr von den üppigen 560 Newtonmetern. Sie stehen jetzt von 1.950 bis 6.000 U/min (RS bis 5.600) über einen breiteren Bereich zur Verfügung. Herz des neuen Audi ist der aus dem RS 6 bekannte 4,2-Liter- V8 mit Fünfventiltechnik und Biturbo-Anlage. Jeder Zylinderreihe ist ein öl- und wassergekühlter Turbolader mit Ladeluftkühler zugeordnet.

Ein neues Steuergerät ermöglicht das Leistungsplus. Es sorgt unter anderem dafür, dass die beiden Lader im oberen Drehzahlbereich ein wenig mehr Luft in die Zylinder pusten als beim RS 6. Der minimal geringere Staudruck der serienmäßigen Sport-Auspuffanlage mit den beiden mattschwarzen, ovalen Endrohren kommt vor allem dem Sound zugute. Er weckt speziell außerhalb des Wagens leise Erinnerungen an die amerikanischen CanAm- Boliden der siebziger Jahre. Die Mechanik des V8 bleibt völlig unverändert, und in dessen Peripherie gibt es nur noch eine kleine Modifikation: Zur Stabilisierung des Temperaturhaushaltes tragen zwei zusätzliche Wasserkühler bei, die das Gesamtvolumen des Kühlmediums um rund 2,5 auf elf Liter erhöhen und hinter den Ladeluftkühlern Platz finden. Enttäuscht, weil mit geringen Mitteln nur eine bescheidene Mehrleistung von knapp sieben Prozent erzielt wurde? Dazu besteht kein Grund, denn der stärkere RS bietet in den Fahrleistungen ein klares Plus.

Beispiele gefällig? Bitte schön: Aus dem Stand spurtete der Testwagen in 4,6 Sekunden (RS 6: 5,0 s) auf Tempo 100 und passierte bereits nach 18,0 Sekunden (20,1) die 200-km/h- Marke. Mit diesem Temperament braucht sich der schnelle Kombi auch vor waschechten Sportwagen nicht zu verstecken. Außerdem läuft er deutlich schneller als sein bei 250 km/h abgeregelter Bruder. Seinen Vortrieb bremst die Elektronik erst bei Tempo 280 sanft ein. Damit ist der RS 6 Plus der erste Serien-Audi, welcher mit der Vereinbarung der großen deutschen Autofirmen bricht, die Höchstgeschwindigkeit bei 250 km/h einzufrieren. Die Konkurrenz hat bereits zuvor bei manchem M- und AMG-Typ freiere Fahrt gegeben.

Wie schnell könnte denn der Plus laufen, wenn man ihn nur ließe? „Eine Drei würde schon vorn stehen,“ versichert Quattro-Entwicklungschef Stephan Reil. Das darf man getrost glauben, weil die Tachonadel dieses RS auch oberhalb des 200er-Strichs sehr zügig in höhere Regionen klettert. Das ist nur eine, in der Praxis weitgehend nebensächliche Qualität des schnellen Audi. Weit eindrucksvoller wirkt der Schub, mit dem der V8 den knapp zwei Tonnen wiegenden Wagen in den unteren Gängen nach vorn katapultiert. Stets mühelos und scheinbar jederzeit bereit, noch etwas nachzulegen, ohne mechanisch oder akustisch aufdringlich zu werden, denn im Cockpit bleibt das sonore V8-Brabbeln dezent.

Dass die Antriebseinheit bei verhaltener Gangart manchmal etwas hektisch agiert, hat zwei Gründe: Erstens brauchen auch diese Lader eine gewisse Drehzahl, um auf Touren zu kommen. Zweitens neigt man gerade in der kurzen Phase relativer Schwäche instinktiv dazu, etwas mehr Gas zu geben, worauf die Automatik meistens sehr spontan einen kleineren Gang einspannt. Ansonsten agiert die sportlich abgestimmte Fünfgangautomatik souverän. Sie schaltet weich hoch und hat bei Leistungsbedarf fast immer blitzartig den passenden Gang parat. Das S-Programm unterstützt sportliches Fahren durch früheres Herunter- und späteres Hochschalten. Wer die Gangwechsel partout selber bestimmen möchte, wählt den manuellen Tipp-Modus und schaltet mit Paddeln hinter dem Lenkrad oder per Wählhebel. das zeigt das Konzept des RS 6 Plus ebenfalls.

