BMW 316 ti Compact

Der Gerneklein

Sieben Jahre nach Debüt des ersten BMW Compact steht der Nachfolger auf der Straße. Der BMW 316 ti hat einen neuen Motor bekommen, er ist stärker, länger und viel schwerer geworden – ein ganz neuer Einstieg in die berühmt gewordene Freude am Fahren.

Die Autowelt ist manchmal schwer zu verstehen. Man wird kleiner, weil es opportun erscheint, aber man wird auch größer, weil alles größer wird. Der neue BMW Compact ist ein gutes Beispiel. Bei gleichem Radstand wie die Limousine schrumpft er in der Gesamtlänge um 21 Zentimeter, wächst aber gleichzeitig um fünf Zentimeter gegenüber dem fast 400.000 Mal verkauften Vorgänger.
 
Wenn die Kleinen groß werden und damit erwachsener, verlassen sie manchmal auch ihren eigentlichen Platz. Der alte Compact, ein klassisches Nischen-Auto, das BMW mit relativ geringem Aufwand ins Golf-Segment platziert, ist noch ein einfaches Ding, in dem man unter anderem die alte Schräglenker-Hinterachse aus dem betagten 320er aufbraucht.  Kaum mehr als 1.100 Kilogramm wiegt die schlicht, aber gekonnt gemachte Basis namens 316i und kostet nicht mehr als 33.000 Mark.

Heute stecken Premium-Ansprüche und Lifestyle-Komponenten hinter dem praktisch gleichen Begriff, der mit dem BMW-Kürzel ti nicht nur an alte Zeiten erinnern soll. Da waren die Autos noch Fliegengewichte, und 100 PS zählten zu den Raketenantrieben. Jetzt hat die Basis von BMW 115 Pferdestärken und wiegt nicht weniger als 1.360 Kilogramm.

Nicht einmal die Typenbezeichnung ist wie einst, wo sich hinter der Zahl der wahre Hubraum verbarg. Heute steckt nicht nur ein ganz neuer Aluminium-Vierzylinder hinter der vertrauten Ziffer, sondern auch ein falscher Hubraum: 1,8 Liter sind es inzwischen, doch sie sind nicht die wahre Sensation. Valvetronic heißt das Zauberwort und meint eine erstmals im Motorenbau eingeführte Ventilsteuerung, bei der mit einem variablen Ventilhub die Anpassung an die verschiedenen Lastzustände erfolgt. Der Zweck des ingeniösen Meisterwerks liegt vor allem in einer Verbrauchsreduktion, die BMW mit rund zehn Prozent angibt.

Kauft man einen BMW, um Treibstoff zu sparen? Nein, dies kann nur eine Begleiterscheinung sein. Auch und gerade der BMW namens Compact setzt auf die Fahrfreude, die ja mit dem Antrieb hochprozentig verbunden ist. Wüsste man nichts von Valvetronic mit den vielen Heinzelmännchen unter dem einfach verrippten Ventildeckel, man käme nicht darauf. Weder Geräusche noch die Agilität des mit zwei Ausgleichswellen und der drehmomentoptimierenden Vanos-Nockenwellenverstellung versehenen Vierzylinders lassen etwas davon erahnen.

Der Motor hängt gut am Gas, aber es wäre übertrieben zu behaupten, dass hier eine spürbare Verbesserung erreicht worden wäre. Das Geräuschbild wirkt insgesamt gedämpfter, die Laufruhe ist gut, aber deutlich unter dem, was BMW mit seinen feinen Sechszylindern vorgibt. Der Valvetronic-Vierzylinder ist wie ein guter Schüler, der immer korrekt seine Hausaufgaben macht. 

Keine Begeisterung also, aber auch keine Klagen – und eine seltene Distanz zu dem 2,5-Liter-Sechszylinder mit 192 PS, der den schwergewordenen Compact mit Grandezza entschwinden lässt. Die 115 Pferde der Basis, eine auch aus Marketing-Gründen bewusst bescheidene Ausbeute, tun sich nicht so leicht, selbst wenn die Messwerte von gutem Temperament künden (null auf 100 km/h in 10,7 s, Durchzug von 80 auf120 km/h im großen Gang in 14,6 s). Höchstgeschwindigkeit 201 km/h –auch hier liegt man über dem Vorgänger.

8,9 Liter verbrauchteder erste Compact im auto motor und sport-Test vor genau sieben Jahren, und nun liegen die Werte trotz Valvetronic in einem ähnlichen Rahmen. Der Fortschritt ist da, auch manifestiert durch einen Minimalverbrauch von nur 6,8 Litern, aber er wird zum Teil durch über vier Zentner Mehrgewicht und die höhere Leistung aufgezehrt. Immerhin, mit achteinhalb Litern ist man schon ganz flott, aber dann meist auch mit weiter geöffneten Ventilen unterwegs. Der Verbrauch geht in Ordnung, aber er ist nicht das Kaufargument.

