BMW 645 Ci gegen Porsche 911

Sport-Verdacht

Das neue BMW Sechser Coupé basiert auf dem Fünfer und kann deshalb nicht die Kompromisslosigkeit eines Porsche bieten. Dennoch wildert es in Anspruch, Leistung und Preis im 911-Revier.

Der beste Sportwagen Deutschlands? Ja, wer denn wohl. Nicht nur Kenner des Genres sagen auf diese Gretchenfrage reflexartig die Zahl 911. Schließlich gab es 40 Jahre lang keine wirkliche Alternative, nicht aus heimischer Produktion. Der Mercedes SL? Zu schwer, zu soft. BMW M3, Z3 in M-Ausführung? Guter Anlauf, aber zu kurz gesprungen. Als reinrassiger Sportwagen blieb der Porsche hier zu Lande unangefochten. Doch das Podest bröckelt. Mehr als jedes andere deutsche Auto könnte nun der BMW 645 Ci die Position des 911 ins Wanken bringen.

Sicher, das neue Coupé basiert auf dem Fünfer und kann deshalb nicht die Kompromisslosigkeit des Porsche bieten. Dennoch wildert es in Anspruch, Leistung und Preis im 911-Revier. Der 2+2-Sitzer will mehr sein als nur Coupé oder GT. Bei BMW sieht man ihn talentmäßig lieber in einer Reihe mit waschechten Sportwagen, keine Spur von falscher Bescheidenheit also.

Fakt oder doch frommer Wunsch? Das Duell wird es ans Licht bringen – und weil der 911 gerade seinen Vierzigsten feierte, darf er in Jubiläumsausgabe antreten. Die ist zwar nicht ganz billig (95 616 Euro), bietet aber so ziemlich alles, worauf 911-Fans scharf sind, unter anderem mehr Leistung (345 statt 320 PS), Sperrdifferenzial, 18-Zoll-Räder, Sportfahrwerk, elektrisches Schiebedach, Turbo- Frontschürze, Bi-Xenonscheinwerfer und ein Soundpaket für das CD-Radio. Logisch, dass der Fairness halber auch der 333 PS starke 645 Ci in Topform antritt: Ein Sportfahrwerk offeriert BMW schon serienmäßig, aber 19- Zoll-Räder plus Fahrdynamikpaket kosten 4450 Euro extra und sind im Testwagenpreis (76 450 Euro) enthalten. Letzteres umfasst die Aktivlenkung (mit variabler, geschwindigkeitsabhängiger Übersetzung) und die aktive Wankstabilisierung („Dynamic Drive“).

Im Übrigen ergibt der Ausstattungsvergleich in Euro und Cent auch ohne weitere Mehrausgaben nahezu Gleichstand mit dem teuren Jubi-911. Diese Preispolitik von Porsche selbstbewusst zu nennen, wäre eine freundliche Untertreibung. Bei BMW ist der Gegenwert offensichtlich. Neben dem voluminösen und wuchtig gestylten Sechser wirkt der Porsche filigran, schrumpft geradezu auf Miniaturformat. 

Dynamik, trotz Größe

Es ist keine Frage, wer hier mehr Auto fürs Geld bietet – ein Vorteil freilich, dem Sportwagen-Freunde grundsätzlich mit Argwohn begegnen: Groß bedeutet schwer, und beides zusammen lässt in Sachen Dynamik schließlich nichts Gutes ahnen. Ist der BMW 645 Ci womöglich doch auf der falschen Veranstaltung? Der Gewichtsvergleich untermauert den Verdacht. 1740 Kilogramm wiegt das Coupé, das sind über fünf Zentner mehr als der 911. Andererseits: Von nichts kommt nichts, und Sportfahrer sind auch nur Menschen.


Im profanen Autoalltag jedenfalls empfindet man die vergleichsweise üppigen Platzverhältnisse im BMW als höchst angenehm, der geräumige Kofferraum ist ebenfalls nicht zu verachten. Man sitzt höher, bequemer und, zugegeben, auch limousinenhafter als im flachen Porsche, dessen Sportsitze mehr der Abstützung von Fliehkräften als dem Komfort dienen. Gleichwohl hapert es im BMW Coupé an Übersichtlichkeit, denn seine Karosserie scheint an den Unterkanten von Front- und Heckscheibe zu enden.