Permanenter Allradantrieb, Wandlerautomatik, rund zwei Tonnen Leergewicht und Fahrdynamik im Sportwagenbereich fordern an der Tankstelle eben ihren Tribut. 15,7 Liter beträgt der Testverbrauch, wobei der Biturbo, der nur Euro 3 erfüllt, auf die gehaltvollste Benzinsorte Wert legt. Auch die 20-Liter-Grenze stellt keine Schallmauer dar, sofern man häufig die Fahrtalente auskostet. Und davon hat der RS 6 Plus mit seinem gutmütigen, fast neutralen Eigenlenkverhalten reichlich. Allradantrieb, 19-Zoll-Bereifung sowie das Wank- und Nickbewegungen der Karosserie reduzierende System Dynamic Ride Control (DRC) stellen ausgezeichnete Traktion und das Erreichen sehr hoher Kurvengeschwindigkeiten sicher. Dass der große und sehr geräumige RS ein schwerer Wagen ist, bleibt auf kurvenreichen Straßen nicht verborgen. Umso mehr erstaunt, wie zügig er den Bewegungen seiner nicht eben leichtgängigen und um die Mittellage wenig präzisen Lenkung folgt.

Für adäquate Verzögerung sorgt beim Plus eine modifizierte Bremsanlage mit gelochten Scheiben. Größtes Handikap des RS 6 Plus ist sein Federungskomfort, der lange Reisen zur Strapaze machen kann. Die trockenen Stöße auf kurzen Unebenheiten und das polternde Hineinfallen der Räder in Vertiefungen bei langsamer Fahrt mag man noch als sportlich-steif abtun. Weit mehr auf die Stimmung schlagen die katapultartigen Bewegungen, welche die Hinterachse auf langen Wellen austeilt. Äußerlich gibt sich Audis Schnellster sehr dezent. Kein Schriftzug, der ihn enttarnt. Das Mattschwarz an Auspuffendrohren, Dachreling und Zierleisten ist ebenso wenig zuverlässiges Erkennungsmerkmal wie die titanfarbenen Leichtmetallräder, weil schon den RS 6-Kunden von der Quattro GmbH fast jeder individuelle Wunsch erfüllt wurde.

Im Innenraum unterstreichen Sportsitze, Aluminiumpedale, Lederausstattung und Dekoreinlagen wahlweise aus Aluminium oder Carbon den sportlichen Auftritt. Hier findet sich der verlässlichste Hinweis auf die Plus-Variante: eine nummerierte Limited-Edition-Plakette hinter dem Wählhebel. Trotz seiner reichhaltigen Ausstattung, die allein Extras aus dem RS-Zusatzprogramm im Wert von über 5000 Euro enthält, ist der Plus erwartungsgemäß auch preislich Spitze. Er schafft knapp die 100.000-Euro-Marke – wenig für einen rassigen Sportwagen, viel für einen geräumigen Avant.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • großzügiges Raumangebot großer Laderaum sehr gute Verarbeitung funktionelle Bedienung
Fahrkomfort
  • bequeme Sportsitze gute Klimatisierung
  • sehr straffe Federung geringes Schluckvermögen auf langen Wellen schlechter Langsamfahrkomfort
Antrieb
  • hohes Durchzugsvermögen gute Laufkultur hervorragende Fahrleistungen gut abgestimmtes Automatikgetriebe
Fahreigenschaften
  • ausgezeichnete Traktion gutmütiges Fahrverhalten hohe Kurvenstabilität
  • Lenkung um Mittellage unpräzise
Sicherheit
  • gut abgestimmtes ESP standfeste, gut dosierbare Bremsen
Umwelt
  • hoher Benzinverbrauch nur schadstoffarm nach Euro 3
Kosten
  • sehr reichhaltige Ausstattung
  • hoher Anschaffungspreis hohe Unterhaltskosten keine Drei-Jahres-Garantie

Fazit

Obgleich der Avant kein taufrisches Auto mehr ist, verdient er als RS 6 Plus Respekt. Hervorragende Fahrleistungen, gute Fahreigenschaften und die reichhaltige Ausstattung sind herausragende Stärken. Schwäche: schlechter Komfort.

Technische Daten
Audi RS 6 Plus
Grundpreis 101.050 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4852 x 1850 x 1452 mm
KofferraumvolumenVDA 455 bis 1590 l
Hubraum / Motor 4172 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 353 kW / 480 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 280 km/h
0-100 km/h 4,6 s
Verbrauch 14,6 l/100 km
Testverbrauch 15,7 l/100 km
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