BMW 120i gegen VW Golf 2.0 FSI

Kontrastmittel

Foto: Hans-Dieter Seufert

BMW macht Jagd auf die Kompaktklasse. Zur Klärung der Sachlage tritt der neue Einser mit Zweiliter-Vierzylinder-Motor und 150 PS gegen den gleich starken Bestseller von VW an, der von einem Benzindirekteinspritzer angetrieben wird.

Alles hat einmal ein Ende, selbst die Treue der Golf-Käufer. Und kaum ein Neuzugang in der Golf-Klasse schürt die Lust auf Abwechslung so sehr wie der Einser von BMW. Hauptgrund: Er nimmt für sich in Anspruch, kein Langweiler zu sein. Was könnte verführerischer klingen? Doch wenn Gelüste lodern, kommt der Verstand leicht unter die Räder. Aber das macht es für den Golf nicht leichter. Sind Golf- Besitzer also gut beraten, der Versuchung nachzugeben? Zur Klärung der Sachlage stellt sich Deutschlands Bestseller dem 120i, wobei als BMWkompatible Variante der Golf 2.0 FSI Sportline das Duell ausficht.

Seinen ersten Treffer landet er bereits beim Vergleich der Basispreise: In viertüriger Ausführung kommt der VW auf 21 975 Euro, für den BMW muss man 1625 Euro mehr hinblättern. Das sind immerhin 25 Tankfüllungen. Dabei beschränkt sich die Serienausstattungen in beiden Fällen auf das in dieser Klasse übliche Minimum. Annehmlichkeiten wie Radios oder auch nur eine Höhenverstellung für den Beifahrersitz werden gesondert berechnet. Das gilt im Prinzip auch für die Klimaanlage: Dass VW zur Zeit keinen Aufpreis verlangt, sollte der Kunde zunächst als Jubiläumsgeschenk verstehen (30 Jahre Golf).

Beide Kontrahenten bieten den gleichen Hubraum (zwei Liter), gleiche Leistung (150 PS) und gleiches Drehmoment (200 Nm) – kein Plus für BMW. Um so größer der sichtbare Unterschied: Neben dem Golf kommt einem der fünf Zentimeter flachere Einser wie ein Coupé vor. Der Eindruck verstärkt sich im Innenraum. Wer hinten Platz nehmen muss, ist im BMW arm dran. Zur artgerechten Unterbringung ausgewachsener Menschen ist der Einser-Fond nicht geschaffen. Aber auch im vorderen Teil der Fahrgastzelle ist es eng. Dafür erwartet den Fahrer auf schmalen, aber bequemen Polstern eine vorzügliche Sitzposition, und so fühlt man sich doch gut aufgehoben.

Angenehm: Anders als beim Golf befindet sich die BMW-Haube im Blickfeld. Den entscheidenden Vorteil des Golf vermag dies aber nicht zu schmälern: Wer mit dem Gedanken spielt, längere Fahrten mit mehr als zwei Erwachsenen zu unternehmen, sollte den Einser besser vergessen. Verglichen mit den Sitzen des BMW kommt sich der Fahrgast im rückwärtigen Abteil des Golf vor wie erster Klasse im Jumbo. Auch vorn ist mehr Luft, man sitzt höher, aber bequem, und die Sitze lassen sich leichter verstellen. Viel mehr Gepäck darf man aber auch nicht mitnehmen.

Der Kofferraum fasst 350 Liter, im BMW-Heck finden nur 20 Liter weniger Platz. Dafür bietet der Golf beim Umklappen der Sitze mehr Reserven, und die Koffer dürfen schwerer sein. Bei vierköpfiger Besatzung (je 75 Kilogramm) bleiben im BMW 95 Kilogramm Nutzlast, der VW verkraftet 181 Kilo. Ein Ersatzrad bietet übrigens keiner von beiden: Der BMW verfügt über Notlaufreifen, bei VW liegen Dichtmittel und Pumpe bei, es sei denn, man bezahlt extra. Dass in dieser Klasse der Rotstift regiert, zeigt sich auch im Finish. Beim neuen Golf trüben diverse Hartplastikteile den Qualitätseindruck, aber die Erwartung, dass BMW als Premiummarke einen Gediegenheitsvorsprung bietet, entpuppt sich als frommer Wunsch.


Oberflächen mit Sanitäroptik und Verarbeitungsmängel wie der schlecht eingepasste Deckel des Handschuhkastens beweisen eher das Gegenteil – kein Grund jedenfalls, sich den BMW zu leisten. Auch ergonomische Vorteile sollte man sich nicht versprechen. Das Einser-Cockpit mag optisch mehr hermachen als die äußerst nüchtern gestaltete Golf-Kanzel, aber praktischer ist es selbst dann nicht, wenn man den BMW ohne den bei der GPS-Option obligatorischen i-Drive-Knopf bestellt.

