BMW 645 Ci Cabrio im Test

Hut ab und ab geht´s

Foto: Hans-Dieter Seufert

Im 333 PS starken 6er-Cabrio vereinen sich acht Zylinder mit 4,4 Liter Hubraum, vier Sitze und ein Stoffdach zu einer höchst genussvollen und 81.250 Euro teuren Mischung. Der Frühling kann kommen.

Es ist eine Kopfbedeckung, die nichts mit den schrillen Ascot-Hüten gemein hat, dennoch dürfte sie für ähnlich viel Aufsehen sorgen, denn mit dem formvollendeten Stoffdach stemmt sich BMW beim 645 Ci Cabrio gegen den Trend zu harten Stahlhelmen. Auf den ersten Blick gibt es am Dach des 81 250 Euro-Cabrio (inkl. SMG-Getriebe) wenig Einzigartiges zu entdecken: Ein Stahlgestell, serienmäßig hydraulisch bewegt, wird von einer dreilagigen Dachhaut umschlossen. Aber anders als bei bisherigen Konstruktionen übernimmt in diesem Fall keine Vliesschicht als Lage zwischen Innenhimmel und Außenhaut die Wärme- und Geräuschdämmung, sondern ein spezieller Polyurethan-Schaum. Auch am beheizbaren Glas-Heckfenster wurde kräftig weiterentwickelt. Es ist beim 645 Cabrio nicht mit dem Dach, sondern mit der Karosserie verbunden und lässt sich daher separat ein- und ausfahren. Bei geöffnetem Verdeck kann es als Windschott für die zweite Reihe dienen, bei geschlossenem Dach lässt es sich absenken, um den Innenraum mit Frischluft zu versorgen.

Diese beiden Effekte sind nett, aber fast nebensächlich. Denn meist wird man die kleine Scheibe aus einem ganz anderen Grund öffnen. Denn sind alle Schotten dicht, bekommen die Passagiere unter anderem dank des Verdeck-Schaumkerns so gut wie nichts von den Außengeräuschen mit. Selbst der formidable Sound des 4,4-Liter- V8 muss draußen bleiben. Lässt man jedoch die Heckscheibe verschwinden, wird seinem basslastigen Konzert Einlass gewährt. Mit versenktem Dach gewinnt der trinkfeste Achtzylinder erwartungsgemäß an Präsenz. Aber der Orkan bleibt akustisch, denn der Sechser beutelt seine Passagiere nicht mit ruppigen Böen, er spült sie lediglich kräftig mit Frischluft durch. Mit den Scheiben und dem aufpreispflichtigen Windschott hinter den Vordersitzen kann luftiges Feintuning betrieben werden. Für die Übersichtlichkeit spielt es überraschenderweise kaum eine Rolle, ob offen oder geschlossen gefahren wird, sie ist in beiden Fällen annähernd gleich schlecht.

Wagenbug und Heck liegen nicht im Blickfeld, der aufpreispflichtige Abstandswarner hilft beim Rangieren spürbar und fällt in die Rubrik der sinnvollen Extras. Das SMG-Getriebe ist dort nicht unbedingt zu finden. Zugegeben, seit seiner Einführung 1997 ist das automatisierte Schaltgetriebe erheblich besser geworden, aber die Hauptkritikpunkte sind dieselben wie vor Jahren: Der Sechser rollt am Berg zurück, wenn der Fuß von der Bremse genommen wird, weil der Automat Zeit zum Einkuppeln braucht, und die Gangwechsel geraten nicht so sanft wie bei einem von kundiger Hand geschalteten Getriebe. Angesichts der weitgehend perfekt funktionierenden BMW-Handschaltboxen scheint das SMG verzichtbar. Üblicherweise sind Cabriolets schwerer als die Autos, von denen sie abgeleitet wurden. Versteifende Maßnahmen in der Bodengruppe machen die Gewichtszunahme zwangsläufig – beim 645 Cabrio liegt sie nach Aussage von BMW bei 70 Kilogramm.

Die Stabilisierung erweist sich in einem Punkt als sehr gelungen: Selbst schlechte Straßen entlocken dem enthaupteten Coupé kaum Verwindungen oder Karosserie-Zittern. Allerdings wiegt der steife Testwagen, ausgestattet mit fast allem, was die Zubehör- Liste bietet, stattliche 1935 Kilogramm. Die Zuladung schrumpft auf viel zu geringe 310 Kilogramm. Vier Erwachsene wiegen aber bereits ohne Gepäck 300 Kilogramm. Ein 645 Cabrio in vollem Ornat ist also lediglich ein Dreisitzer, wenn auch noch Koffer mitgenommen werden sollen. Ein Karosserie-Werkstoff-Mix aus Stahl, Aluminium und Kunststoff verhindert, dass die Zwei-Tonnen-Grenze geknackt wird und ermöglicht trotz Frontmotor eine Gewichts-Verteilung von annähernd 50:50 – mit entsprechenden Vorteilen für das Fahrverhalten. Auf kurvenreichen Strecken kann man mit dem offenen Sechser ohne viel Mühe sehr schnell unterwegs sein. Landstrassenübliche Geschwindigkeiten beeindrucken ihn nicht ansatzweise, er bleibt auf dem gewundenen Asphaltband so neutral wie die Schweiz im Krisenfall. Wer den hoch angesiedelten Grenzbereich ausloten möchte, sollte dies auf einer abgesperrten Strecke tun.

