BMW 130i gegen VW Golf R32

Drift Zähne

Foto: Hans-Dieter Seufert 15 Bilder

Inkognito-Sportler gegen Testosteron-Hero: BMW 130i und VW Golf R32 bringen mit heftig anreißenden Sechszylindern und knalligem Handling Speed und Klasse ins Rudel der Kompakten.

Die Generation Golf ist endlich erwachsen, Helmut Kohl Geschichte, sein Mädchen Kanzlerin. Die alten BAP-Scheiben verstauben auf dem Dachboden, Barbour-Jacken und Palästinenser-Tücher sind längst beim Roten Kreuz.

Genau der richtige Zeitpunkt für zwei Golf- Klasse-Emporkömmlinge, unter heftigem Sechszylinder- Donner den letzten Hauch genreüblicher Biederkeit in den Orkus zu kicken. Nur der alte Klassenkampf ist erhalten geblieben. So wie es auf Achtziger-Jahre-Schulbänken einen tiefen Graben zwischen Geha- und Pelikanfüller-Fraktionen gab, so unvereinbar stehen sich 20 Jahre später die automobilen Klassensprecher gegenüber.

In der einen Ecke tänzelt der BMW 130i mit dem Heck, lockt als Inkognito-Sportler Solvente, die früher mit aufgerissenen Augen bösen 323i-Buben hinterherstierten. Lange Haube, kleine Kabine, längs montierter Reihensechser: Der starke Kleine pfeift auf Raumökonomie, trumpft mit idealer Gewichtsverteilung von 52 zu 48 Prozent auf.

Unter juvenilem Getöse rauscht dagegen der Golf R32 heran. 18-Zoll-Walzen, Riesengrill und doppelläufige Endrohre verströmen bereits ab Werk das Odeur eines prallen Tuningshop- Einkaufs und durchschraubter Samstagnachmittage. Sein quer eingebauter V6 verhagelt zwar die Balance (60:40), dafür ist das Platzangebot eine Klasse besser.

Grinst da jemand von der BMW-Truppe? Hämische Kommentare über vermeintliche Proll-Optik und sedierenden Allradantrieb plus Frontlastigkeit dürfte dem Bajuwaren- Fanclub im Hals stecken bleiben. Schon beim Einsteigen nimmt der R32 mit seinem liebevoll aufgepeppten Interieur und sauberer Verarbeitung für sich ein.

Ob metallisch glänzende Dekoleisten, attraktive Rundinstrumente mit hypnotisch- blauen Zeigern oder trittsichere Metallpedale – gegen diese geballte Ladung Sport-Appeal wirkt der sachlich gestaltete 130i schon arg pragmatisch.

Und Details wie das windige kleine Handschuhfach aus unkaschiertem Hartplastik, dem der VW ein größeres, innen beflocktes Behältnis mit metallenem Öffner entgegensetzt, offenbaren, dass die erfolgreicheren Controller in München sitzen.

Sie dürften sich auch über die ellenlange Aufpreisliste freuen, mit deren Hilfe sich der 130i auf R32-Augenhöhe oder darüber hinaus rüsten lässt. Dort finden sich neben Sportfahrwerk, Aktivlenkung und M-Optikpaket unter anderem famose Sportsitze, deren aufblasbare Wangen auch beleibteren Piloten festen Halt ohne Druckstellen bieten.

Wer beim Golf statt der bei ihm serienmäßigen Sportsitze mit den rennmäßigen Recaro-Schalen liebäugelt, sollte vorher probesitzen. Die einen preisen deren saugende Anpassungsfähigkeit, anderen sind sie einfach bloß zu eng. Sinn macht der Seitenhalt dennoch, spätestens wenn der Golf den Knüppel aus dem Sack lässt.

Etwa beim Fahrdynamik- Parcours. Obwohl der BMW 130i-Testwagen im Vergleich zum Einzeltest-Exemplar zulegen konnte – was vermutlich aus einer großzügigeren Abstimmung des elektronischen Stabilitätsprogrammes resultiert –, fährt ihm der R32 in Hockenheim eine schmerzhafte Kante ins Blech.

Ob Slalom, Wedeln oder Ausweichtest, der Golf ist immer und überall schneller. Trotz 139 Kilogramm Übergewicht. Selbst beim freien Fahren auf der Rennstrecke mit ausgeschaltetem Stabilitätsprogramm kann der BMW nicht vorbeiziehen. Zwar erweist er sich als talentierter Drifter – Großvater 323i grüßt –, doch auch der Allrad-Golf kann quer. Mit TempoÜberschuss in die Kurve, Gaslupfen, ein Ruck am Lenkrad, fertig.