BMW-Infizierte wird dies freilich nicht erschüttern, schließlich geht es beim Einser um mehr. Fahrdynamik ist das Schlüsselwort, Frontmotor plus Heckantrieb die Zauberformel, und wer an das BMW-Wunder nicht glaubt, den dürften schon die ersten Kurven überzeugen. Es stimmt: So wie der Einser fährt sich kein Fronttriebler. Kurswechsel absolviert er nahezu verzögerungsfrei, die Front des Autos folgt widerstandslos den Lenkbewegungen, selbst in engen Radien beschränkt sich der BMW auf ein leichtes Schieben über die Vorderräder. Nur 692 Kilogramm lasten hier auf der Vorderachse (Golf: 840 Kilogramm), entsprechend behende absolviert der Einser kurvenreiche Etappen – da kann ihm, wie die Fahrdynamikversuche belegen, so leicht keiner folgen.

Vorteil Nummer zwei: Wo angetriebene Vorderräder bereits heftig an der Lenkung zerren, bleibt der BMW-Fahrer von derartigen Störmanövern logischerweise unbehelligt, gerade auf weniger griffigen Belägen eine schöne Sache. Zugleich sind Ausbruchsversuche der Hinterräder, mit denen die drehmomentstarke Dieselvariante aufwartet, beim vergleichsweise schwächlichen Benziner kein Thema.

Die Gegenprobe mit dem Golf zeigt indes: Das Bessere ist zwar des guten Feind, aber was gut ist, bleibt auch gut, wobei es dem Golf als Sportline zupass kommt, über ein strafferes Fahrwerk zu verfügen. Wie der BMW rollte er im Test zudem auf griffigen 17-Zoll-Rädern anstelle der serienmäßigen 16-Zöller (VW-Aufpreis: 810 Euro, BMWAufpreis: 1150 Euro). Beides zusammen genommen befähigt den Golf, Kurven deutlich williger und schneller in Angriff zu nehmen als üblich. Ausuferndes Untersteuern lässt sich nun durch Gaswegnehmen in ein Übersteuern verwandeln – da freut sich der aktive Fahrer. Allerdings können diese Lastwechselreaktionen bei Nässe durchaus bedrohliche Ausmaße annehmen, wobei die rettende ESPRegelung reichlich spät kommt.

Gegen die Lenkpräzision und den fahrdynamischen Feinschliff des Einser vermag freilich auch der sportlich gestählte Golf nichts auszurichten. Für den passionierten Fahrer zumindest macht der kleine BMW also Sinn – vorausgesetzt er ist bereit, Komfortansprüche zurückzuschrauben. Das Absorbieren von Unebenheiten gehört eindeutig zu den schwachen Seiten des Einser, und besonders bei langsamer Fahrt wirkt seine steifbeinige Gangart ziemlich übertrieben. Besser gelingt das dem Golf. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass Sportline auch euphemistisch gemeint ist. Sport bedeutet weniger Komfort, und zwar erheblich weniger. So lassen sich speziell beim Abfedern langer Bodenwellen gegenüber dem BMW keine Vorteile erkennen, in puncto Abrollgeräusche ist der VW sogar im Nachteil.

Immerhin steht es dem Kunden frei, den Golf auch in einer Komfortversion zu genießen. Was die Fahrleistungen betrifft, hält sich die Sportlichkeit ohnehin in Grenzen, und das trifft auf den BMW nicht weniger zu. Gleiches Gewicht, gleiche PS-Zahl bedeuten Gleichstand in der Beschleunigung, wie die Werte nicht nur in der Theorie zeigen.

Von überschäumendem Temperament kann weder beim einen noch beim anderen die Rede sein. Dass einem der Golf dennoch muskulöser vorkommt (die Elastizitätswerte bestätigen es), liegt an der Auslegung der Sechsganggetriebe: Beim BMW ist der Sechste ein Schongang, man muss beim Beschleunigen also häufiger zurückschalten. Der Lohn der Mühe zeigt sich im Verbrauch. Im gemischten Testbetrieb summierte sich der Unterschied auf einen halben Liter pro 100 Kilometer – zu Ungunsten des Golf, FSI-Technik hin oder her. So gesehen ist die kleine Verführung dann sogar vernünftiger, als es zunächst den Anschein hat. Noch vernünftiger ist freilich der Golf. Und deshalb sammelt er in diesem Vergleich auch die meisten Punkte.

Fazit

1. BMW 120i
498 Punkte

Kurven sind sein Elixier, sein Handling ist einsame Klasse. Kultivierter, sparsamer Motor, aber geringe Elastizität. Sonstige Nachteile: eng, hart, teuer. Fazit: gut für Fahrer, schlecht für die Familie.

2. VW Golf 2.0 FSI
519 Punkte

Wer Platz braucht, muss den Golf nehmen. Ohne gravierende Schwächen. Sportline verbessert Handling auf Kosten des Komforts. Wirkt kraftvoller, aber höherer Verbrauch. Fazit: familientauglicher Allrounder.

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Technische Daten
BMW 120i VW Golf 2.0 FSI Sportline
Grundpreis 24.600 € 22.646 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4227 x 1751 x 1430 mm 4204 x 1759 x 1485 mm
KofferraumvolumenVDA 330 bis 1150 l 350 bis 1305 l
Hubraum / Motor 1995 cm³ / 4-Zylinder 1984 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 110 kW / 150 PS bei 6200 U/min 110 kW / 150 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 217 km/h 207 km/h
0-100 km/h 8,9 s 8,9 s
Verbrauch 7,7 l/100 km 7,6 l/100 km
Testverbrauch 9,3 l/100 km 9,8 l/100 km
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