Aber auch in der näheren Umgebung fehlt dem Fahrer bisweilen der Überblick: Die Instrumentierung ist spärlich, das Auffinden eines Radiosenders mittels i-Drive umständlich (keine Stationstasten). Die Lenkradhebel mit Tippschaltung können ebenfalls Verwirrung stiften – im Porsche kommt man auf Anhieb besser zurecht. Dem Wohlfühlfaktor schaden diese Details allerdings höchstens sporadisch. Kultiviertes Benehmen ist dem BMW angeboren, wer auf Radau und sportliches Getue Wert legt, geht leer aus. Das gilt für den seidenweich laufenden, aber kraftvollen V8-Motor, das gilt aber auch für das Fahrwerk, das bei aller gebotenen Straffheit grobe Fahrbahnstöße geschmeidig absorbiert. Sollte es sich beim Sechser wirklich um einen Sportwagen handeln, dann hat ihn BMW gut getarnt. Freilich nicht gut genug, wie sich spätestens nach ein paar schnellen Kurven herausstellt.

Fahrspaß durch Präzision ist das Credo des BMW 645 Ci

Mit geringem Lenkaufwand, exakt wie ein Skalpell und obendrein unbeeindruckt von der Fahrbahn-Beschaffenheit zirkelt der BMW 645 Ci um Radien unterschiedlichster Ausprägung. Wechselkurven nimmt er aus dem Handgelenk, ohne fühlbare Seitenneigung, und um etwaige Ausbruchsversuche kümmert sich sanft, aber bestimmt die DSC-Elektronik (ESP). Fahrspaß durch Präzision ist das Credo des BMW, und wer an seiner Qualifikation als Fahrmaschine noch zweifelt, den mögen die Messwerte überzeugen: Bei den diversen Fahrdynamikversuchen gab sich der BMW 645 Ci dem 911 mit Sportfahrwerk keineswegs geschlagen, und das ganz ohne fahrerische Kraftakte – Sportwagen oder was? Dass die Frage auch damit noch keineswegs restlos beantwortet ist, offenbart indes die Gegenprobe.


Das Ergebnis: Ganz klar, zum Punktesammeln fehlt es dem Porsche in dieser Begegnung einfach an der nötigen Ausgewogenheit. Auf schlechten Straßen bleibt er hart, gibt den Zappelphilipp und lässt es im Karosseriegebälk knistern. Lärm gehört bei ihm zum Handwerk, das Ausloten des Kurvenpotenzials verlangt den gekonnten Umgang mit Gaspedal und Lenkrad, und wer das Feuer des Boxermotors spüren will, der muss emsig schalten – es gibt weniger anstrengende Möglichkeiten, schnell zu sein.

Die gute Nachricht: Kaum eine ist so aufregend und befriedigend wie der 911. Seine emsig kommunizierende Lenkung, der naturechte Straßenkontakt, die Beteiligung des Fahrers am fahrdynamischen Prozess, die ausgeprägte Handlichkeit, das alles summiert sich zu einem Fahrgefühl, das die Lebensgeister weckt. Dagegen wirkt der Sechser eher synthetisch, fast schon wie ferngesteuert. So möchte man denn auch den röhrenden Sound des Motors beim Ausdrehen auf keinen Fall missen.

Der BMW-V8 mag ein Prachtstück sein, durchzugskräftiger, drehwillig, beeindruckend perfekt, aber der Porsche-Boxer ist die Temperamentsbestie in diesem Vergleich. Und Bestien wollen gebändigt werden, was sich dank eng abgestuftem Sechsganggetriebe und mittels Differenzialsperre hervorragender Traktion letztlich als das größere Vergnügen entpuppt. Damit dürfte die Sachlage hinreichend geklärt sein: Der 645 Ci bietet mehr als nur Sportlichkeit, der 911 mehr Sportlichkeit. Der eine verdient den Respekt, der andere die Emotionen.  

Fazit

1. Porsche 911 Carrera 40 Jahre
455 Punkte

Für Fahrer mit Nehmerqualitäten: Der 911 im Sporttrimm ist härter, lauter, enger und erheblich teurer als der BMW. Aber dafür ist der Porsche auch mehr Sportwagen: Die Lacher zumindest hat er auf seiner Seite.

2. BMW 645 Ci
499 Punkte

Seine Fahreigenschaften setzen Maßstäbe, dazu ein prachtvoller V8-Motor, gute Alltagstauglichkeit mit genügend Komfort, ein reeller Preis – der Punktsieg ist ihm sicher. Nur der Spaßfakto kommt etwas zu kurz.

Technische Daten
Porsche 40 Jahre 911 BMW 645Ci
Grundpreis 95.616 € 72.000 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4430 x 1770 x 1295 mm 4820 x 1855 x 1373 mm
KofferraumvolumenVDA 130 l 450 l
Hubraum / Motor 3596 cm³ / 6-Zylinder 4398 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 254 kW / 345 PS bei 6800 U/min 245 kW / 333 PS bei 6100 U/min
Höchstgeschwindigkeit 290 km/h 250 km/h
0-100 km/h 4,9 s 5,8 s
Verbrauch 11,3 l/100 km 11,8 l/100 km
Testverbrauch 14,1 l/100 km 14,6 l/100 km
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