Dort lässt sich dann auch die Qualität der elektronischen Fahrwerkshilfen genau unter die Lupe nehmen. ESP, bei BMW DSTC genannt, greift sanft und nicht zu früh ins Geschehen ein, der Wankausgleich Dynamic Drive verhindert wirkungsvoll starke Aufbaubewegungen. Erstaunlich agil, entpuppt sich der große Sechser als echter Sportwagen, ohne den Fahrer aber wie ein Sportler vom alten Schlag ständig zu fordern. Denn Sportlichkeit wurde nicht mit übertriebener Fahrwerkshärte erkauft. Die Abstimmung der Feder-Dämpfer- Einheiten geriet verbindlich stramm, jedoch nicht unkomfortabel hart – ein typisches Gran Turismo-Fahrwerk, mit dem sich lange Strecken schnell, aber ohne große Beeinträchtigungen zurücklegen lassen. Weil der Sechser auf der Technik des Fünfer aufbaut, lässt er sich gegen Aufpreis mit der Aktivlenkung ausrüsten.

Die verändert geschwindigkeitsabhängig die Lenkübersetzung: Kleine Drehwinkel am Lenkrad führen bei niedrigen Geschwindigkeiten zu ungewöhnlich großen Ausschlägen an den Vorderrädern. Die ersten Kilometer fährt man daher wie Meister Lampe auf der Flucht und schlägt Haken. Freilich gewöhnt man sich an die Lenkung, aber das dauert, und darum kann für dieses Extra keine generelle Kauf-Empfehlung gegeben werden. Für die Sitzheizung muss sie nicht erst ausgesprochen werden, denn die Heizschlangen sind serienmäßig an Bord, und sie sollten nicht länger als Weichei-Zubehör gelten. Denn sie stellen eine sinnvolle Unterstützung für die kräftige Heizung dar, Cabriospaß und einstellige Außentemperaturen schließen sich so nicht mehr gegenseitig aus.

Ein Extra-Schmankerl: Die Klimaautomatik versorgt die Passagiere bei Offenfahrten in frostigem Wetter mit zusätzlicher Warmluft rund um die Oberkörper. Wer dennoch unter klammen Fingern leidet, kann das beheizbare Lenkrad ordern. Und warme Hände sollte man schon haben, wenn man die letzten Finessen aus dem i-Drive herausholen möchte. Allein der Radio- Senderwechsel erfordert schließlich einige Handgriffe – dabei hätte die Armaturentafel locker Platz für sechs Stationstasten zu bieten. Dass diese die hochwertige Optik stören würden, ist kaum vorstellbar. Ab 27. März ist das große BMW Cabrio zu haben, der Frühling ist dann eine Woche alt. Sollte es dennoch regnen, kann man ja mit Hut fahren.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • gut verarbeitete, steife Karosserie
  • Platzangebot für vier Erwachsene
  • sehr gut ablesbare Instrumente
  • zu niedrige Zuladung
  • nach vorn und hinten sehr unübersichtlich
Fahrkomfort
  • sehr niedriges Geräuschniveau
  • insgesamt guter Federungskomfort
  • wirkungsvolle Heizung
  • gut isoliertes Verdeck
  • bequeme Sitze
Antrieb
  • kultivierter Motor
  • sportliches Temperament
  • SMG-Getriebe mit Detailschwächen
Fahreigenschaften
  • sehr sicheres Fahrverhalten
  • gute Handlichkeit
  • fast keine Seitenneigung
  • sehr gewöhnungsbedürftige Aktiv-Lenkung
Sicherheit
  • äußerst wirksame Bremsen
  • komplette Sicherheitsausstattung
Umwelt
  • Emissionseinstufung EU 4
  • hoher Verbrauch
Kosten
  • hoher Kaufpreis
  • teilweise gesalzene Aufpreise
  • nur 2 Jahre Gewährleistung

Fazit

Sportler und Fernreisebegleiter, das Sechser Cabrio ist beides. Das Stoffdach stellt, bis auf die höhere Pflegebedürftigkeit, gegenüber einem Stahldach keinen Nachteil dar. SMG-Getriebe und Aktiv-Lenkung sind nicht nach jedermanns Geschmack.

Technische Daten
BMW 645i Cabrio SMG
Grundpreis 81.250 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4820 x 1855 x 1373 mm
KofferraumvolumenVDA 350 l
Hubraum / Motor 4398 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 245 kW / 333 PS bei 6100 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
0-100 km/h 6,1 s
Verbrauch 12,9 l/100 km
Testverbrauch 15,2 l/100 km
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