Wie der neue Compact auf der Straße steht, mit seinem kühn abgeschnittenen Tempo-Heck und den grimmig den Asphalt musternden Kappen-Scheinwerfern, das ist eher Anlass, schwach zu werden. Schon optisch signalisiert das neue Auto, dass es zwar der billigste BMW, aber keineswegs ein Billig-BMW sein will. Premium-Anspruch also auch im Karosserie-Bereich, selbst wenn ein paar Einschränkungen einfach dazugehören.

Der Einstieg in den Fond ist auch mit den weiter nach vorne klappenden Sitzlehnen nicht so ganz einfach, der Beinraum hinten hat zwargewonnen, aber man tut trotzdem gut daran, im Compact eher einenkomfortablen 2+2 zu sehen. Das Kofferraum-Volumen beträgt 310 Liter, kaum mehr als beim Vorgänger. Mit umgeklappten Rücksitzlehnen sind es immerhin 1.100 Liter.

Vorne begrüssen einen die gleichen Instrumente und Hebeleien wie im regulären 316i, eine metallisch schimmernde Leiste am Armaturenbrett soll für Frische sorgen. Was man anfasst, fühlt sich gut an,Verarbeitung und Qualitätseindruck sind, zusammen mit der Steifigkeit der neuen Karosse, bestmöglich.

Handelsklasse A also, auch dieser Eindruck trägt zum Fahrvergnügen bei, wenn auch der Sitzkomfort trotz guter Seitenführung vorne und mannigfaltiger Verstellmöglichkeiten nur durchschnittlich ausfällt. Die Bedienung ist einfach und ohne Rätsel, die Betätigung des Schalthebels eher lustvoller Vorgang als wahre Notwendigkeit. Dass es im Fond an Kopffreiheit fehlt, muss der Compact-Fahrer in Kauf nehmen, ebenso wie den durch den anderen Gurtverlauf bedingten umständlicheren Anschnallvorgang.

Nun sollen sie ruhig kommen, die Kurven und gerne auch die dazwischen liegenden Geraden. Auch bei hohen Geschwindigkeiten läuft der 316 ti sauber geradeaus, die Phonwerte sind, nicht zuletzt wegen sehr geringer Windgeräusche, selbst bei Autobahntempo mäßig. Die Laufruhe der Mechanik spielt natürlich auch eine Rolle. Lange Strecken lassen sich ermüdungsfrei zurücklegen, besser jedenfalls als mit dem Vorgänger.

Die Servolenkung ist relativ schwergängig. Aber beim Einlenken in Kurven wirkt der Compact verglichen mit der Limousine leichtfüssiger, mit einer ähnlichen Differenz wie bei den entprechenden Vorgänger-Modellen. Die bessere Handlichkeit, ergänzt durch einen kleinen Wendekreis, erhöht die Agilität spürbar, ohne dass man dies freilich überbewerten sollte. Denn man bemerkt in memoriam des Vorgängers auch hier das weit höhere Gewicht von gut vier Zentnern.

Die Fahrsicherheit ist mit einem weitgehend neutralen Kurvenverhalten und den exzellenten Bremsen sehr hoch. Das elektronische Stabilitätsprogramm DSC ist schon beim 316 ti im Grundpreis enthaltenen, es setzt weich und nicht vorschnell ein.

Was man sich jedoch wirklich wünscht, wäre ein etwas besserer Federungskomfort. Der Compact ist auch in der Basismotorisierung straffer abgestimmt als die Limousine, und dies wird vor allem auf kurzen Unebenheiten spürbar. Die Hinterachse stößt mitunter, worunter der Gesamtkomfort trotz des sehr geschmeidigen Abrollens leidet. Weniger Sportivität wäre hier besser, zumal der 316 ti von der Leistung her ein braver BMW geworden ist.

Gegenüber seinem Vorgänger ist er gleichwohl ein anderer im Geiste, ein High-Tech-Geschöpf, das die klassischen BMW-Werte in die 40.000-Mark-Klasse transportiert. Fahrfreude kann man auch billiger haben, aber eben nicht mit einem BMW.

Fazit

BMW hat mit der Neuauflage des Compact einen weiteren Fahrfreude-Beitrag geleistet, mit gutem Handling, sehr guter Qualität und einem ökonomischen, wenn auch nicht sensationell sparsamen Motor. Gute Fahrleistungen, gute Bremsen - es fehlt nur ein besserer Federungskomfort.

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Technische Daten
BMW 316ti Compact
Grundpreis 20.750 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4262 x 1751 x 1408 mm
KofferraumvolumenVDA 310 bis 1100 l
Hubraum / Motor 1796 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 85 kW / 115 PS bei 5500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 201 km/h
0-100 km/h 10,7 s
Verbrauch 6,9 l/100 km
Testverbrauch 8,9 l/100 km
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