Beim erneuten Gasgeben zieht sich der Allradler ratz-fatz wieder gerade. Der BMW trägt hingegen die Flamme klassischer Heckschleudern weiter: inklusive mächtiger Rauchfontänen und fieser Power-Dreher.

Im täglichen Leben zählen indes andere Dinge – wie ein allürenfreies Wesen. Ob Lenkung, Kupplung oder Bremse: Die Mensch-Maschine-Schnittstellen beider Kandidaten zeigen sich leichtgängig und präzise, der Motorenklang dunkel und verheißungsvoll. Lediglich die Schaltungen enttäuschen ein wenig: knorpelig beim BMW, hakelig beim VW.

Mit seinem Klasse-Motor geht der BMW dennoch in Führung: Der Dreiliter baut dank Magnesium an Kurbelgehäuse, den zur Versteifung zusammengefassten Kurbelwellenlagern (Bedplate) und der Zylinderkopfhaube nicht nur leicht und stabil, sondern besitzt auch noch einen klugen Kopf. Darin stecken ein vollvariabler Ventiltrieb, der sowohl den Hub als auch die Öffnungszeiten steuert (Valve-tronic), sowie eine stufenlose Nockenwellenverstellung (Vanos).

Hinten raus kommt neben unverfälscht fauchendem Reihensechser-Sound federnder Schub und enorme Drehfreude bis 7000/min. Der 3,2 Liter große 15-Grad-V6 im VW verfügt ebenfalls über verstellbare Nockenwellen, wirkt aber nicht ganz so spritzig und agil. Der R32 würzt seinen offensiv wummernden Grundton dafür mit rotzfrech metallischem Sprenkeln – und zieht bei den Tempo-Messwerten gleich.

Dennoch zeigt er dem 130i auf kurvigen Straßen das Heck. Höheres Griplevel, gnadenlose Traktion und ruhigeres Handling machen selbst weniger Routinierte zu kompetenten Schnellfahrern. Der BMW wirkt einen Hauch agiler, fast nervös. Seine Lenkung ist besonders auf schlechten Oberflächen mitteilsamer als nötig, was bisweilen für leichte Unruhe sorgt. In zügig angegangenen Kehren schiebt er zudem über die Vorderräder, wo der VW beim Herausbeschleunigen bereits wieder Meter macht.

Dafür absorbiert der 130i kurze Unebenheiten willig, während der VW bei niedrigem Tempo etwas steifbeiniger drüberstolpert. Bei höherem Tempo und langen Wellen liegen beide wieder gleichauf. Langgezogene Biegungen nimmt der VW in einem Zug ohne schweißnasse Handflächen, der BMW verlangt mehr Konzentration und leichte Korrekturen. Insgesamt erweist sich der 130i damit als agiler Sportler für Liebhaber des Heckantriebs, während der R32 den ausgewogen- fahrsicheren Allrounder mit Biss gibt.

Und wer sich partout an der aufgeplusterten Optik stört, kann ihn bei VW Individual zur Not auch mit der schüchternen Optik eines Golf 1.4 ordern – Preis auf Anfrage.

Fazit

1. VW Golf R32
516 Punkte

Ein Wolf im Wolfspelz, der Vorurteile gegenüber dem Allradantrieb dank hervorragender Traktion und unaufgeregtem sicher-spaßigen Handling ebenso lässig abschüttelt wie seinen Widersacher von BMW.

2. BMW 130i
504 Punkte

Fantastischer Motor, knapp geschnittene Karosserie und agiles handling für Kenner: Der BMW wird seine Fans finden. Auf Straße und Piste muss er sich dem Über-Golf allerdings geschlagen geben.

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Technische Daten
VW Golf R32 4Motion BMW 130i
Grundpreis 34.425 € 33.597 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4246 x 1759 x 1465 mm 4227 x 1751 x 1430 mm
KofferraumvolumenVDA 275 bis 1230 l 330 bis 1150 l
Hubraum / Motor 3189 cm³ / 6-Zylinder 2996 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 184 kW / 250 PS bei 6300 U/min 195 kW / 265 PS bei 6600 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h 250 km/h
0-100 km/h 6,6 s 6,3 s
Verbrauch 10,7 l/100 km 9,2 l/100 km
Testverbrauch 12,6 l/100 km 11,9 l/100 km
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